von Anna Zamolska

Die britische Schriftstellerin Edith Nesbit (1858-1924) ist bekannt für ihre phantastischen Geschichten und modernen Märchen für Kinder und hat damit einen wichtigen Beitrag zur Fantastik geleistet. Ihre originelle, humorvolle Art zu schreiben sollte einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur markieren.

Biographie

"Edith Nesbit […] ist neben A.A. Milne und Kenneth Grahame vermutlich die wichtigste englische Schriftstellerin, die für Kinder geschrieben hat." (Gaschke 2002, S. 124)

Edith Nesbit wurde am 15. August 1858 in London geboren, als jüngstes von sechs Kindern. Sie war das Nesthäkchen in der Familie und wurde von allen Daisy genannt. Als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater, was sie besonders prägte – ihre Sehnsucht nach einem Vater floss in ihre Kinderbücher ein und die Vaterfigur wurde von ihr stets sehr positiv dargestellt.

Seit Edith neun war, begann die Familie von einem Ort zum anderen zu ziehen, sodass sie lange Zeit keinen festen Wohnsitz und kein richtiges Zuhause hatte. Dadurch besuchte sie notgedrungen verschiedene Schulen und war auf vielen Internaten, auch in Deutschland und Frankreich, als ihre Familie dort zeitweise lebte. Wenn die Kinder zusammenkamen, spielte Edith am liebsten mit ihren beiden älteren Brüdern, Alfred und Henry, und benahm sich wie ein Junge. Diese Spiele flossen in ihre Kinderbücher ein, vor allem in den Bastable-Geschichten, in denen die Jungen meistens alle Abenteuer und Schwierigkeiten anzetteln.

Mit 22 Jahren heiratete sie Hubert Bland und bekam bald darauf das erste von fünf Kindern, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichten. Als die Geschäfte Blands schlecht liefen und die Familie in materielle Schwierigkeiten geriet, versuchte Nesbit mit ihrer Feder Geld zu verdienen, was ihr auch gelang. Sie hatte bereits vor ihrer Heirat mit 17 Jahren Gedichte veröffentlicht, nun gab sie zunächst selbstgezeichnete Glückwunschkarten mit eigenen Versen heraus, dann wieder Gedichte, außerdem Artikel, Novellen, Buchbesprechungen, Märchen und Fortsetzungsromane. (vgl. Gräfin Schönfeldt 1984, S. 2)


Quelle: gemeinfrei

Bald verdiente sie so viel, dass sie sich ein Haus leisten konnte, und 1899 kaufte sie das Haus Well Hall in Kent, wo sie bis zum Tod ihres Mannes 1914 lebte, und viele Besucher hatte, unter anderen H.G. Wells und George Bernard Shaw, mit denen sie eng befreundet war.

Auf die Bitte der Zeitschrift Girl’s Own Paper schrieb sie eine Reihe von autobiographischen Artikeln über ihre Kindheit, die 1896 und 1897 unter dem Titel My Schooldays veröffentlicht wurden – diese wurden 1966 unter dem Titel Long Ago When I Was Young neu aufgelegt. (vgl. Cadogan, Craig 1976, S. 82)

In diesen Artikeln besann sie sich auf ihre Kindheit und damit verbundene Erlebnisse. Sie schien daran Gefallen zu finden, denn 1899 veröffentlichte sie ihre ersten Kinderbücher über die Bastable-Kinder – The Story of the Treasure Seekers –, die ihre weitere schriftstellerische Karriere bestimmen sollten. Die Abenteuer der Schatzsucher bildeten den Auftakt zu weiteren Werken – sie sollte fortan nur noch Bücher für Kinder schreiben, die ihre vorherigen Gedichte und Artikel in den Schatten stellten. (vgl. Cadogan, Craig 1976, S. 82)

Zusammen mit ihrem Mann Hubert Bland gehörte sie der Fabian Society an, der ersten sozialistischen Organisation Englands, die ihre Ziele allerdings nicht mithilfe einer Revolution erreichen wollte, sondern nach dem Beispiel des Römers Fabius Cunctator, der sich gegen Hannibal mit Klugheit und Geduld durchgesetzt hatte. (vgl. Gräfin Schönfeldt 1984, S. 3) Im Einklang mit ihren Überzeugungen benahm Nesbit sich für die damalige Zeit sehr revolutionär, ähnlich wie George Sand: Sie trug kurzes Haar, kleidete sich extravagant und rauchte. Sie ließ auch ihren Kindern sehr viel Freiheit beim Spielen und gesellte sich oft dazu. Viele ihrer Spiele (beispielsweise das Spiel in der Verzauberten Stadt) nahm sie in ihre Werke auf. Sozialkritische Töne lassen sich in ihren Kinderbüchern zwar ausmachen, nehmen jedoch keine dominante Rolle ein. Nach dem plötzlichen Tod ihres 15-jährigen Sohnes Fabian (er starb nach einer Mandeloperation) verlor Nesbit jedoch jegliches Interesse an der Organisation und vergrub sich in ihrer Schreibarbeit. 

 "1913 schrieb Edith Nesbit ihren letzten fantastischen Roman: Meereszauber. Eine Geschichte gegen den mörderischen Unfug der Kriege. Kein pazifistisches Abenteuer, sondern ein Appell der Vernunft an die Einsicht. Sie lässt diese Geschichte noch einmal gut und versöhnlich enden, aber danach verstummte sie." (Nesbit 2006, S. 152)

1917, drei Jahre nach dem Tod von Hubert Bland, heiratete sie ihren langjährigen Freund Tommy Tucker. Sie bauten sich ein kleines Haus an der Küste von Kent und dort starb Edith Nesbit am 4. Mai 1924.

Werk

"No writer for children today is free of debt to this remarkable woman. […] she managed to create the prototypes of many of the basic patterns in modern children’s fiction." (Crouch 1972, S. 16)

Edith Nesbits Bücher gehören heute zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur und werden als Wegbereiter der phantastischen Kinderliteratur gesehen. Die Handlung in ihren Werken vollzieht sich meistens auf zwei Ebenen, der Wirklichkeit und der Phantastik. Die Protagonisten (keine Einzelkinder, sondern meist eine Gruppe von Geschwistern) gelangen entweder dank einem Wesen, das zaubern kann, oder mithilfe magischer Requisiten an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit (Vergangenheit oder Zukunft) unserer Welt, wo sie viele, oft sehr lustige Abenteuer erleben. Nesbit erfindet keine Parallelwelten mit eigenen Gesetzen - die Kinder gelangen lediglich in andere Epochen und empfinden diese als andere "Welten". Wichtiger als Zauberei stellen sich jedoch immer Werte heraus wie Liebe, Freundschaft, Loyalität und ehrenhaftes Benehmen.

"Before Nesbit, two basic types of Children's fantasy adventure novels were popular - those in which children usually travelled to some far-off fantasy kingdom (Alice to Wonderland; Dorothy to Oz) and those in which the story took place in a fairy-tale world totally separate from our own (as in George MacDonald's At the Back of the North Wind). In Nesbit's books, however, readers met children much like themselves, whose lives and problems seemed quite familiar. It was into this everyday setting that Nesbit introduced her singular brand of unruly and unpredictable magic." (Glassman 2001, S. 180)

Die Phantastik entsteht ganz unvermutet aus der realistischen Darstellung des Alltags und der Lebensverhältnisse der Protagonisten: "[…] Nesbits kindliche Helden ziehen das Landleben der lauten, schmutzigen, kinderfeindlichen Großstadt London am Ende des 19. Jahrhunderts eindeutig vor. […] viele von ihnen [erleben] inmitten eines realistisch geschilderten Alltags phantastische Abenteuer oder begegnen seltsamen Zauberwesen." (Gaschke 2002, S. 124) Dieser Zusammenstoß der wirklichen, allen so vertrauten Welt mit einer verzauberten löst meistens sehr unterhaltsame Situationen aus.

Andere Werke beruhen auf Abenteuern, die in den Alltag der Kinder gebettet sind und keiner Zauberei bedürfen, wie beispielsweise in den Bastable-Büchern. Die dritte Kategorie in Nesbits Werken bilden die modernen Märchen, die sie selbst strikt von phantastischen Geschichten getrennt hat.

Ihre Bücher werden weiterhin von wichtigen Merkmalen geprägt: dem Familienleben und dem geregelten Tagesablauf der Kinder, die sich stets Sorgen darum machen, dass sie zu spät zum Mittagessen oder zur Teezeit kommen oder eine Mahlzeit ganz ausfällt. Außerdem spielt die Landschaft eine große Rolle: Nesbit liebte die Landschaft von Kent, in der sie selbst viele Jahre gelebt hat, und lässt ihre Liebe zum ländlichen Leben in ihre Werke einfließen.

Obwohl sich durchaus auch Sozialkritik in ihren Büchern findet, und die Abenteuer der Kinder oft damit beginnen, dass sie die finanziellen Probleme der Familie lösen wollen, ist das Gefühl der Sicherheit dennoch dominant: "[…] E. Nesbit projected in her children's stories the cosiness and security of Edwardian middle-class nursery life." (Cadogan, Craig 1976, S. 83)

Nesbits Werke sind weiterhin Wegbereiter vieler Genres und Themen: "The three books about the Treasure Seekers are the firm foundations of all our family comedies […] In her 'Five Children' stories she initiated the comedy of magic applied to the commonplaces of daily life, and in The Enchanted Castle she showed how poetic and comic fantasy might be blended. Her 'Arden' books are, with Kipling's, the pioneers of the 'time' theme in historical reconstruction; and even The Railway Children […] the one which looks backwards, not forwards, has retained the affections of several generations of children and fostered a host of other tales of family fortunes and misfortunes." (Crouch 1972, S. 16)

In deutscher Übersetzung sind bisher zahlreiche Werke erschienen, meistens in der Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt:

Die Trilogie zu den Bastable-Kindern Die Schatzsucher (1948, engl. The Story of the Treasure Seekers), Die Schatzsucher – die Abenteuer der Bastable-Kinder, als sie versuchten, ihr Glück zu machen (1996, engl. The New Treasure Seekers), und der dritte Teil Der Club der guten Taten (1997, engl. The wouldbegoods).

Die Trilogie mit dem Sandelf: Psammy sorgt für Abenteuer (1985, engl. Five children and It), 2008 neu aufgelegt unter dem Titel Der Sandelf und im selben Jahr in neuer Übersetzung von Friedrich Stephan unter dem Titel Fünf Kinder und zehn Wünsche herausgegeben, der zweite Teil Der Phönix und der Teppich (1962, engl. The Phoenix and the Carpet) auch in der späteren Übersetzung Feuervogel und Zauberteppich (1975), und der dritte Teil Geheimnisvolle Reisen mit Psammy (1993, engl. The Story of the Amulet).

Die zusammengehörenden Bände Die Kinder von Arden (1959, engl. The house of Arden) und Der Traum von Arden (1960, engl. Harding's luck).

Die Einzelbände Das verzauberte Schloss (1958, engl. The Enchanted Castle), Der Wundergarten (1964, übersetzt von Ursula von Wiese; engl. The Wonderful Garden), später von Sybil Gräfin Schönfeldt neu übersetzt als Der verzauberte Garten (1984), Die verzauberte Stadt (1986, engl. The Enchanted Town), Das verbotene Buch (2001, engl. The Book of Beasts), Die Eisenbahnkinder (1959, engl. The Railway Children), und Meereszauber (1984, engl. Wet magic).

Die Märchen(-sammlungen) Drachen, Katzen, Königskinder (1976), Das Herz des Zauberers. Neun Märchen (1981, übersetzt von Barbara Teutsch), Melisande – ein Märchen (Bilderbuch, 1990), und Der allerletzte Drache (Bilderbuch, 1984).

Selbst ein Buch für Erwachsene wurde ins Deutsche übersetzt: Das rote Haus – eine lustige Ehegeschichte (1925, engl. The Red House), später neu übersetzt als Eine lustige Ehe – ein Roman (1930).

Allerdings liegen uns die meisten deutschen Übertragungen in gekürzter, bearbeiteter oder nacherzählter Form vor. Gekürzt wurden leicht ironische Erzählerkommentare und direkte Anreden der Leser. Erst in den letzten Jahren wurden einige von Nesbits Werken in ungekürzter Form und neuer Übersetzung veröffentlicht.

Populärrezeption

Edith Nesbit war zu ihrer Zeit eine Bestseller-Autorin und jedes neue Buch wurde von ihrer Leserschaft ungeduldig erwartet. Einige ihrer Bücher wurden für den Film adaptiert: 1970 The Railway Children und 1991 Five Children and It als BBC-Serie. 2004 wurde Five Children and It abermals in England adaptiert, diesmal als Filmversion. Seit 1996 gibt es in England eine "Edith Nesbit Society" (Der Link zur Homepage der Society befindet sich unter Quellen).

wissenschaftliche Rezeption

Doris Langley Moore hat 1933 die erste Biographie von Edith Nesbit geschrieben und konnte noch viele Zeitzeugen und Familienangehörige befragen. Darauf folgten weitere Biographien, unter anderen von der Schriftstellerin Noel Streatfeild: In Magic and the Magician. E. Nesbit and her Children's Books (1958) untersucht sie jedoch eher die Bedeutung und den besonderen Zauber der Nesbit-Bücher, indem sie Nesbits Kindheit heranzieht, als dass sie eine genaue Lebensdarstellung liefert. Auch in der Sekundärliteratur wird Edith Nesbit viel Platz gewidmet: Sie wird in nahezu jeder Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur als wichtige Vertreterin des phantastischen Genres genannt und ihre Werke finden auch dementsprechend viel Besprechung in Beiträgen und Sekundärliteratur zur Phantastik.

Ebenso wie zu Astrid Lindgren ist Sybil Gräfin Schönfeldt Spezialistin zu Edith Nesbit: Viele von Nesbits Werken hat sie übersetzt, mit einem Vorwort versehen und/oder selbst herausgegeben. Der Lexikonbeitrag zu Nesbit im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur stammt von ihr.


Literatur

  • Childhood in Edwardian Fiction. Worlds Enough and Time. Hrsg. von Adrienne E. Gavin und Andrew F. Humphries. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009.
  • Crouch, Marcus: The Nesbit Tradition. The children's novel in England 1945-1970. London: Benn, 1972.
  • Crouch, Marcus: Treasure Seekers and Borrowers. Children's Books in Britain 1900-1960. London: The Library Association Chaucer House, 1962.
  • Die Entstehung der phantastischen Kinder- und Jugenderzählung in England. Hrsg. von Erhard Dahl. Paderborn: Schöningh, 1986.
  • Gaschke, Susanne: Hexen, Hobbits und Piraten. Die besten Bücher für Kinder. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 2002.
  • Glassman, Peter: Afterword. In: Edith Nesbit: Wet Magic. New York: SeaStar Books, 2001. S. 179-181.
  • Gräfin Schönfeldt, Sybil: Edith Nesbit. In: Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Klaus Doderer. Weinheim: Beltz, 1984.
  • Hunt, Peter: Children's literature. Oxford: Blackwell Publishers, 2001.
  • Kullmann, Thomas: Englische Kinder- und Jugendliteratur. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2008.
  • Nesbit, Edith: Drachen, Katzen, Königskinder. Hamburg: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH, 2006.
  • Secret Gardens. A Study of the Golden Age of Children's Literature. Hrsg. Von Humphrey Carpenter. London: George Allen & Unwin, 1985.
  • Streatfeild, Noel: Magic and the Magician. E. Nesbit and her Children's Books. London: Abelard-Schuman, 1958.
  • The Cambridge Companion to Fantasy Literature. Hrsg. von Edward James und Farah Mendlesohn. Cambridge: Cambridge University Press, 2012.
  • The Renaissance of Wonder. The Fantasy Worlds of C.S. Lewis, J.R.R. Tolkien, George MacDonald, E. Nesbit and Others. Hrsg. von Marion Lochhead. San Francisco: Harper & Row, 1980.
  • You're a Brick, Angela! A New Look at Girls' Fiction from 1839 to 1975. Hrsg. von Mary Cadogan und Patricia Craig. London: Gollancz, 1976.
  • Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Jörg Knobloch. Weinheim: Juventa-Verlag, 2006.

Internet

Erstveröffentlichung: 29.05.2013


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