von Gerd Klingeberg

Durch eine höchst ungewöhnliche Tombola werden die Buchhändlerin Netty und die Kinder Michael und Property zu Eigentümern des Montgomery-Bücherparadieses, der größten Buchhandlung im ganzen Land. Doch schon nach kurzer Zeit müssen sie mit Schrecken feststellen, dass sie es mit skrupellosen Betrügern zu tun haben. Die elfjährige Property, die – was sie niemand bislang geschickt hat – nicht einmal lesen kann, ist die einzige, die das existenzbedrohende Unheil abwenden könnte. Ein gefährliches Abenteuer wartet auf sie. Aber Property ist gewillt alles zu tun, um den Gaunern das Handwerk zu legen…

Bishop, Sylvia: Das Mädchen, das im Buchladen gefunden wurde.
Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier, mit Bildern von Mila Marquis
Fischer KJB, Frankfurt am Main 2018.
192 S., 13,00 €
ISBN 978-3-7373-4131-8.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Eine zarte Fünfjährige wird von ihren Eltern einfach so im Buchladen "Weißer Hirsch" zurückgelassen. Michael, der zehn Jahre alte Sohn der englischen Buchhändlerin Netty Miller, setzt die Kleine kurzerhand in den Schrank für Fundsachen ("Lost Property"). Sie wird dort von Netty entdeckt, darf bei den beiden bleiben und behält einfachheitshalber den ungewöhnlichen Namen Property. 
Sechs Jahre später. Property ist längst zum echten Familienmitglied der Millers geworden, hat aber, was bislang noch keiner bemerkt hat, niemals lesen gelernt. Aus einer Zeitungsanzeige erfahren die Millers von einer ungewöhnlichen Tombola, bei der das geradezu sagenhafte Montgomery-Bücherparadies, der größte Buchladen des Landes, als Hauptgewinn winkt. Eine tolle Chance für Millers, deren kleiner Buchladen schon längst keine Gewinne mehr abwirft. Dann die beglückende Nachricht: Die Gewinner heißen Miller. Albert H. Montgomery, ein liebenswürdiger alter Herr, führt sie durch seinen riesengroßen Buchladen, einen komplexen Bau aus unzähligen, mit einer raffinierten Mechanik ineinander verschachtelten Räumen, in denen alle Bücher der Welt zu haben sind. Und er überlässt - vor seinem übereilten Verschwinden - den glücklichen neuen Besitzern auch gleich noch seinen eigenwilligen Kater Gunther. 
Doch bereits am nächsten Tag, mitten im größten Besucheransturm, folgt eine böse Überraschung. Ein Fremder in langem grauen Mantel und mit einem ebensolchen Gesicht, der sich als Eliot Pink vorstellt, behauptet, dass er Montgomery für dreiundvierzig Millionen Pfund das Original-Manuskript eines unbekannten Stückes von Shakespeare verkauft, aber das Geld noch nicht erhalten habe. Nach langem Suchen wird besagte Handschrift zwar gefunden, aber weil sie durch Limonadenflecke nicht mehr zu gebrauchen ist, sollen die Millers für den immensen finanziellen Schaden aufkommen. Daher veranlasst Eliot den Abtransport sämtlicher Bücher und Einrichtungen im Bücherparadies. Doch mit Hilfe von Kater Gunther stellt Property sogar ohne Lesekenntnisse fest, dass es sich bei dem angeblichen Manuskript um eine Fälschung handeln muss. Aber nur sie allein hätte die Möglichkeit, die geldgierigen Betrüger zu überführen und Netty und Michael zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch bis zum glücklichen Ausgang der Geschichte ist noch manch gefährliche Situation zu meistern...

Kritik

Nach ihrem Erstlingswerk Der Elefant im Wohnzimmer hat die englische Autorin und Kabarettistin Sylvia Bishop erneut ein ebenso interessantes wie warmherzig geschriebenes Kinderbuch vorgelegt, in dem sie Realität und Fantasie auf reizvolle Weise miteinander verquickt. Bishop erzählt die zauberhafte Geschichte in einer anschaulichen, gut verständlichen und mit feinem Witz garnierten Sprache (die von Sigrid Ruschmeier perfekt in Deutsche übertragen wurde):

"Der Raum der Wörterbücher wartete geduldig, unendlich sauber, hell und höflich. Property schluchzte vor Erleichterung einmal auf und blieb ein paar wunderschöne Momente lang einfach im Licht liegen. Dann überprüfte sie, ob sie immer noch alle Körperteile hatte, mit denen sie losgeklettert war. Ihr Magen glitt wieder an seinen angestammten Platz und tat so, als sei er die ganze Zeit mit Feuer und Flamme bei der Sache gewesen." (S. 103)

Solche Sätze lassen die Lesenden einfach schmunzeln; die bildhafte Schilderung ist auch für Kinder unmittelbar nachvollziehbar, wirkt dabei niemals kindisch oder albern. 
Dass Property nicht lesen kann, wird bereits im Eingangskapitel (S. 11) erwähnt. Geschickt wird dadurch ein anhaltender Spannungsbogen aufgebaut, wie sich die junge Analphabetin wohl in einer lesenden Umwelt behaupten wird. Aber immerhin hat sie den klugen Perserkater Gunther als zwar sprachlose, aber wissende und verlässliche Unterstützung an ihrer Seite - oder genauer: auf ihrem Kopf sitzen. Durch die fehlende Lesefähigkeit der Protagonistin wird wiederholt (z.B. S. 7, 17, 47, 66, 89, 175 u.v.m.) der Fokus weg von der alleinigen Schriftaussage auf die spezifische, sehr unterschiedliche Machart von Büchern: Optik, Haptik, Geruch, Seitengeräusch, aber auch die Bebilderung und eine nach außen hin sichtbare körperliche Wirkung auf die Lesenden gelenkt. Die jeweils passende Ausstattung der thematisch geordneten Bücherräume im Bücherparadies unterstreicht die umfassende Wirkung von Büchern über die bloße Textaussage hinaus. So stehen etwa im Raum der Einsamen Inseln viele Palmen und der Boden ist mit warmem Sand bedeckt (S. 52); der Raum der Meeresgeschichten enthält ein riesiges Aquarium mit Fischen in allen Farben (S. 58). 
Der Versuch, die Bauart und Technik des "ersten und einzigen mechanischen Buchladens der Welt" (S. 43ff) zu erläutern, kann indes bei einem derartigen Fantasiegebilde erwartungsgemäß allenfalls ansatzweise gelingen. Die Autorin überlässt es geschickterweise den Leserinnen und Lesern, sich dergleichen im Detail vorzustellen.

Man könnte bemängeln, dass die genaue Herkunft des Findelkindes Property letztlich im Dunkeln verbleibt. Bishop begnügt sich dazu im Schlusswort mit der lapidaren, aber gewiss ausreichenden Aussage: Die Miller, die sich ungemein liebevoll um Property kümmern, sind ihre Familie (S. 174).

Der Verlag hat die Beschreibung eines "schönen" Buches (S. 7) sehr gut aufgenommen und präsentiert Das Mädchen, das im Buchladen gefunden wurde als solide gebundene Ausgabe mit farbenfroher Illustration von Einband und Innenseite, dazu vereinzelten, auf wesentliche Details beschränkten kleinen Bildern im Text.

Fazit

Das Mädchen, das im Buchladen gefunden wurde beschreibt Lesen nicht als simple Kulturtechnik, sondern als eine umfassende sinnliche Erfahrung, mit der die grenzenlose Welt von Büchern erobert werden kann. Bishop bringt es in ihrer Danksagung auf den Punkt: "Wie Property am besten weiß, besteht ein Buch nicht nur aus den Worten auf den Seiten." (S. 177) Damit können auch schon Leseanfänger neugierig gemacht werden. Aufgrund seiner eingängigen Beschreibungen und fantasievollen Thematik ist das Buch daher uneingeschränkt auch schon für aufgeweckte Kinder ab 6 Jahren geeignet.

 

Erstveröffentlichung: 20.08.2018


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