Die Ballade ist ein lyrisches Subgenre, welches die drei Großgattungen Lyrik, Epik und Dramatik miteinander verbindet.

Explikat 

Auch wenn die 'Ballade' zumindest etymologisch auf das romanische Tanzlied verweist (vgl. Gelfert 1998, S. 109), lässt sie sich nicht in Analogie zu diesem definieren, sondern vorrangig über die genannte Vereinigung sowohl lyrischer, epischer, als auch dramatischer Elemente. Der lyrische Anteil findet sich vornehmlich in dem vershaften und mehrstrophigen Aufbau der Ballade, wohingegen sich der dramatische Einfluss am Gebrauch szenischer Formen wie des Dialogs oder Monologs zeigt. Zudem kennzeichnet ein erzählerischer Grundcharakter die Ballade, den Stephen Fry folgendermaßen beschreibt: "Chief among its virtues is a keen passion to tell you a story: it will grab you by the lapels, stare you in the eyes and plunge right in […]" (Fry 2010, Pos. 3761-3762). Ins Zentrum dieses erzählerischen Elements setzt Christian Wagenknecht eine "merkwürdige[..] Begebenheit" (Wagenknecht 2010, S. 192) oder ein "konflikthaftes Ereignis" (ebd.), welches durchaus historisch verbürgt sein kann, aber nicht sein muss (vgl. ebd. S. 193). Als Beispiel für eine Ballade, die auf ein historisches Ereignis verweist, kann die sicherlich auf zahlreichen Lehrplänen zu findende Ballade John Maynard von Theodor Fontane als Beispiel herangezogen werden, die auf eine tatsächliche Schiffskatastrophe referiert. 

Gero von Wilpert übersetzt das merkwürdige oder konflikthafte Erzählelement in seiner Definition der Ballade in ein "dämonisch-spukhaftes […] und meist trag. Geschehen" (von Wilpert 2013, S. 67). Als Beispiel für erstes lässt sich bspw. Johann Wolfgang von Goethes Der Zauberlehrling anführen, eine Ballade, die in Walt Disneys Fantasia ihre intermediale Entsprechung mit einem Zauberlehrling in Mäusegestalt findet. Als Beispiel für das "meist trag. Geschehen" (ebd.) lässt sich wiederum Storms John Maynard benennen.

Von Wilpert weist der Ballade ein erzieherisches oder beeinflussendes Potential zu (vgl. ebd.), welches jedoch ironisch gebrochen werden kann. Ein humoristisches Spiel mit den erzieherischen Elementen der Ballade findet sich bspw. in Erich Kästners Die Sache mit den Klößen. Erzählt wird in dieser von Peters Kampf mit und sein Scheitern an einem Berg von dreißig Klößen (vgl. Kästner 2014). Enden tut dieser Kampf nicht nur mit einem mehr als unangenehmen Krankenhausbesuch, sondern auch mit einer litotischen Moral: 

Mit Schmerzen und für teueres Geld 
ward Peter wiederhergestellt. 
Das Renommieren hat zuzeiten 
auch seine großen Schattenseiten.

(ebd.)

Peters Kampf mit den Klößen kann im Sinne Wagenknechts sicherlich als "merkwürdige Begebenheit" (Wagenknecht 2010, S. 192) bezeichnet werden. Wenngleich dem Lesenden das "trag. Geschehen" (von Wilpert 2013, S. 67) oder die "schicksalsschwere Begegnung" (ebd.) angesichts von Klößen vielleicht nicht auf den ersten Blick einleuchten mag, zeugt Kästners Gedicht vom ironischen Aufgreifen der Balladentradition: 

Die Augen quollen aus dem Kopf. 
Doch griff er tapfer in den Topf. 
Nach fünfzehn Klößen endlich sank 
er stöhnend von der Küchenbank.  

Die Köchin Hildegard erschrak, 
als er so still am Boden lag. 
Dann fing er grässlich an zu husten, 
dass sie den Doktor holen mussten.  

"Um Gottes willen", rief er aus, 
"der Junge muss ins Krankenhaus." 
Vier Klöße steckten noch im Schlund. 
Das war natürlich ungesund. 

(Kästner 2014) 

Zudem weisen die zitierten Passagen zum einen sowohl den vershaften als auch mehrstrophigen – und somit lyrischen – Charakter der Ballade auf und zum anderen auch die dialogischen Anteile, die auf ihren dramatischen Bezug verweisen. Darüber hinaus wird der erzählerische Grundcharakter nicht allein an der Wette, die im Rahmen der Ballade erzählt wird, deutlich, sondern auch anhand der deutlich wahrnehmbaren Erzählstimme, die sich – für Kästner nicht untypisch – apostrophisch an den Lesenden wendet: 

Der Peter war ein Renommist. 
Ihr wisst vielleicht nicht, was das ist?
Ein Renommist, das ist ein Mann, 
der viel verspricht und wenig kann. 

(Kästner 2014)


Bibliografie 

Primärliteratur

  • Kästner, Erich: Das verhexte Telefon. Hamburg: Dressler Verlag, 2014.

Sekundärliteratur 

  • Gelfert, Hans-Dieter: Einführung in die Verslehre. Stuttgart: Reclam, 1998. 
  • Fry, Stephen: The Ode Less Travelled: Unlocking the Poet Within. Calgary: Cornerstone Digital, 2010.
  • Wagenknecht, Christian: Ballade. In: v. Braungart, Georg; Fricke, Harald; Grubmüller, Klaus; Müller, Jan-Dirk; Vollhardt, Friedrich; Weimar, Klaus (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin: De Gruyter, 2010.
  • von Wilpert, Gero: Die Ballade. In: Ders.: Sachwörterbuch der Literatur. Sonderausgabe der 8., verb. und erw. Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner, 2013. S. 66-68.

 Erstveröffentlichung: 16.12.2016


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