von Holger Twele

Mit etwa 24.000 Besuchern und damit 3000 mehr als im Vorjahr konnte der "Schlingel" in Chemnitz einen neuen Rekord vermelden. Das auf Wachstum und Innovationen programmierte Festival, das im Juni des Jahres von der FFA sogar als Referenzfilmfestival anerkannt wurde, präsentierte in der letzten Septemberwoche 159 Produktionen aus 51 Ländern. Sie konkurrierten um die insgesamt 19 Preise im Gesamtwert von 64.000 Euro. Die diesjährigen Hauptpreise gingen an Produktionen aus Spanien, Frankreich und Großbritannien, wobei gerade beim jungen Publikum offenbar Filme besonders gut ankamen, in denen die Protagonisten sich in phantastischen Welten behaupten müssen.

Phantastische Geschichten und Fantasiewelten

Ein klares Signal für phantastische Filmstoffe jenseits der Alltagsrealität setzte die Europäische Kinderjury mit dem von ihr vergebenen Europäischen Kinderfilmpreis der sächsischen Kunstministerin. Im spanischen Fantasy- und Abenteuerfilm Zip & Zap und die Kapitänsinsel von Oskar Santos, der genüsslich motivische Anleihen von Jules Verne bis hin zu Coraline nimmt, reisen zwei aufmüpfige Zwillinge als erzieherische Maßnahme mit ihren Eltern auf eine einsame Insel. Die Familie landet in einem Kinderheim, das von einer exzentrischen jungen Frau geleitet wird. Doch am nächsten Tag sind die Eltern spurlos verschwunden und ein Entkommen aus dem mit allen technischen Raffinessen und wundersamen Maschinen eingerichteten Heim scheint unmöglich. Der wahre Horror und damit ein Abenteuer auf Leben und Tod beginnt, als die Kinder hinter das Geheimnis des Hauses kommen und die wahre Identität der Leiterin herausfinden.

Stärker in der Alltagsrealität verankert und dazu noch äußerst poesievoll ist der französische Familienfilm Kleiner Schlingel Spirou von Nicolas Bary, der von der Fachjury den Preis der Stadt Chemnitz erhielt. Wie Generationen seiner Familie zuvor soll auch der kleine Spirou zum Hotelpagen ausgebildet werden. Dafür allerdings müsste der 12-Jährige die Schule wechseln und seine Freunde im Stich lassen. Viel lieber als sein Leben lang Koffer tragen würde Spirou jedoch eine Weltreise mit seiner kleinen Freundin unternehmen. Gemeinsam entwickeln die Kinder daher einen Plan, damit Spirous Träume in Erfüllung gehen. Diese münden am Ende in eine aberwitzige Verfolgungsjagd, die allein schon den Film sehenswert macht, denn nicht alle gönnen Spirou die Erfüllung seiner Träume.

Das phantastische polnische Märchen Die blaue Tür von Mariusz Palej, das den Publikumspreis gewann, beginnt knallhart mit einem Verkehrsunfall, bei dem der elfjährige Lukas und seine Mutter schwer verletzt werden. Während die Mutter im Koma mit dem Leben ringt, wird der Junge bei seiner ihm vollkommen unbekannten Tante in einem verwunschenen Haus an der Ostsee einquartiert. Durch eine blaue Tür gerät er in eine wundersame magische und morbide Welt voller seltsamer Pflanzen und bunter Vögel und an eine gruselige Schneiderpuppe, die ihm einen Silberfaden schenkt. Zurück in Haus der Tante erkennt der Junge voller Schrecken, dass sich der Silberfaden vervielfältigt und bereits das ganze Haus samt Tante eingesponnen hat. Daher fasst er allen seinen Mut zusammen, um gemeinsam mit neuen Freunden erneut in die Parallelwelt zu gehen und dem Geheimnis des Hauses auf die Spur zu kommen.

Die Welt der Geister und der übersinnlichen Kräfte wird auch in dem allein schon tricktechnisch faszinierenden südkoreanischen Science-Fiction-Drama Der in der Zeit verschwand von Uhm Tae-hwa aus der Junior-Sektion des Schlingel beschworen, allerdings in einer enigmatischen und mitunter verstörenden Weise, die man wohl nur im asiatischen Kino findet und die westliche Sehgewohnheiten im ganz wörtlichen Sinn sprengt. Denn nach einer riesigen Explosion verschwinden auf einer Insel plötzlich einige Kinder spurlos, darunter ein 14-jähriges Mädchen und einer ihrer Mitschüler, in den sie sich zuvor verliebt hat. Allein das Mädchen taucht Tage später wieder auf, doch weder die Polizei noch sonst jemand glaubt ihr die Geschichte, dass die Kinder in einer Höhle ein Kobold-Ei gefunden hätten, das in tausend Stück zersprang und die Zeit still stehen ließ. Als eines Tages ein seltsamer junger Mann auftaucht, ist sich das Mädchen sicher, dass es sich hierbei wirklich um ihren plötzlich um 20 Jahre gealterten Freund handelt. Als sie ihm helfen möchte, geraten beide in eine beispiellose Hetzjagd, in der einzig und allein das Vertrauen zwischen den beiden einstigen Schulfreunden von Bestand ist.

Blindheit und Erblindung

Das Thema Blindheit fesselt gerade Filmschaffende wohl auf eine ganz besondere Weise, natürlich auch im Bereich des Kinder- und Jugendfilms. Gleich drei Filme zu diesem Thema waren in Chemnitz zu sehen:

Nach einer wahren Begebenheit erzählt der chinesische Regisseur Zhang Wei in Die Ballade von Tibet die Erlebnisse einer Gruppe von Schülern einer Blindenschule im Hochland von Tibet. Sie träumen davon, in einer Fernsehshow in der chinesischen Großstadt Shenzhen aufzutreten, um der Welt zu beweisen, dass Blinde mehr können, als am Webstuhl zu sitzen oder andere Menschen zu massieren. In der Show möchte die zehnjährige Droma zeigen, wie gut sie singen kann, während die Jungen sie auf traditionellen Instrumenten begleiten. Den Kindern gelingt es tatsächlich, teilweise sogar zu Fuß über die Berge zu finden und fremde Hilfe zu erhalten, bis ihre Mission durch Zerwürfnisse in der Gruppe gefährdet ist.

Der französische Kinderfilm Herz über Kopf – Die Melodie ihres Lebens von Michel Boujenah sollte eigentlich schon 2016 im deutschen Kino starten und bekommt durch den Sonderpreis des MDR nun eine verdiente neue Chance. Denn die unterhaltsam, humorvoll und sensibel erzählte Liebesgeschichte zwischen dem zwölfjährigen lernunwilligen Victor und der Musterschülerin Marie steckt voller Überraschungen. Auch in diesem Film spielen die Musik und damit der Ton eine besondere Rolle. Denn das unter einer degenerativen Augenerkrankung leidende Mädchen möchte gegen den Willen ihres Vaters heimlich die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule absolvieren. Damit sie bis dahin ihre zunehmende Erblindung verbergen kann, benötigt sie Victor, der ihr beim "Sehen" hilft und dafür Nachhilfeunterricht bekommt. Maries Plan, in den sie Victor viel zu spät einweiht, droht zu scheitern, als sich ein anderer Junge aus der Klasse für Marie zu interessieren beginnt.

Ebenfalls aus Frankreich kommt der Jugendfilm Ava von Léa Mysius, der allerdings nur in der Sektion Panorama lief. Er wurde übrigens eine Woche später beim Lucas-Festival in Frankfurt ausgezeichnet. Wie Marie droht auch die 13-jährige Ava bald zu erblinden. Den Sommerurlaub mit ihrer alleinerziehenden Mutter möchte die Pubertierende daher in vollen Zügen genießen, solange sie noch etwas sehen kann. Da ihre Mutter sich selbst wie ein unreifes Mädchen gebärdet, bleibt Ava nur die Wahl, es zur Abgrenzung von der Mutter noch bunter zu treiben. Sie verliebt sich in einen 18-jährigen Kleinkriminellen, der von der Polizei gesucht wird, und flieht mit ihm in eine ungewisse Zukunft. Hervorragend gespielt und auch in der Farbdramaturgie überzeugend, verliert der Film lediglich ganz zum Ende hin etwas von seiner erzählerischen und künstlerischen Stringenz.

Fortsetzungen ohne Ende?

In Zeiten, in denen Serienkonzepte ohnehin hoch im Kurs stehen, möchte man beim Kinofilm nicht nachstehen. Nach dem Erfolg eines Filmes werden daher solange Fortsetzungen produziert, bis der erste Flop da ist oder im Bereich des Kinderfilms das Alter der Protagonisten natürliche Grenzen setzt. Auch bei Zip & Zap oder etwa beim tschechischen Märchenfilm Ein Engel des Herrn gab es bereits einen Vorgänger.

Und die auf einer Buchserie beruhende dänische Filmreihe um den indischen Jungen Iqbal, der mit seiner Familie in Kopenhagen wohnt und bei seinem Lehrer ständig aneckt, findet nun in dem neuen Abenteuer Iqbal und der Superchip von Oliver Zahle seine aberwitzige Fortsetzung. Diesmal möchte der Junge zusammen mit seinen Freunden das ganze Stadtviertel vor dem Abriss retten, indem er Wirtschaftskriminellen einen offenbar unzerstörbaren Energiechip verkauft, der nach einem Blitzeinschlag vor seinen Augen entstanden ist.

Im vierten Teil der niederländischen Mees Kees-Reihe Lehrer Kees am Ball muss sich der sympathische Lehrer mit Hilfe seiner Schülerinnen und Schüler erneut gegen die dumme Schuldirektorin zur Wehr setzen. An den Charme der ersten Teile kommt dieser Film allerdings nicht heran, da er mit Ausnahme der Direktorin mit neuen Darstellern besetzt wurde und die Geschichte erzähldramaturgisch und alogisch komplett mit den ersten Teilen bricht. Weitaus überzeugender, wenn auch nicht gerade innovativ ist die Fortsetzung der Abenteuer von zwei Erstklässlern mit ihren animierten sprechenden Stofftieren.

In Karsten und Petra gehen wandern von Arne Lindtner Næss verbringen die Kinder ein lustiges und zugleich spannendes Campingwochenende in den Bergen Norwegens, in dem sie viel über das Verhalten in der Wildnis lernen und obendrein Petras Mutter noch einen neuen Partner vermitteln möchten.

Rollenbilder und Selbstbehauptung

Neues und Überraschendes boten jedoch andere Filme. Der Hauptpreis der Sächsischen Landesmedienanstalt wurde von einer fünfköpfigen Fachjury an den britischen Film Einfach Charlie von Rebekah Fortune vergeben. Auch die Juniorjury entschied sich für diesen tragikomischen Film, in dem ein 13-jähriger fußballbegeisterter Junge erkennt und akzeptiert, dass er bisher im falschen Körper gelebt hat. Sein Wunsch, endlich als Mädchen leben zu können, stößt bei seinem Vater und Teilen seines Umfelds auf vehemente Ablehnung, aber zum Glück auch auf Verständnis und Toleranz.

In dem brasilianischen Roadmovie Auf Rädern von Mauro D'Addio hilft der nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselte, fußballbegeisterte Lucas seiner Klassenkameradin Lais, ihren Vater zu finden, der die Familie vor langer Zeit verlassen hatte. Am Ende entdecken die beiden Kinder allerdings etwas ganz anderes, nämlich den Wert von Freundschaft, der auch durch eine Behinderung in keiner Weise geschmälert werden kann. Genau der passende Film für den Preis der Ökumenischen Jury.

Tragik und Komik liegen auch in der niederländisch-deutschen Koproduktion Hotel the Big L von Ineke Houtman nahe beisammen. Der Film über die Versuche von vier Geschwistern, das Hotel ihres erkrankten Vaters vor dem Ruin zu bewahren, kommt im Frühjahr 2018 unter dem Titel Allein unter Schwestern in die deutschen Kinos. Kaum verwunderlich, dass auch bei diesem Film ein Junge, der einzige Sohn des Vaters, davon träumt, Fußballchampion zu werden. Julian Ras wurde für die Rolle des Kos in Chemnitz als Bester Darsteller ausgezeichnet Um sich gegenüber seinen Schwestern zu behaupten und bei einem Schönheitswettbewerb einen Geldpreis zu gewinnen, schlüpft Kos vorübergehend ebenfalls in Frauenkleider.

Auf der Suche nach Orientierung

Bleibt noch der Jugendfilmwettbewerb mit einigen starken Filmen. Das Rennen machte hier der zweite südkoreanische Beitrag des Festivals, Ein Meer aus Salz und Blüten von Yoon Hong-Seung. Dem visuell bestechenden, über einen Zeitraum von mehr als 12 Jahren erzählten und emotional stark berührenden Film gelingt es, verschiedene Generationen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen am Ende harmonisch miteinander zu verbinden, wobei gegenseitige Zuneigung und Vertrauen wichtiger als die Blutsbande sind. Liebevoll kümmert sich eine Großmutter um ihre kleine Enkelin, nachdem die Eltern nicht mehr zur Verfügung stehen. Zehn Jahre, nachdem das Mädchen auf dem Markt plötzlich unauffindbar verschwunden ist, kehrt die inzwischen Jugendliche zur überglücklichen Großmutter zurück. Diese möchte der Enkelin eine Zukunft als Künstlerin ermöglichen, bis ein Fremder im Ort auftaucht, den ein dunkles Geheimnis mit dem Mädchen verbindet.

Von einer Verbindung, die ebenfalls für die Ewigkeit gedacht ist und in brutalem Verrat endet, erzählt Tessa Schram in dem niederländischen Film Genug. Bereits als Kinder waren sie dicke Freunde – in der Schule wie auf dem Fußballplatz. Als Jahre später nur Sander im Fußball Karriere macht und auch noch eine Freundin hat, schleichen sich Neid und Misstrauen bei den anderen ein. Diese geraten unter den Einfluss eines neuen Mitschülers. Zusammen setzen sie Sander massiv unter Druck, nachdem dieser Zeuge geworden ist, wie seine ehemaligen Freunde einen Mann bewusstlos geschlagen haben. Manchmal unfreiwillig komisch, gelingt es dem, eine Spirale der Gewalt aufzuzeigen, aus der es am Ende dennoch ein Entkommen gibt.

Auf ganz andere Weise hin- und hergerissen zwischen seinem alten und jetzigen Leben ist der 16-jährige Nassim aus Paris in Mach's gut! von Chad Chenouga. Nach dem Selbstmord seiner Mutter wohnt er in einem Jugendheim und muss seinen Platz zwischen anderen Jugendlichen finden, die mit völlig anderen Problemen zu kämpfen haben als seine bisherigen Klassenkameraden, die fast alle aus privilegierten Verhältnissen stammen. Eine sozialrealistische Milieustudie, die anschaulich vermittelt, wie schwer es manchmal sein kann, als Jugendlicher zwischen Vorschriften und Gesetzen auch noch die richtigen Entscheidungen zu treffen und dabei die Orientierung nicht zu verlieren.

 

Weitere Preise siehe Website des Festivals:

http://www.ff-schlingel.de

Erstveröffentlichung: 11. Oktober 2017

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