von Alexandra Fauth


Amoklauf – ein für heutige Jugendliche allgegenwärtiges und für die meisten sicher doch alltagsfernes Thema. Ein Thema, dessen gesellschaftliche Brisanz Lea-Lina Oppermann in ihrem Roman Was wir dachten, was wir taten mit sozial- und gruppendynamischen Prozessen verknüpft und dabei wie nebenbei weitere Problemthemen jugendlicher Erfahrungswelten aufgreift.
Bereits vor Veröffentlichung gewann die erst 19-jährige Autorin mit ihrem Debüt den Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur 2016.

Oppermann, Lea-Lina: Was wir dachten, was wir taten.
BELTZ & Gelberg, Weinheim 2017.
180 Seiten. 12,95 €
ISBN 978-3-407-82298-7.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte entfaltet sich im begrenzten chronotopischen Rahmen eines Amoklaufs: 143 Minuten erzählte Zeit auf 180 Seiten, fast alle innerhalb eines Klassenzimmers. Drei Handlungszeugen – die Schüler Fiona und Mark sowie der Lehrer A. Filler – erzählen in stetig wechselnden Perspektiven ihre Sicht der Ereignisse.

Während der (von Mark verhassten) Matheklausur ertönt eine Durchsage aus den Lautsprechern. Die verunsicherten Schüler – und insgeheim auch der nicht minder verunsicherte Lehrer – rätseln, ob hinter dem ominösen "schwerwiegende[n] Sicherheitsproblem" (S. 7) der gefürchtete Amoklauf steckt. Als sie einem verängstigten kleinen Mädchen die verbarrikadierte Tür öffnen, lassen sie unfreiwillig auch den maskierten Amokläufer ein. Dieser hat nummerierte Briefe dabei: zehn letzte Wünsche, deren Erfüllung er mit vorgehaltener Pistole durchsetzt. Es beginnt ein perfides sozialpsychologisches Spiel. Die anfänglich scheinbar harmlosen, wenn auch unangenehmen Aufgaben steigern sich immer mehr in ihrer Brutalität. Dabei wird offenbar, dass der Eindringling die Anwesenden und deren Geheimisse kennt. Nachdem bei der Zerstörung des Steinzeitskeletts Hugo die aufgestauten Emotionen der Schüler ein Ventil finden, gipfelt der letzte Wunsch in einer Todesforderung: "Macht dasselbe mit Sylvester" (S. 153).

Am Ende gehen die Schüler nach der Befreiung durch die Polizei verändert aus dem Schulgebäude.

Kritik

Die Idee zum Buch "entstand während eines Fehlamokalarms", als die junge Autorin selbst eine Stunde lang im Ungewissen ausharren musste (Beltz Presse 2017). Diese aufgeregte Ungewissheit ist es auch, die man schon auf den ersten Seiten des Romans spürt. Ein fiktiver Tatsachenbericht verstärkt die Illusionswirkung: "Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. Wir waren dabei." (S. 5) Die enge Verknüpfung von Erzähltempo, Stil und Handlungsverlauf lässt trotz des rückblickenden Präteritums Unmittelbarkeit entstehen – zumal sich Oppermann mit der Ich-Perspektive in die aktuellen Trends jugendliterarischer Schreibweisen einreiht. Sprachlich reduzierte Stellen unterstreichen die häufigen Spannungsmomente:

"'Nicht!', warnte Sylvester noch, dann passierte alles gleichzeitig:
Ida-Sophie schleuderte das Messer.
Der Unbekannte schoss.
Svea sprang.
Ida-Sophie fiel." (S. 102)

Jugendsprache wird (nicht bei Herrn Filler) gezielt und wohl dosiert eingesetzt, ohne aufgesetzt zu wirken (was wohl auch an Oppermanns Alter liegt). Lange Beschreibungen und lyrische Passagen sucht man vergeblich. Der knappe, jugend-authentische Schreibstil liest sich leicht und sehr spannend, ohne dabei an literarischer Dichte einzubüßen.

Auffällig sind die häufig wechselnden Perspektiven, die nie mehr als ein paar Seiten, häufig nur wenige Zeilen umfassen. Sie sind nicht kapitelgebunden, sondern greifen auf Handlungsebene unmittelbar ineinander: Beim Leser entsteht eine Sogwirkung, die sich im Verlauf des Spannungsbogens noch steigert.

Dieser folgt der im Hollywood-Drehbuch wie im modernen Jugendbuch verbreiteten Drei-Akt-Struktur, lässt aufgrund der chronotopisch reduzierten Umsetzung und der sozialpsychologischen Ausrichtung jedoch auch an ein Kammerspiel denken. Die Plotstruktur (sich in Brutalität wie Kompromisslosigkeit steigernde Forderungen) erinnert dabei stark an Janne Tellers Nichts (2000), wie auch die Jury des Hans-im-Glück-Preises anmerkte (vgl. boersenblatt.net 2016). Oppermann versteht es, aus sozialen Beziehungen und authentischer Figurenzeichnung Konfliktsituationen zu schaffen: Die Wünsche des Amokläufers legen den Finger in die Wunde, decken nicht nur Geheimnisse, sondern auch das Innerste der Protagonisten auf. Gemeinsam haben die Figuren die Hilflosigkeit in ihrem Bestreben, das Richtige zu tun – ohne so genau zu wissen, was das denn eigentlich ist. In der Extremsituation prallen Realität und Wunschidentität erbarmungslos aufeinander. Es sind diese inneren Konflikte, aus denen die gruppendynamischen Prozesse erwachsen. Genau das ist es, was die Geschichte durchgehend glaubwürdig macht. Die Dramaturgie steigert sich aus sich selbst heraus; die zugespitzte Lage angesichts des letzten Wunsches gewinnt durch die vorige Entspannungsszene um die Skelettzerstörung noch an Emotionsgewalt. Der Leser glaubt sich fast selbst mitten in diesem abgeschlossenen Klassenraum – und kann sich kaum mehr der Frage entziehen, wie er selbst reagieren würde.

Diese Fragen, das Gedankenkarussell des Lesers, sind das Herzstück des Kammerspiels. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung des Themas findet nicht statt. Auch der Amokläufer selbst erhält am Ende ein Gesicht: im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gelingt, den Angreifer zu demaskieren.

Die dargestellten Grautöne werfen die Frage nach dem(/n) Schuldigen auf; gingen dem Amoklauf  doch bestimmte Ereignisse und Handlungen der Schüler selbst voraus.

Am Ende wird selbstreferentiell auf den Konstruktcharakter des Werks verwiesen (ähnlich wie in Walter Moers‘ Stadt der Träumenden Bücher): "Tja, und jetzt ist sie auf einmal vorbei, die Geschichte." (S. 179) Dennoch bleibt die Tiefenwirkung des Romans bestehen, was der ohne Schlusszeichen (bezeichnenderweise auch ohne Auslassungspunkte) stehende letzte Satz noch verstärkt. "Was bleibt" (S. 179) – eben nur das, zwei Worte, die den Leser über das Buch hinaus begleiten, nachhallen, bis man sich gleich den Protagonisten diese Frage stellt. Dabei ist es keineswegs nur eine Frage; sondern eine Wortfolge, die sich jeglicher Definition entzieht. Eben deshalb passt sie ans Ende dieses Buchs, das die Interpretation von Beginn an dem Leser überlässt: "Kann sein, dass es dich verändert. Kann sein, es lässt dich kalt." (S. 5)

Fazit

Oppermann gelingt eine komplexe sozialpsychologische Studie, die die Individuen sowohl als Gruppe als auch als Einzelpersonen beleuchtet und die jeweiligen Wechselwirkungen auslotet. Ähnlich wie Morton Rhues The Wave (1981) und Janne Tellers Nichts (2000) zeigt Was wir dachten, was wir taten die Macht sozialpsychologischer Prozesse ebenso wie die Abgründe menschlicher Interaktion auf. Brisante, für Jugendliche relevante Themen wie Amoklauf, Mobbing, Essstörung und Gewalt im Schulkontext werden zu einer dichten Handlungsspirale verwoben, die den Leser authentisch und spannend durch die 143 Minuten eines Amoklaufs führt. Die Interpretation und Bewertung bleibt dabei größtenteils dem Leser überlassen. Gerade deshalb eignet sich Was wir dachten, was wir taten sowohl als anspruchsvolles privates Lesevergnügen als auch als Schullektüre mit Diskussionspotenzial für Leser ab vierzehn Jahren. Und auch Erwachsene werden sich der Intensität dieser kurzen Geschichte kaum entziehen können.

Literaturangaben

Interview mit Lea-Lina Oppermann. Verlagsgruppe Beltz: Beltz Presse. Juni 2017. http://www.beltz.de/presse/pressemeldungen/aktuelle_meldungen.html?tx_news_pi1[news]=13547&tx_news_pi1[controller]=News&tx_news_pi1[action]=detail&cHash=83c1fdcb7bb2809eb1868a66b9c0abf6 (10.07.2017)

Oppermann erhält Hans-im-Glück-Preis. 03. August 2016. In: boersenblatt.net. Das Portal der Buchbranche. https://www.boersenblatt.net/artikel-jugendliteratur.1228986.html (10.07.2017)

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