von Isabell Tatsch

Kinder sehen Filme anders als Erwachsene: Sie tauchen mit all ihren Sinnen in die Filmhandlung ein und rezipieren Filme vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und Themen. Studien zur Filmwahrnehmung von Kindern zeigen, dass die jüngsten ZuschauerInnen Filme vorwiegend emotional und erlebnisorientiert wahrnehmen, aber auch bereits kreativ bewerten und sich konstruktiv mit dem Medium Film auseinandersetzen können (mkfs 2004; Ihm/Wahlberg 2006). Welche Aspekte das kindliche Filmerleben prägen und wie Kinder Filme verstehen, wird dabei insbesondere vom jeweiligen Entwicklungsstand bestimmt.  

Explikat

Kinder im Vorschulalter befinden sich nach Piaget (1984) in der präoperationalen Phase des Denkens: Sie nehmen die Welt und damit auch Medienangebote aus einer sehr ichbezogenen Perspektive wahr, die sich auf wenige Wahrnehmungsaspekte konzentriert. Dementsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit der jungen Zuschauerinnen und Zuschauern in erster Linie auf bekannte Aspekte, die sie zu sich selbst und ihrer Alltagswelt in Beziehung setzen können (Theunert/Lenssen/Schorb 1995, S. 50f.). Dies deckt sich auch mit Ergebnissen aus der Rezeptionsforschung, die darauf hinweisen, dass Kinder sich Medien thematisch voreingenommen zuwenden (Charlton/Neumann 1990) und entsprechend auch Filme aus der Perspektive ihrer eigenen Themen und Wünsche rezipieren. 

Die Filmfiguren spielen bei der kindlichen Rezeption ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle: Kinder identifizieren sich sehr stark mit ihren Helden, auch wenn die Personenwahrnehmung bei den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern aufgrund ihrer egozentrischen Sichtweise noch sehr unausgereift ist. So werden von Kindern weniger die Handlungsabsichten der Filmcharaktere durchschaut als vielmehr Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen fokussiert (Theunert/Lenssen/Schorb 1995, S. 50f.). 

Auch die Realitätsbeurteilung fällt Kindern im Vorschul- und frühen Grundschulalter noch schwer: So werden zwar Programme, die eindeutig unrealistisch sind - wie etwa Zeichentrickfilme – auch so eingestuft. Ansonsten aber halten die Kinder alles für real, was auch real aussieht, wie z.B. Nachrichten oder Kriminalfilme (Dorr 1983, S. 210f.). Insbesondere bei den jüngsten Rezipientinnen und Rezipienten ist das Verständnis vom fiktionalen Charakter von Medien kaum vorhanden, was mitunter zu der Annahme führt, die Filmfiguren würden im Fernsehgerät leben (Böhme-Dürr 1988, S. 70/Böhme-Dürr 2000, S. 143). 

Die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne ist bei kleinen Kindern noch begrenzt, was auch zu der episodischen Wahrnehmungsweise im Vorschulalter beiträgt. Dementsprechend ist auch das Verständnis für die Gesamthandlung eines Films bei Vorschülern meist noch fragmentarisch: So richtet sich die Aufmerksamkeit vielmehr auf nebensächliche Details als die umfassende Handlung einer Geschichte. Das Verständnis für einen chronologischen Handlungsverlauf spielt bei den jüngsten Rezipientinnen und Rezipienten noch eine untergeordnete Rolle und entwickelt sich erst im Laufe der Zeit (Moser 2010; Rogge 1993). 

Mit Beginn der Grundschulzeit erreichen Kinder die Phase des konkret-operationalen Denkens (Piaget 1984). Die damit einhergehende Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten führt auch zu einem besseren Filmverständnis. Zudem trägt die veränderte Wahrnehmungsweise dazu bei, dass die Filmrezeption der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mehr in dem Maße von wahrnehmungsauffälligen Elementen bestimmt ist, wie es noch bei der jüngeren Altersgruppe der Fall ist (Huston/ Wright 1983, S. 43). 

Auch die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, die sich im Laufe der Grundschulzeit entwickelt und die egozentrische Weltsicht erweitert, führt zu einer veränderten Filmwahrnehmung. Die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer kennen nun, dass andere Personen anders fühlen und denken als sie selbst. Damit gewinnen auch der Charakter und das Verhalten der Filmfiguren einen größeren Stellenwert als deren Äußerlichkeiten (Theunert/Lenssen/Schorb 1995, S. 54). Darüber hinaus verbessert sich auch die Fähigkeit, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden - mitunter auch bedingt durch die vermehrte Medienerfahrung- im Grundschulalter (Theunert/Lenssen/Schorb 1995, S. 55). 

Über das Verständnis von Handlungsabläufen können für Grundschulkinder nur schwer pauschale Aussage getroffen werden: Geht man auf der einen Seite davon aus, dass Kinder erst gegen Ende der Grundschulzeit eine umfassende Filmhandlung nachvollziehen und rekonstruieren können (Rogge 1991, 1993 /Theunert/Lenssen/Schorb 1995, S. 56), konnte auf der anderen Seite beobachtet werden, dass bereits deutlich jüngere Kinder in der Lage sind, die Handlung eines kompletten Films zu erfassen und nachzuerzählen, sofern diese nicht zu komplex ist (mkfs 2004). In diesem Zusammenhang spielen bei der ohnehin sehr heterogenen Altersgruppe vermutlich verschiedene Faktoren mit ein wie bspw. der individuelle Entwicklungsstand oder auch die Rezeptionssituation, die beim Fernsehen entsprechend mehr Ablenkung bietet als der dunkle Kinosaal.  

Dem Filmerleben kommt meist bis in die Grundschulzeit eine wesentlich wichtigere Rolle zu als dem Filmverstehen. Die Filmrezeption von Kindern im Vorschulalter ist von einer sehr emotionalen Wahrnehmungsweise geprägt. Dieses intensive Miterleben lässt sich auch deutlich an direkten Ausdrucksformen wie Mimik und Gestik sowie den unmittelbaren Reaktionen auf das Geschehen auf der Leinwand beobachten (mkfs 2004, S. 17f., S. 29; Keilhacker 1953, 1957; Rogge 1991, S. 30f.). Im späteren Grundschulalter werden Filme in der Regel schon zunehmend distanzierter betrachtet, was auch zu einer Abnahme der emotionalen Reaktionen während des Filmgeschehens führt (Rogge 1991, S. 31). 

Aufmerksamkeit bringen jüngere Kinder vor allem auffälligen filmischen Mitteln entgegen und reagieren dementsprechend besonders auf eine laute oder auffällige Tonspur oder visuelle Effekte (Gibbon/Wegener 2010; Rice/Huston/Wright 1984). Die Vertonung und die musikalische Gestaltung spielen bei der kindlichen Filmrezeption dabei eine tragende Rolle: Auf der einen Seite werden Kinder in besonderer Weise von den akustischen Reizen angesprochen, auf der anderen Seite können diese von Kindern auch als überwältigend empfunden werden (Rogge 1993, 1996).

Die starke emotionale Beteiligung am Filmgeschehen fordert den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern mitunter einiges ab: Auch wenn es Kindern Spaß machen kann, die eigenen Grenzen auszuloten (Holler/Bachmann 2009), können bestimmte filmische Darstellungen und Inhalte Kinder beunruhigen oder ängstigen. Kinder identifizieren sich sehr stark mit den Filmfiguren, unabhängig davon, ob es sich um menschliche Protagonisten oder Zeichentrickfiguren handelt (Holler/Bachmann 2009). Sie erleben die Filmgeschichte mit ihren Helden mit und so kann es gerade in solchen Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten oder bedrohlichen Situationen ausgesetzt sind, zu einer direkten Übertragung der filmischen Bedrohung kommen. Neben bedrohlichen Wesen, Kreaturen mit übersinnlichen Fähigkeiten oder auch besonderen physischen Eigenschaften, können insbesondere Gewaltdarstellungen, Bedrohungssituationen oder auch die Konfrontation mit Verlustsituationen und Tod Ängste bei Kindern mobilisieren (Gibbon/Wegener 2010; Holler/Bachmann 2009; mpfs 2004). Entsprechend der episodischen Wahrnehmungsweise und der Fokussierung auf Einzelszenen spielt bei Vorschulkindern vor allem die sichtbare Ängstigung der Protagonisten bei der Rezeption eine wichtige Rolle, wohingegen realitätsnahe Bedrohungssituationen bei älteren Kindern Ängste auslösen können, da sie bereits Gefahren für sich selbst und ihre eigene Lebenswelt antizipieren können (Holler/Bachmann 2009; Rogge 1996). Kinder verfügen zwar über eine Reihe von Bewältigungsstrategien, um Spannungszustände auszugleichen (z. B. die Suche nach körperlicher Nähe zu einer Bezugsperson, Ablenkung durch nicht filmbezogenen Tätigkeiten etc.), was jedoch nur gelingt, wenn die emotionale Belastung nicht zu groß wird (Theunert u. a. 1992; Rogge 1993). 

Nicht zuletzt kommt auch dem Humor bei der kindlichen Filmrezeption eine bedeutsame Rolle zu: Visuelle Komik wie Slapstickeinlagen oder Situationskomik spricht Kinder besonders an, aber auch verbaler Humor in Form von Wortspielen, Sprachwitz oder Anspielungen gewinnt mit zunehmendem Alter an Bedeutung (Flimmo 2011; Dorr/Doubleday/Kovaric 1984, S. 108ff.). 

Filmische Gestaltungsmittel werden von Kindern mit besonderem Interesse verfolgt und wahrgenommen. Dies legt die Vermutung nahe, dass auch die in den letzten Jahren immer populärer gewordenen dreidimensionalen Kinoproduktionen für das kindliche Filmerleben relevant sind. Auch wenn über die Filmwahrnehmung von Kindern auf dieses besondere Filmerlebnis erst wenig bekannt ist, deuten erste Studien daraufhin, dass die dreidimensionalen Darstellungen bei Kindern zu einem intensiveren Filmerlebnis beitragen können. Im Hinblick auf mögliche Filmängste konnte dabei beobachtet werden, dass diese zwar vorwiegend inhaltlich bedingt sind, jedoch insbesondere bei ohnehin von Kindern bedrohlich empfundenen Szenen durch den 3-D-Effekt in ihrer Wirkung möglicherweise verstärkt werden (Gibbon/Wegener 2010).  

Filme erfreuen sich bei Kindern großer Beliebtheit und können bereits für die jüngsten Rezipientinnen und Rezipienten eine Bereicherung darstellen. Filme sollen Kindern Spaß machen, sie zum Lachen bringen und unterhalten. Im besten Fall sind sie für die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer ein Fenster zur Welt, das ihnen neue Einblicke gewährt, Handlungsmuster aufzeigt und sie zur Auseinandersetzungen mit sich und der Welt anregt. Ein Blick auf die Besonderheiten der kindlichen Wahrnehmungsweise können Eltern und Pädagogen wichtige Hinweise für gemeinsame Filmerlebnisse geben und möglicherweise Überforderungen oder negative filmische Erfahrungen vermeiden. 


Literatur

  • Böhme-Dürr, Karin: Fernsehen als Ersatzwelt. Zur Realitätsorientierung von Kindern. In: Spielen und Fernsehen. Über die Zusammenhänge von Spiel und Medien in der Welt des Kindes. Hrsg. von Siegfried Hoppe-Graff und Rolf Oerter. München/Weinheim: Juventa, 2000. S 133-151.
  • Böhme-Dürr, Karin: Die kleinen Plastikleute im Fernsehen: Wie Kinder Fernsehrealität wahrnehmen. In: Medienwirklichkeit Wirklichkeit. Beiträge zur Medienpädagogik. Hrsg. vom Kreisjugendring Nürnberg – Stadt. Nürnberg 1988. S. 61-80.
  • Charlton, Michael und Klaus Neumann: Medienrezeption und Identitätsbildung. Kulturpsychologische und kultursoziologische Befunde zum Gebrauch von Massenmedien im Vorschulalter. Tübingen: Narr, 1990.
  • Dorr, Aimeé, Cathrine Doubleday und Peter Kovaric: Im Fernsehen dargestellte und vom Fernsehen stimulierte Emotionen. In: Wie verstehen Kinder Fernsehprogramme? Forschungsergebnisse zur Wirkung formaler Gestaltungselemente des Fernsehens. Hrsg. von Manfred Meyer. München: Saur, 1984. S. 93-137.
  • Dorr, Aimeé: No Shortcuts to Judging Reality. In: Children’s Understanding of Television. Hrsg. von Daniel R. Anderson und Bryant Jennings.  New York: Academic Press, 1983. S. 199-220.
  • Gibbon, Mariann und Claudia Wegener: 3-D im Kino: Gefahr der Ängstigung bei Kindern? In: tv diskurs 53 (2010) H. 3. S. 58-61.
  • Holler, Andrea und Sabrina Bachmann: Albträume hatte ich lange. Wo gemeinsames Fernsehen überfordert. In: Televizion 22 (2009) H. 1. S. 44-47.
  • Huston, Aletha C. und John C. Wright: Children’s Processing of Television. The Informative Functions of Formal Features. In: Children’s Understanding of Television. Hrsg. von Daniel R. Anderson und Bryant Jennings. New York: Academic Press, 1983. S. 35-68.
  • Ihm, Karen und Hanne Walberg: Da hat’s gedonnert und dann kam von einmal er – Filmwahrnehmung und Filmerleben vier- bis achtjähriger Kinder. In: medien + erziehung 3 (2006). S. 53-58.
  • Keilhacker, Martin: Das Filmerleben des Kindes in seiner Eigenart. In: Kinder sehen Filme. Ausdruckspsychologische Studien zum Filmerleben des Kindes unter Verwendung von Foto- und Filmaufnahmen. Hrsg. von Martin Keilhacker, Wolfgang Brudny und Paul Lammers. München: Ehrenwirth, 1957. S. 5-15.
  • Keilhacker, Martin und Margarete Keilhacker: Jugend und Spielfilm. Erlebnisweisen und Einflüsse. Stuttgart: Ernst Klett, 1953.
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): Welche Rolle spielt der Kinofilm bei jüngeren Kindern? Begleitforschung zum Projekt „Medienkompetenz und Jungendschutz – Wie wirken Kinofilme auf Kinder?“. Stuttgart: Verlag für Sozialwissenschaften, 2004.
  • Moser, Heinz: Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. 5. durchgesehene und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2010. S. 162-172.
  • Piaget, Jean: Psychologie der Intelligenz. 8. Auflage. Stuttgart: Klett Cotta, 1984.
  • Programmberatung für Eltern e.V.: Flimmo. Fernsehen mit Kinderaugen. Kinderbefragung- Humor im Fernsehen. Dezember 2011. http://www.flimmo.tv/downloads/File/Befragung_Humor.pdf (10.09.12).
  • Rogge, Jan-Uwe: Einfach stark! ... und manchmal zu stark. Von den Ritualen der Kinder, problematische Film- und Fernsehereignisse zu verarbeiten. In: medien + erziehung 2 (1996). S. 86-93.
  • Rogge, Jan-Uwe: Kinder können fernsehen. Vom sinnvollen Umgang mit dem Medium. Hamburg: Rowohlt, 1993.
  • Rogge, Jan-Uwe: Das find ich total spannend, eh! Stichworte zum Filmerleben von Kindern. In: Grundschule 7-8 (1991). S. 28-31.
  • Stiftung Medien Kompetenz Forum Südwest (mkfs): Medienkompetenz und Jugendschutz II – Wie wirken Kinofilme auf Kinder? Wiesbaden 2004.
  • Theunert, Helga, Margit Lenssen und Bernd Schorb: Wir gucken besser fern als ihr! München: Kopäd, 1995. S. 41-62.
  • Theunert, Helga u. a.: Zwischen Vergnügen und Angst - Fernsehen im Alltag von Kindern: Eine Untersuchung zur Wahrnehmung und Verarbeitung von Fernsehinhalten durch Kinder aus unterschiedlichen soziokulturellen Milieus in Hamburg. Berlin: Vistas, 1992.

Erstveröffentlichung: 01.09.2012

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