Das Thema 

Das Thema stellt einen abstrakten, aber gleichermaßen strukturbildenden Grundbaustein literarischer Texte und anderer narrativer Medien dar.  

Explikat 

Eng verbunden ist das Thema mit den Begriffen Motiv und Stoff und ist doch in Abgrenzung zu diesen narrativen Elementen zu verstehen. So bemerkt Elisabeth Frenzel in ihren Ausführungen, dass das Thema sich im Vergleich durch eine größere Abstraktheit und damit Kontextlosigkeit – oder um mit Frenzel zu sprechen "Entstofflichung" – auszeichne (vgl. Frenzel 2005, S. VII). Im Gegensatz zum Stoff ist das Thema demzufolge nicht an konkrete Situationen oder handelnde Figuren gebunden, sondern stellt vielmehr abstrakte Ideen dar, die weitreichende assoziative Verbindungen eröffnen können (vgl. Daemmrich und Daemmrich 1995, S. XXIII). Auch wenn das Thema demzufolge nicht an feste Strukturen oder Figuren gebunden ist, fungiert es dennoch strukturbildend und beeinflusst sowohl die Figurenkonzeption als auch die verwendeten Motive (vgl. ebd. S. XXIV). Ebenso wie das Motiv und der Stoff wirkt das Thema jedoch nicht nur auf den Text in seiner Formation selbst ein, sondern steuert zudem die Wahrnehmung des Textes und lenkt über (intertextuelle und intermediale) Signale die Interpretation (vgl. ebd. S. XI). Gerade zentrale Themen, die sich durch ein weites Netz an intertextuellen und intermedialen Beziehungen auszeichnen und in jeder literatur- und auch mediengeschichtlichen Epoche auffindbar sind, beschäftigen sich häufig mit Fragen der menschlichen Entwicklung (vgl. ebd. S. XXIV). Zu diesen gehören "Liebe", "Tod" oder "Freundschaft", wobei sie den Menschen in Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Umwelt setzen und diese Auseinandersetzung in der Narration inszenieren und durchspielen (vgl. ebd.). 

In Peter Härtlings Ben liebt Anna findet sich das Thema nicht nur im Titel, vielmehr bestimmt es strukturbildend und semantisch die Narration. Es ist die Darstellung von Bens erster Liebe, die ihn aus seiner kindlichen Selbstbezogenheit löst (vgl. ebd. S. 247) und ihn gleichzeitig zwingt, sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen: 

Die Aufgaben kommen ihm noch schwerer als sonst vor. Wahrscheinlich weil in seinem Kopf ganz andere Gedanken sind. Er kann nicht rechnen, weil er an Anna denken muss. Das ärgert ihn. Er möchte eigentlich gar nicht an sie denken. Es wäre ihm sogar lieber, er könnte richtig mit Mathe loslegen. Sonst gar nichts. (Härtling 1997, S. 10)

Zudem gerät er durch seine aufkommende Verliebtheit in Konflikt mit seiner Umwelt: 

Am anderen Tag verstand Ben die Welt nicht mehr. Er hatte sich auf die Schule gefreut. […] Von da an klappte nichts. Alles ging schief. (ebd. S. 19)  

Für ihn war es kein Spaß. Keiner ließ ihn in Ruhe. Alle waren aus unerfindlichen Gründen gegen ihn, wollten ihn reizen, wollten ihn hänseln. Mit der Faust schlug er Jens in den Bauch. Jens wimmerte. […] Gleich würde der Seibmann kommen und es würde wieder Ärger geben. (ebd. S. 20- 21) 

Gleichzeitig ermöglicht das Thema Liebe als Grundbaustein "nahezu unbegrenzte Assoziations- und Kontrastbildungen." (Daemmrich und Daemmrich 1995, S. XXIV.) So wird über die Auseinandersetzung mit Bens erster Liebe zu Anna beispielsweise auch die Thematik des Erwachsenwerdens oder die Motive des Fremden bzw. der Fremden oder auch der Außenseiterin aufgeworfen: 

Es kann jedem von euch passieren, dass er in eine andere Stadt und in eine andere Schule kommt. Und jeder von euch wäre erst mal fremd. Bei Anna ist das noch viel schlimmer. Sie ist in einem anderen Land, in Polen, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dort, in der Schule, hat sie nur polnisch gesprochen. Zu Hause deutsch und polnisch. Ihre Eltern haben in Polen gelebt, aber sie sind Deutsche. Sie haben den Antrag gestellt, in die Bundesrepublik umzuziehen. Nun sind sie da. Sie wollen endlich zu Hause sein. Anna auch. Ihr macht es ihr schwer. (Härtling 1997, S. 14)

Das Thema "Liebe" als abstraktes Konzept bestimmt somit den Einsatz von Motiven oder Stoffen mit. So lässt sich konkret gesprochen das Thema "Liebe" über das Motiv der "unmöglichen oder verbotenen Liebe" transportieren und dieses kann wiederum im Romeo und Julia-Stoff und seinen unzähligen Adaptionen konkretisiert werden. 


Literatur 

Primärliteratur

  • Härtling, Peter: Ben liebt Anna. Roman für Kinder. Weinheim/Basel: Gulliver von Beltz&Gelberg, 1997.

Sekundärliteratur

  • Daemmrich, Horst S. und Daemmrich, Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. 2. überarb. und erw. Auflage. Tübingen/Basel: Francke Verlag. 1995.
  • Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon deutungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10. erw. und überarb. Auflag. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2005. 

Erstveröffentlichung: 12.10.2016


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