Figur 

Der Begriff der literarischen Figur bezeichnet die handlungstragenden Bewohner der erzählten Welt. 

Explikat 

Bereits der Begriff "Figur" verweist auf den kategorialen Unterschied zwischen den Bewohner der fiktiven Welt und den "Personen" oder "Menschen" der faktualen Wirklichkeit (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 144). So müssen literarische Figuren keineswegs menschlicher Natur sein (vgl. ebd.): Der schwarze Hengst Black Beauty, der in Anna Sewells gleichnamigen Roman seine Geschichte erzählt, ist ebenso eine literarische Figur wie Hirsch Heinrich, der am Ende seiner Abenteuer satt und froh wieder im Tierpark angekommen ist. Auch Dobby, der Hauself, kann diesen Status für sich verbuchen, selbst wenn er ihm wahrscheinlich einige Probleme bereiten würde, wirft ihn doch schon das Angebot eines Sitzplatzes emotional aus der Bahn:

"Dobby verletzen", schluchzte der Elf, Noch nie hat ein Zauberer Dobby aufgefordert, sich zu setzen – von Gleich zu Gleich […]." (Rowling 1999, S. 17) 

Es ist also nicht das Menschsein, das die Bewohner literarischer Welten zu Figuren werden lässt, sondern die Tatsache, dass man ihnen "Intentionalität, also mentale Zustände (Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Wünsche, Absichten) zuschreiben [kann]" (Martínez und Scheffel 2012, S. 145). So wünscht sich Black Beauty vereinfacht zusammengefasst, dass seine menschlichen Besitzer ihn und seine Pferdefreunde besser behandeln, Hirsch Heinrich zuhause und Dobby frei zu sein. Zumindest Harry Potter selbst hat Dobby diesen Wunsch – vielleicht auch dank Hermines "Bund für Elfenrechte" – zuerkannt und ihm ein Denkmal gesetzt: "Als Harry wieder aufstand, lautete die Inschrift auf dem Stein: Hier liegt Dobby, ein freier Elf." (Rowling 2007, S. 489) 

Neben dem Kriterium der Intentionalität sind literarische Figuren laut Martínez und Scheffel zum einen durch ihre Abgeschlossenheit und ihre Unvollständigkeit bestimmt (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 145). Abgeschlossen sind literarische Figuren insofern als dass die einzigen Informationen, die der Lesende über sie besitzt, im Text selbst enthalten sind (vgl. ebd.). So erfährt der Lesende über Konrad Kurdisch junior in Christine Nöstlingers Nagel einen Pudding an die Wand nur das, was im Text steht: 

Der ausgefranste Kaugummikauer hatte zwar keine langen Haare, sondern kurzgeschorene, aber es waren so viele, daß [sic] sie leicht für vier andere Köpfe gereicht hätten. (Nöstlinger 1990, S. 7) 

Die grundsätzliche Unvollständigkeit von Figuren ermöglicht es dem Lesenden, sich über die im Texte enthaltenen Informationen hinaus selbst ein Bild der Figur zu machen (vgl. Bode 2011, S. 124). Die Unvollständigkeit literarischer Figuren ist für Bode eine produktive Leerstelle (vgl. ebd.), denn "[n]ur weil da nicht alles ist, kann leserseits imaginativ 'ergänzt' werden." (ebd. S. 124)

Möglicherweise ist es jedoch dieses eigenständige Ergänzen, das auf Leserseite zu großen Enttäuschungen führt, wie bspw. im Falle der strubbeligen Haare Harry Potters, die beim Erscheinen der Figur auf der Kinoleinwand von zahlreichen Zuschauenden schmerzlich vermisst wurden. Dieses Beispiel verweist bereits auf eine mögliche Einschränkung des von Martínez und Scheffel benannten Kriteriums. Zu fragen ist, ob das Erzählen im Medienverbund diese Abgeschlossenheit nicht bis zu einem gewissen Maße ad absurdum führt: Wenn literarische Figuren über die Buchdeckel hinweg die Kinderzimmer bevölkern und diese zusätzlich mit auditiven, visuellen und audiovisuellen Informationen füllen, scheint die Abgeschlossenheit der Figuren in Frage gestellt. Das transmediale Erzählen bzw. transmediale Figurenerzählen im Bereich der Kinder- und Jugendmedien stellt möglicherweise einen Sonderfall dar, den Martínez und Scheffel bis dato nur für literarische Bearbeitungen von historischen Personen vorbehalten (Martínez und Scheffel 2012, S. 146). 

Figurencharakterisierung

Die unterschiedlichen Informationen, die in der Lektüre und über diese hinaus zur Konzeption der Figuren genutzt werden (vgl. Bode 2011, S. 125), lassen sich zu verschiedenen und eng miteinander verknüpften Charakterisierungsformen zusammenfassen. 

So können Figuren zum einen flach oder komplex bzw. rund sein und zum anderen statisch und dynamisch, wobei flache Figuren häufig statisch angelegt sind und sich somit im Rahmen der Handlung nicht verändern. Evelyn Lessing in den Erzählungen Enid Blytons um das Internat Burg Möwenfels ist als eine solche flache Figur angelegt und verfügt nur über wenige und eng miteinander verbundene Eigenschaften: verwöhnt, faul, eitel und zimperlich. Wie für flache Figuren typisch, erfüllt sie in den einzelnen Dolly-Bänden zudem vorrangig eine funktionale Rolle (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 148): Sie ist der stereotype und zur Abschreckung konstruierte Gegenentwurf zu Dolly Rieder und ihren Freundinnen. Evelyn Lessing ist außerdem statisch angelegt und vollzieht somit im Rahmen der mehrteiligen Serie keine Entwicklung. Ein Umstand, auf den auch die erwachsene Protagonistin Dolly Rieder verweist: 

"Ach, Evelyn!", sagte Dolly leise vor sich hin. "War es dir so wichtig, auf uns Eindruck zu machen, dass du einen Luxusschlitten mieten musstest – nur für ein paar Kilometer bis Möwenfels? Du wirst dich nie ändern." (Blyton 2015, Pos. 1290-1292)

Deutlich wird an Evelyn, dass flache und statische Figuren nicht immer sprechende Namen besitzen müssen (vgl. Bode 2011, S. 128), wobei dies zumindest bei sehr vielen Bösewichten und Verbrechern in der TKKG-Welt der Fall ist. So hätte bspw. Jörgs Mutter in Spuk aus dem Jenseits bei der Partnerwahl nur auf den Familiennamen achten müssen, um herauszufinden, dass Dr. Albrecht Demonius vielleicht nicht der beste Kandidat als Stiefvater und Ehemann ist. 

Im Gegensatz zu statischen und flachen Figuren sind Figuren, die als Individuum angelegt sind, komplex, dynamisch und zumeist auch offen (vgl. Bode 2011, S. 129). Sie verhalten sich in unterschiedlichen Situationen verschieden und sind somit für den Lesenden in ihren Handlungen nicht immer vorhersehbar. Jack in Wunder ist eine solche komplexe Figur, die zudem dynamisch ist und sich im Laufe des Romans unterschiedlich verhält: Er hat zunächst Angst vor August, überwindet diese jedoch und freundet sich mit ihm an. Gleichzeitig ist er zunächst dennoch hin- und hergerissen zwischen ihm und seinen alten Freunden, bevor er sich endgültig auf Augusts Seite stellt. Die komplex gestalteten Figuren in Wunder tragen zudem dazu bei, den Umgang mit Menschen mit schweren Krankheiten überzeugend zu thematisieren. So überraschen und verunsichern komplexe Figuren demzufolge den Lesenden, gleichzeitig lässt sich ihr Verhalten im Nachhinein durchaus einordnen (vgl. ebd. S. 130-131).

Eine solche Figur, welche die Lesenden, aber gleichermaßen auch die anderen Figuren "auf Trab hält" (ebd.), ist bspw. Severus Snape, dessen Verhalten für den Lesenden erst im vorletzten Teil der Harry Potter-Oktologie wirklich nachvollziehbar wird. So vereint Snape eine Vielzahl von missverständlichen Handlungsweisen und Emotionen – Geringschätzung für Harry Potter nicht zuletzt. Zwar bezeichnet Harry Potter selbst Severus Snape nachträglich auf flache Weise als "wahrscheinlich [...] mutigste[n] Mann, den ich je kannte" (Rowling 2011, S. 766), allerdings wird diese Aussage nur bedingt der Komplexität von Snape als literarischer Figur gerecht . 

Deutlich wird an dieser Äußerung Harry Potters jedoch nicht nur die Charakterisierung der Figur Snape, sondern vielmehr auch, wie unterschiedlich Charakterisierungen im Rahmen einer Erzählung inszeniert werden können. So stellt die Aussage Harry Potters eine explizite Charakterisierung durch eine Figur dar, während sie durchaus auch Harry Potter implizit charakterisiert. Charakterisierungen können demzufolge implizit oder explizit und zudem figural oder auktorial vorgenommen werden. Aus diesen beiden Oppositionspaaren ergeben sich die folgenden vier verschiedenen Mischformen: 

explizit-auktorial

Eine explizit-auktoriale Charakterisierung liegt vor, wenn die erzählende Instanz die Eigenschaften einer Figur direkt benennt und beschreibt. So sind die jedem TKKG-Band vorgestellten Figureneinführungen eine Form der explizit-auktorialen Charakterisierung: 

Tim, 13 Jahre und ein paar Monate alt, ist immer braungebrannt und ein toller Sportler – besonders in Judo, Volleyball und Leichtathletik. […] Tim dankt es ihr [seiner Mutter] mit guten Noten – ohne ein Streber zu sein. Im Gegenteil: Bei jedem Abenteuer ist Tim vorne dran. Ungerechtigkeit haßt [sic] er, und deshalb riskiert er immer wieder für andere Kopf und Kragen. (Wolf 1985) 

Deutlich wird an diesem Beispiel, dass die explizit-auktoriale Charakterisierung häufig eng verknüpft mit der Raffung ist (vgl. Bode S. 133) und als solche den Eingriff der Erzählinstanz deutlich abbildet. 

Zudem gehören Manfred Pfister zufolge auch sprechende Namen zu den explizit-auktorialen Techniken der Figurencharakterisierung (vgl. Pfister 1982, S. 252). Erneut lassen sich aus der TKKG-Welt eine Vielzahl von Beispielen herausfiltern: So heißt der ehemalige Sportlehrer und Fitnessstudiobetreiber in Die Mafia kommt zur Geisterstunde Werner Strong, der berüchtigte Einbrecher in Der Diamant im Bauch der Kobra Leo Knakow und der bösartige und bereits benannte Erfinder in Spuk aus dem Jenseits Dr. Albrecht Demonius. 

implizit-auktorial

Im Gegensatz zur explizit-auktorialen Charakterisierung werden bei der implizit-auktorialen Charakterisierung die Eigenschaften einer Figur nicht explizit von der narrativen Instanz benannt, sondern die jeweilige Figur durch implizit charakterisierende Namen (vgl. Pfister 1982, S. 252) oder "die Pointierung des Figurenprofils durch Korrespondenz- und Kontrastrelationen zu anderen Figuren der erzählten Welt" (Martínez und Scheffel 2012, S. 150) charakterisiert. Deutlich wird diese Form der Charakterisierung bspw. anhand der dichotomen Titel Pride and Prejudice und Sense and Sensibility von Jane Austen, die über den jeweils enthaltenen Gegensatz die Hauptfiguren bereits implizit vorstellen. 

Übersicht zu auktorialen Techniken der Figurencharakterisierung (Abb. nach Pfister 1982, S. 252)  

explizit-figural

Neben Harry Potters möglicherweise nicht ganz treffender – oder zumindest vereinfachender – explizit-figuraler Charakterisierung finden sich in den Bänden um Alfons Zitterbacke eine Vielzahl dieser Charakterisierungen, die stets deutlich divergieren und Alfons Zitterbacke zu neuen komischen Abenteuern verleiten. So weicht seine Selbstwahrnehmung häufig beachtlich von der Wahrnehmung seiner Umgebung ab. Er beteuert: "Alle sagen, ich habe schuld, aber ich ganz unschuldig. Was soll ich tun? Ich bin doch wirklich unschuldig!" (Holtz-Baumert 1958, S. 84) Seine Mitschüler bewerten sein Verhalten jedoch etwas anders: "Jawohl, sagte Peter, du warst zu feige, das anzuhören, was wir eben über dich gesprochen haben. Was ist bloß mit dir los?" (ebd. S. 91) 

Auch sein eigener Wellensittich Putzi hält als literarische Figur mit seiner Meinung über Alfons Zitterbacke nicht zurück: "Putzi, dem der Goldhamster den Schwanz abgerissen hat, wird immer wütender. Er hängt an der Gitterdecke des Vogelbauers und schreit: Alfons doof, hau ab!" (Holtz-Baumert 1962, S. 100) 

Dass die explizit-figurale Kritik von Alfons Eltern an an seinem Essverhalten und der daraus resultierenden Schwächlichkeit (vgl. ebd. S. 101) ihn dazu bringt, 60 Eier zu essen (vgl. ebd. S. 102), ist wiederum Teil einer implizit-figuralen Charakterisierung, die es dem Lesenden überlässt, sich anhand von Alfons Verhaltens ein Bild von der Figur zu machen.

implizit-figural

Bei der implizit-figuralen Charakterisierung werden die Figuren über sowohl außersprachliche als auch sprachliche Mittel charakterisiert. So markiert die besondere und auch typographisch gekennzeichnete Sprechweise von Jürgen in Peter Brocks Ich bin die Nele ihn implizit als schnell aufgeregte und nervöse Figur: "DieKlasse5cistzumUnterrichtbereitalle[…]." (Brock 1975, S. 60)

Ebenfalls implizit charakterisiert Alfons seine Mitschülerin Luise bzw. wird diese implizit über ihr Verhalten als Musterschülerin charakterisiert:

Ich pfiff noch einmal, noch einmal und noch einmal. Immer lauter. Sonst hört Luise ganz genau, wenn man in der Klasse vorsagen will und ganz leise flüstert. Sie zischt einem dann zu: Bleib ehrlich! (Holtz-Baumert 1962, S. 119)  

Übersicht zu figuralen Techniken der Figurencharakterisierung (Abb. nach Pfister 1982, S. 252) 

 

 

 

 

 


Bibliografie 

Primärliteratur

  • Brock, Peter: Ich bin die Nele. Berlin: Der Kinderbuchverlag, 1975.
  • Blyton, Enid: Klassentreffen auf der Burg. Köln: Schneider Verlag, 2015.
  • Holtz-Baumert, Gerhard: Alfons Zitterbacke. Geschichten eines Pechvogels. Berlin: Der Kinderbuchverlag, 1958.
  • Holtz-Baumert, Gerhard: Alfons Zitterbacke hat wieder Ärger. Berlin: Der Kinderbuchverlag, 1962.
  • Rowling, J. K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Hamburg: Carlsen, 1999.
  • Rowling, J. K.: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. Hamburg: Carlsen, 2011.
  • Wolf, Stefan: Die weiße Schmuggler-Jacht. Hannover: Pelikan, 1985.

Sekundärliteratur 

  • Bode, Christoph: Der Roman. Eine Einführung.  2. erweiterte Auflage. Tübingen; Basel: Francke, 2011.
  • Martínez, Matías und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 9. erweiterte und aktualisierte Auflage. München: Beck, 2012. 
  • Pfister, Manfred: Das Drama. München: Fink, 1982.

Erstveröffentlichung: 13.10.2016


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