von Dr. phil. Tobias Kurwinkel

Ein Filmgenre, dessen typisches Merkmal ein mehrfacher Adressatenbezug ist. Family Entertainment Filme richten sich in der Regel an ein generationenübergreifendes Publikum und verfügen dementsprechend über eine spezifische Ästhetik.

Explikat

Spätestens seit dem Erfolg von Joanne K. Rowlings Büchern um den Zauberhelden Harry Potter wird mit Hilfe verschiedener Begriffe versucht, eine Literatur zu fassen, die sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet. Während in Deutschland von All-Age-Titel, All-Age-Buch und All-Age-Literatur gesprochen und geschrieben wird, werden im angelsächsischen Sprachraum vor allem die Termini Crossover oder Crosswriting verwendet.

Was für die Literatur seit Ende der 90er Jahre diskutiert wird, nimmt beim Film früher seinen Anfang: Warner Bros. gründet 1992 die Abteilung Family Entertainment.

Kommt es auch und vor allem aufgrund des Erfolgs der Pixar Animation Studios und ihren Filmen seit Beginn der 90er Jahre zu einem Boom des Genres, existieren Filme, die sich an ein generationenübergreifendes Publikum richten, jedoch weitaus länger: Am 21. Dezember 1937 feiert Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937, David D. Hand) seine Uraufführung und legt sowohl den Grundstein für die Walt-Disney-Animationsfilme als auch für das Genre.

Die Filme gehören als Family Entertainment dem Segment des Kinderfilms an. Richtet sich der spezifische Kinderfilm vornehmlich an Kinder bis zehn Jahre und nimmt sowohl inhaltlich als auch formal auf Verständnis, Auffassungsvermögen und Bedürfnisse von Kindern besondere Rücksicht, bietet der Family Entertainment Film eine Ansprache über alle Generationen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – hinweg.

Im Gegensatz zum Kinderfilm sind Erwachsene für den Family Entertainment Film nicht nur Vermittler oder Mitseher, welche die filmischen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen erkennen, wahrnehmen und in eine entsprechende Filmauswahl umsetzen, sondern auch und im Besonderen Rezipienten. Die Filmtexte des Genres sind mehrfachadressiert, sprechen neben den Kindern und Jugendlichen also weitere Adressaten wie Erwachsene an und sind zugleich doppelsinnig.

Letzterer Begriff meint, Hans-Heino Ewers folgend und hier von der Literatur auf das Medium Film übertragen, das Angebot unterschiedlicher Lesarten, einer exoterischen für Kinder- und Jugendliche und einer esoterischen für Erwachsene: "Während sich den 'Alten' die Textbotschaft in ihrer ganzen Bedeutung erschließt, bleibt für die kindlichen Leser so manches unverständlich. Der Text ist jedoch so beschaffen, daß es dem kindlichen Rezipienten möglich ist, über das ihm Unbegreifliche hinwegzugleiten, so daß es zu keinem Abbruch der kindlichen Lektüre kommt. Die betreffenden Signale sind so gestaltet, daß sie der kindlichen Aufmerksamkeit entgehen oder ohne Beeinträchtigung des kindlichen Leseerlebnisses übersprungen werden können. Einem Text, der die kindliche Fassungskraft übersteigt, muß dennoch die Möglichkeit einer kindlichen Lektüre eingeschrieben sein, wenn Kinder zu seinen Lesern zählen sollen." (Ewers 2008, S. 123)

Verwirklicht werden diese Lesarten vor allem über intertextuelle Codierungen, über die der Filmtext im Schnittpunkt anderer (Film-)Texte, zu denen er in Beziehung steht, positioniert ist: So finden sich in vielen Family Entertainment Filmen intertextuelle Verweise auf andere Texte, deren Realisierung dem zumeist erwachsenen Rezipienten neue Bedeutungshorizonte eröffnet, mit denen ein Vergnügen am Filmtext einhergeht.

Die Verweise werden hierbei über den Filmtext motiviert, aber "in der Interaktion zwischen Text und Leser, seinen Kenntnismengen und Rezeptionserwartungen" (Holthuis 1993, S. 31) vollzogen. Die (kindlichen) Rezipienten, denen die intertextuelle Enzyklopädie fehlt, um die Verweise aufzulösen, können dem Filmtext aber trotzdem Bedeutung zuweisen.

Abgesehen von derartigen Verweisen auf andere Filmtexte lesen sich in vielen Filmen des Genres Einzeltextreferenzen auf andere Medientexte sowie Systemreferenzen. Unter diesen Bezugnahmen auf andere semiotische Systeme können Verweise z. B. auf die Konventionen filmischer Gattungen, auf Mythen, auf philosophische Systeme oder auch auf Stilrichtungen in der bildenden Kunst fallen.

Die Doppelsinnigkeit der Family Entertainment Filme spiegelt sich in der Altersstruktur der Kinobesucher wider. Prototypisch sei hier auf eine Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) zur durchschnittlichen Altersverteilung der Kinobesucher des Jahres 2003 von Findet Nemo verwiesen: So nehmen bei diesem Film – abgesehen von den Kinderzuschauern unter 10 Jahren – sowohl die Erwachsenen im Alter von 20 bis 24 Jahren als auch im Besonderen von 30 bis 39 Jahren größere Rezipientengruppen (17% bzw. 27%) ein (Deiseroth 2003).

Die Ansprache der erwachsenen Rezipienten erfolgt in vielen Family Entertainment Filmen auch über nostalgische Elemente, welche die Zuschauer an ihre Kindheit und Jugend erinnern. Hierzu gehören Filmadaptionen von Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur wie auch von Hörspielreihen ebenso wie der Hogwarts-Express und der Ford Anglia in den Harry Potter-Filmen.

Family Entertainment Filme sind zumeist mit einem hohen Production Value ausgestattet, werden dementsprechend kommerziell im Medienverbund platziert und über Merchandising zweitverwertet: Bereits beim ersten Film der Star Wars-Reihe (George Lucas, 1977) wurde durch Merchandising-Artikel vom Lichtschwert bis zur Bettwäsche mehr Geld eingenommen als der Film selbst einspielte. Leider verläuft diese Entwicklung in Deutschland auf Kosten derjenigen (Kinder-)Filme, die "originäre Stoffe anbieten und ihr Publikum inhaltlich wie ästhetisch herausfordern" (Schäfer/Schoor 2011, S. 163): Der Trend gehe, so Christian Exner, "zu geschmeidig konfektionierten Formaten und zu bewährten Konzepten. Bewährt haben sich Märchen und Literaturverfilmungen." (Exner 2012, S. 13)

Beispiele

Filme, die von Warner Brothers selbst mit dem Label Family Entertainment Film versehen wurden, sind beispielsweise Dennis (Nick Castle, 1993), Space Jam (Joe Pytka, 1996) und Filmreihen wie Pokémon und Free Willy.

Aus den Pixar Animation Studios stammen Toy Story (John Lasseter, 1995), Die Unglaublichen – The Incredibles (Brad Bird, 2004) oder Oben (Pete Docter, 2009).

Weitere Family Entertainment Filme sind Der Zauberer von Oz (Victor Fleming, 1939), Das Dschungelbuch (Wolfgang Reitherman, 1967) oder E.T. – Der Außerirdische (Steven Spielberg, 1982), die aufgrund ihrer Erfolge an den Kinokassen nicht zuletzt die wirtschaftliche Bedeutung des Genres zeitigen.


 Literatur

  • Beckett, Sandra L.: Crossover Fiction. Global and Historical Perspectives. New York: Routledge, 2009.
  • Blümer, Agnes: Das Konzept Crossover – eine Differenzierung gegenüber Mehrfachadressiertheit und Doppelsinnigkeit. In: Kinder- und Jugendliteraturforschung 2008/09. Hrsg. von Hans-Heino Ewers, Bernd Dolle-Weinkauff und Carola Pohlmann. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2009 (= Jahrbuch der Kinder- und Jugendliteraturforschung; 15). S. 105-114.
  • Beckett, Sandra L.: Crossover Literature. In: Keywords for Children’s Literature. Hrsg. von Philipp Nel und Lissa Paul. New York: New York University Press, 2011. S. 58-61.
  • Völcker, Beate: Kinderfilm oder Family Entertainment? In: Kindheit und Film. Geschichte, Themen und Perspektiven des Kinderfilms in Deutschland. Hrsg. von Horst Schäfer und Claudia Wegener. Konstanz: UVK, 2009 (= Alltag, Medien und Kultur; 5). S. 231-241.
  • Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Paderborn: Fink, 2008 (= UTB für Wissenschaft; 2124); Mikos, Lothar: Intertextualität. In: Ders.: Film- und Fernsehanalyse. 2. überarbeitete Auflage. Konstanz: UVK, 2008 (= UTB für Wissenschaft; 2415). S. 272-281.
  • Holthuis, Susanne: Intertextualität. Aspekte einer rezeptionsorientierten Konzeption. Tübingen: Stauffenburg, 1993 (= Stauffenburg-Colloquium; 28).
  • Broich, Ulrich: Zur Einzeltextreferenz. In: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister. Tübingen: Niemeyer, 1985 (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft; 35). S. 48-52.
  • Schäfer, Horst und Irene Schoor: Der junge deutsche Kinderfilm. Die 1970er, 80er und 90er Jahre. Meitingen: Corian, 2011.
  • Exner, Christian: Letzte Vorstellungen? Schön, dass der Kinderfilm in Deutschland in Schwung kommt. In: film-dienst 2 (2012). S. 12-14.

Internet

Erstveröffentlichung: 05.04.2012

 


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