[07.06.2019]

Ausgangspunkt des geplanten Sammelbandes sind die widersprüchlichen Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen dem Bedeutungsverlust versus Bedeutungsgewinn von Geschlecht, die zugleich die Notwendigkeit einer Thematisierung versus einer De-Thematisierung von Geschlecht in sozialisations- und bezogenen Kontexten zur Folge haben. Interessierte sind herzlich eingeladen, Abstracts im Umfang von 300-500 Wörtern bis zum 15.07.2019 einzureichen.

Einerseits wird in Verbindung mit gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen da- von ausgegangen, dass Geschlecht angesichts der im Unterschied zu anderen Kategorien sozialer Ungleichheit erzielten 'Erfolge' wie Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung an Bedeutung verliert, was eine eigenständige Beschäftigung mit der Thematik inzwischen nahezu obsolet macht. Die gesamtgesellschaftlich zu konstatierende Abnahme des entsprechenden Problematisierungswillens spiegelt sich besonders deutlich in den individuellen Positionierungen von Mädchen und jungen Frauen, die Benachteiligungsdiagnosen z.T. vehement zurückweisen. Andererseits ist gerade in Bezug auf Geschlecht eine Wiederkehr gruppenbezogener Festschreibungen zu beobachten: Eine attestierte explizite Verschiedenheit zwischen den Geschlechtern voraussetzend werden mit Rückgriff auf Alltagsstereotype im Zirkelschluss spezifische Unterscheidungen und Fixierungen neuerlich eingeführt – und die Frage nach einer vorgegebenen Andersheit ein- deutig bejaht. Die "Offensive einer geschlechtlichen Zweiteilung" (Rendtorff 2010) auf Basis deterministischer Geschlechtsauffassungen kommt dabei in den verschiedensten Kontexten zum Tragen, betrachtet man die Flut an (ausschließlich) auf ein bestimmtes Geschlecht gerichteten Produkten und ganzen Produktlinien, die Mädchen/Frauen einen ‚naturgemäß‘ anderen Bedarf als Jungen/Männern attestieren.

Wenngleich sich die skizzierten widersprüchlichen Entwicklungen nicht in eine Richtung auflösen lassen, rückt Geschlecht als biographische und interaktiv erzeugte, in kollektive kulturelle und historische Wissensbestände eingebettete Konstruktion in den Blick. Für vorliegenden Zusammenhang besonders relevant ist der Prozess der geschlechtsbezogenen Sozialisation, in dem eine eigene Identität entwickelt wird, wobei Ge- schlecht bzw. die Zuordnung zu einem Geschlecht ein zentrales Moment ist. Jungen und Mädchen eignen sich in der Geschlechtersozialisation ein generatives Regelsystem an, mit dem sie sich in Interaktionen entsprechend darstellen, wahrgenommen werden und voneinander abzugrenzen können. Diese Herstellung und Reproduktion von Geschlecht (und des Geschlechterverhältnisses und der Geschlechterdifferenz) durch Selbstdarstellungen und Zuschreibungen in interaktiven Aushandlungsprozessen wird mit der griffigen Formel des 'Doing Gender' (West & Zimmerman 1987) pointiert gefasst. Geschlecht kann dabei in den Vordergrund treten, jedoch auch nur eine Folie im Hintergrund bleiben, wie es Stefan Hirschauer (1994) mit der Formel des 'Undoing Gender' auf den Punkt bringt. Insofern kommt das elementare Geschehen der Geschlechterkonstruktionen Episoden des Auftauchens und Verschwindens von Geschlecht gleich, die folglich durch Diskontinuität gekennzeichnet sind. Die Möglichkeit des (situativen) 'Ruhenlassens' von Geschlecht erstreckt sich bis auf die Ebene von Institutionen, die ebenfalls an der Herstellung und Reproduktion der Geschlechterdifferenz beteiligt sind (ebd.).

Auf das eingangs skizzierte Spannungsfeld rekurrierend, das zugespitzt formuliert zwischen den Polen der Re-Traditionalisierung und Bedeutungslosigkeit von Geschlecht oszilliert, möchte sich der geplante Sammelband dem Thema auf interdisziplinärer Ebene nähern und aktuelle Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum vereinen, die eine fachdidaktische, pädagogische oder erziehungswissenschaftliche Perspektive auf Bildungs- und Sozialisationskontexte (v.a. Elternhaus, Kindertagesstätte, Schule) sowie entsprechende Angebote (z.B. zur medialen Rezeption) einnehmen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen danach, wie diesbezüglich mit Geschlecht in der jeweiligen Disziplin umgegangen wird und welche Rolle es spielt, welcher Stellenwert Geschlecht hier beigemessen wird (oder [nicht] werden sollte), welche geschlechterbezogenen Konstruktionen oder Konzepte sich finden u.ä.

Gesucht werden sowohl theoretische Grundlagenbeiträge und Beiträge zum Stand der Diskussion bzw. der Forschung als auch konkrete Beispiele, die Genderfragen (kritisch) beleuchten und/oder konstruktive Alternativen aufzeigen. Dabei sollen zum einen Genderfragen anhand von fachdidaktischen (Bildungs-)Angeboten – bspw. aus sprach-, literatur- oder mediendidaktischer Perspektive zur medialen Darstellung von Geschlecht oder gendersensiblen Sprache – in den Blick genommen werden. Zum anderen begrüßen wir Beiträge, die sich Genderfragen aus der pädagogischen Praxis oder erziehungswissenschaftlichen Forschung widmen und z.B. Erziehungsverhältnissen, Bildungsvorstellungen/-bedingungen oder Konzeptionen nachspüren.

Geplant ist folgende Struktur:

Theorieteil:

  • aktueller Stand der Diskussion
  • aktueller Stand der Forschung

Praxisteil: konkrete Beispiele/reflektierte Auseinandersetzung

  • Thematisierung von Genderfragen in unterschiedlichen Fachdidaktiken
  • Thematisierung von Genderfragen in der Pädagogik und der Erziehungswissenschaft


Interessierte sind herzlich eingeladen, Abstracts im Umfang von 300-500 Wörtern bis zum 15.07.2019 bei

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

einzureichen. Bis 15.08.2019 werden die Herausgeberinnen Dr. Verena Schurt und Dr. Julia v. Dall ́Armi die VerfasserInnen der ausgewählten Abstracts mit der Bitte um eine Ausarbeitung benachrichtigen. Die fertigen Beiträge sollen bis spätestens 31.12.2019 eingereicht werden.

[Quelle: CfP]

 


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Juni 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 31 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30