[14.01.2020]

Vom 09. bis 11. Juli 2020 findet in Güstrow die Tagung Aktuelle Entwicklungen und All-Age-Trends in der Literatur für junge Leserinnen und Leser und Erwachsene statt. Hierin soll unter anderem der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Weise in Texten, die der KJL zugerechnet werden, Störungen funktionieren. Abstracts können bis zum 09.02.2020 eingereicht werden.

Bei der Diskussion über aktuelle Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) erscheint es angeraten, wenigstens ansatzweise einen Blick auf die Geschichte zu werfen, denn nur vor diesem Hintergrund wird offenbar, wo aktuelle Phänomene ihren Ursprung haben: Wenn beispielsweise in der Gegenwart in Verbindung mit der KJL vom All-Age-Phänomen die Rede ist, also von Texten, die altersübergreifend gelesen werden und erfolgreich sind, so ist zu beachten, dass ein nicht geringer Teil der romantischen Kunstmärchen im besten Sinne als All-Age-Literatur bezeichnet werden kann. Man denke nur an E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig (1816). Etwa 150 Jahre später, mit dem "Funktionswandel" in der westdeutschen KJL (vgl. Ewers 1995) seit den Endsechziger Jahren und dem Entstehen einer modernen KJL, kam es zu Veränderungen im "Was" und "Wie" des Erzählens. Die stofflich-thematische Weitung führte zur Auseinandersetzung mit bis dahin in dieser Weise nicht gestalteten Themen wie Arbeitslosigkeit, Rassismus, Krieg und Sterben. Mit den Veränderungen auf der Ebene der ‚histoire‘ (u.a. Handlungen, Figuren, Räume) kam es auf der Ebene des ‚dicourse‘ (u.a. Erzählinstanzen), mithin dem "Wie" des Erzählens zu Veränderungen. In Folge des Wandels entstand mit dem modernen Kinder- und Jugendroman im kinder- und jugendliterarischen Handlungs- und Symbolsystem (Gansel 1995) eine neue Gattung. Sukzessive führte dieser Prozess zu einer Annäherung von KJL und Allgemeinliteratur. Ein Kennzeichen der neuen Gattung des modernen Kinder- und Jugendromans bestand nicht zuletzt im Zurückdrängen von didaktischen Momenten. Dies war mit ein Grund, warum einzelne der publizierten Texte für junge Leserinnen und Leser wie für Erwachsene gleichermaßen von Interesse waren und zu Bestsellern wurden. Insofern hat der aktuelle All-Age-Trend seine Wurzeln in den Wandlungen der KJL seit den 1970er Jahren. In diesem Rahmen gewannen Teile der KJL an Aufmerksamkeit und Reputation, was sich wiederum im wirtschaftlichen Erfolg ausgewählter Verlage niederschlägt. Wollte man eine allgemeinere Antwort darauf geben, was für den Erfolg eines Textes verantwortlich ist, so lässt sich sagen, dass es wahrscheinlich die "Mischung" ist, die den Erfolg ausmacht. Dazu gehören, vereinfacht gesagt, das "Was" und "Wie" des Textes, die Zeitströmung, die Person der Autorin oder des Autors und natürlich die inzwischen eingetretenen Vermarktungsmöglichkeiten in einer globalen Informations- und Mediengesellschaft. Aktuelle Entwicklungen zeigen nun, dass der Phantastik-Boom mit seinen Megasellern zwar nicht vorbei ist, aber in den letzten Jahren haben verstärkt Texte Erfolg, die das kultivieren, was man "realistisches Erzählen" nennt (Gansel 2018). Dabei sind in der KJL einerseits die wachsende gesellschaftliche Verunsicherung in einer zunehmend globalen Welt wie auch die "Ängste der Erwachsenen" zum Gegenstand des Erzählens geworden. Andererseits spielt auch in der KJL das eine Rolle, was man Political Correctness nennt. Einher kann dies mit einer Zunahme von moralisierend-didaktischen Implikationen gehen. Dies wiederum führt – so eine zutreffende Beobachtung – beispielsweise in der aktuellen Literatur für junge Mädchen zu einer Rückkehr von "längst durch die Frauenbewegung überwunden geglaubten Werten" (Budeus-Budde 2016). In diesem Kontext soll es auf der Tagung ganz besonders auch um die Frage gehen, ob und in welcher Weise in Texten, die der KJL zugerechnet werden, Störungen funktionieren. In diesem Zusammenhang ist der Blick zunächst auf das Symbolsystem zu richten, also auf die Texte selbst. Denn: Es ist das "Was" und "Wie" des Erzählens, das bisherige Erwartungen, Normen, Werte, Konventionen, die innerhalb des Teilsystems KJL gelten, irritiert und aufstört und gegebenenfalls gesetzte Grenzen des Systems überschreitet (Gansel 2015, Gansel/Ächtler 2010).

Die hier nur angedeuteten Phänomene sollen auf der Tagung an ganz konkreten Texten erfasst werden. Anders gesagt, es geht bevorzugt darum, textanalytisch aktuellen Tendenzen, mithin den Neuerungen – oder auch nicht – auf die Spur zu kommen und dabei die Frage zu beantworten, wie weit die Grenzen der KJL in Richtung Allgemeinliteratur verschoben werden können und ob gegebenenfalls das KJL-Spezifische verloren geht. Insofern ist über die Auseinandersetzung mit dem "Was" und "Wie" des Erzählens die Rolle der Texte in einer globalisierten Mediengesellschaft kritisch zu hinterfragen. Neben den angedeuteten Entwicklungen können folgende "Themen" bzw. Aspekte in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten:

  • Die Auseinandersetzung mit ausgewählten Handicaps wie Autismus, Essstörungen, auch ADHS, Down-Syndrom oder psychische Störungen sowie andere Versehrtheiten;
  • die Darstellung von Krieg, Flucht, Migration, Rassismus, Inter-/Transkulturalität, Ökologie/Umwelt, Fridays-for-Future);
  • die Inszenierung von dystopischen Welten (Anti-Utopien, Dystopien) und ihr Bezug zu gegenwärtigen Entwicklungen;
  • die Folgen neuer Technologien für das Mediennutzungsverhalten (u.a. Film, Twitter, Handy-Fotos, soziale Netzwerke) und die erzählten Geschichten (Kurwinkel/Schmerheim 2013);
  • die Erfassung von spezifischen Problemen zwischen den Generationen sowie weiblicher und männlicher Adoleszenz (welche Folgen für das Erzählen ergeben sich, wenn die Generationen gegebenenfalls über vergleichbare Primärerfahrungen verfügen?);
  • gibt es mit Blick auf die skizzierten Phänomene generelle Veränderungen im Handlungssystem KJL (u.a. Verlage, Buchmarkt). Und wenn ja, welcher Natur sind sie?;
  • schließlich: Wie sehen die Reaktionen von Literaturkritik und Literaturwissenschaft auf die wahrgenommenen Veränderungen aus?

Formalia

Die Tagung wird veranstaltet von: Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen) und Prof. Dr. Ewelina Kaminska-Ossowska (Universität Stettin) in Verbindung mit Dr. Monika Hernik (Universität Potsdam).

Abstracts und CV (max. 3000 Zeichen) für Vorträge (30 Minuten Vortrag und 15 Minuten Diskussion) bitte an folgende Anschriften:

Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Germanistisches Institut
Otto-Behaghel-Str. 10B
35394 Gießen
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Anna Heidrich
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Germanistisches Institut
Otto-Behaghel-Str. 10B
35394 Gießen
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Da die Universität Gießen aktuell noch offline ist, bitte Nachrichten zunächst an folgende Mailanschrift: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Einreichungsfrist: 9. Februar 2020
Rückmeldung: 29. Februar 2020

[Quelle: Call for Papers]


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