Explikat 

Ein Versfuß muss mindestens zwei Silben in geregelter Folge enthalten. Für deutschsprachige Verse lässt sich festhalten, dass in diesen in der Regel, die Abfolge der Hebungen und Senkungen denen der Normalsprache entspricht. Einsilbige Wörter können – um dem Versmaß genüge zu tun – sowohl als betont oder unbetont gezählt werden. 

Bevor wir uns den einzelnen Versfüßen separat zuwenden, soll an dieser Stelle Samuel Taylor Coleridges Brief an seinen Sohn zitiert werden, in dem Coleridge in Form des jeweiligen Versfußes diesen definiert: 

Trochee trips from long to short; 
From long to long in solemn sort 
Slow Spondee stalks, strong foot!, 
yet ill able Ever to come up with Dactyl’s trisyllable. 
Iambics march from short to long; 
– With a leap and a bound the swift Anapaests throng; 
One syllable long, with one short at each side, 
Amphibrachys hastes with a stately stride; – 
First and last being long, middle short, Amphimacer 
Strikes his thundering hoofs like a proud high-bred Racer. 

(Coleridge in Fry 2010, S. 122)

Zu den häufigen Versfüßen gehören 

Der Jambus 

Zweisilbiger Versfuß, bei dem auf eine unbetonte Silbe eine betonte Silbe folgt (x x,). 

Der Jambus ist zum einen der in der deutschen Dichtung am häufigsten verwendete Versfuß und ist zum anderen und aufgrund dessen der Baustein wichtiger Versmaße und Strophenformen. Gekennzeichnet ist der Jambus durch eine lebendige und andrängende Grundstimmung, die bspw. auch die Beschwörungen der Zauberer in Dr. Seuss' Bartholomew and the Oobleck kennzeichnet und ihnen Wirkung verleiht 

Go make the oobleck tumble down 
on every street, in every town! 
Go make the wondrous oobleck fall! 
Oh, bring down oobleck on us all!

(Seuss 2013a, Pos. 10)

Auch das durch Wolfgang Amadeus Mozart vertonte Gedicht Komm, lieber May, und mache von Christoph Adolf Overbeck ist durch Jamben geprägt: 

Komm, lieber May, und mache
Die Bäume wieder grün,

(Overbeck 1776) 

Das metrische Gegenstück des Jambus' ist der Trochäus. 

Der Trochäus 

Der Trochäus ist ein zweisilbiger Versfuß, bei der auf eine betonte eine unbetonte Silbe folgt (x,x).

Explikat 

Der Trochäus stellt das metrische Gegenstück zum Jambus dar und ist durch einen fallenden Rhythmus gekennzeichnet, der bspw. den Beschwörungen der Hexen in Shakespeares Macbeth eine ominöse und unheilversprechende Stimmung verleiht: 

Double, double toil and trouble;
Fire burn, and cauldron bubble.

(Shakespeare: Macbeth. 4. Akt, 1. Szene)

Eine ähnliche Stimmung verleiht auch Dr. Seuss in Bartholomew and the Oobleck seinen Zauberern, die ähnlich beschwörend auftreten: 

Shuffle, duffle, muzzle, muff
Fista, wista, mista-cuff. 

(Seuss 2013a, Pos. 8)

Auch in Eduard Mörikes Er ist's wird der Trochäus eingesetzt und ebenfalls mit verkündender Wirkung. So wird in diesem Fall zwar kein Unheil beschworen, sondern der Beginn des Frühlings: 

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

(Mörike 1832)

Der Daktylus 

Der Daktylus ist ein dreisilbiger Versfuß, bei dem auf eine betonte Silbe zwei unbetonte Silben folgen (x, x x). 

Explikat 

Der Daktylus stellt das metrische Gegenstück zum Anapäst dar und besitzt eine fließend-tänzerische Qualität. So beschreibt Stephen Fry den Daktylus als "a falling rhythm […] [with] a pleasingly fugitive quality" (Fry 2010, S. 85), betont jedoch auch: "they can sound hypnotically dreary without the affirmative closure of stressed beats at line-end." (ebd.)

Den Rhythmus, der den Daktylus kennzeichnet, nutzt bspw. Walt Whitman in seinem Gedicht Out of the cradle endlessly rocking und macht über den Einsatz des Versfußes das immerwährende titelgebende Schaukeln der Wiege hörbar: 

Out of the cradle endlessly rocking,   
Out of the mocking-bird’s throat, the musical shuttle, 
Out of the Ninth-month midnight,    […]

(Whitman 1859)

Erich Mühsams Zum Beginn ist am Beginn ebenfalls durch einen Daktylus gekennzeichnet:

 Wollt ihr die Freiheit, so seid keine Knechte!

(Mühsam 1909)

Der Anapäst 

Der Anapäst ist ein dreisilbiger Versfuß, bei dem auf zwei unbetonte Silben eine betonte Silbe folgt (x x x,).

Explikat 

Der Anapäst, der das metrische Gegenstück zum Daktylus darstellt, wird im Deutschen relativ selten verwendet. Dr. Seuss setzt in Yertle the Turtle den Anapäst ein, wobei über den Versfuß, der aufgrund seines vorwärtsdrängenden Charakters häufig in Schlacht- und Kriegsliedern genutzt wird, das Unterfangen des Schildkrötenkönigs in diese Tradition gestellt wird und gleichermaßen spielerisch gebrochen wird: 

And today the Great Yertle, that Marvelous he
Is King of the Mud. That is all he can see.
And the turtles, of course... all the turtles are free
As turtles and, maybe, all creatures should be.

(Seuss 1958, S. 28)

 Eingesetzt wird der Anapäst ebenfalls in Friedrich Hölderlins Die Kürze 

Wie mein Glück,
ist mein Lied

(Hölderlin 1799)

Der Spondeus 

Der Spondeus  ist ein zweihebiger Versfuß, der drei- oder zweisilbig sein kann (x, x,). 

Explikat 

Sowohl im deutsch- als auch englischsprachigen Raum ist der Spondeus aufgrund der unmittelbaren Aufeinanderfolge zweier betonter Silben relativ selten. So betont Stephen Fry: 

You may feel that it is almost impossible to give absolutely equal stress to two successive words or syllables in English and that there will always be some slight difference in weight. Many metrists (Edgar Allan Poe among  them) would argue that the spondee doesn’t functionally exist in English verse. (Fry 2010, S. 11) 

Eine besondere Wirkung weist Fry dem Spondeus in Bezug auf den Versschluss zu: "The spondee (inasmuch as it truly exists in English) makes a great full stop, either serious like a tolling bell or comic […]". (ebd. S. 82) 

Diese läutende Wirkung findet sich bspw. in Gerard Manley Hopkins' Pied Beauty, in dem der Spondeus eingesetzt wird: "With swift, slow; sweet, sour; adazzle, dim;". (Hopkins 1985)

Im Deutschen findet sich kein reiner Spondeus, auch wenn Worte wie "Vollmond" oder "Sturmnacht" häufig als Beispiele angeführt werden (vgl. van Hoorn 2009).
  

Der Amphibrachys

Der Amphibrachys ist ein einfacher, dreigliedriger Versfuß, bei dem zwei Senkungen eine Hebung umschließen (x x, x).

Explikat 

Der Amphibrachys tritt als eigenständiger Versfuß relativ selten auf, da sich amphibrachysche Verse durchaus auch anapästisch oder daktylisch interpretieren lassen. Dr. Seuss setzt jedoch in If I Ran the Circus den Amphibrachys ein: 

And NOW comes an act of Enormous Enormance!
No former performer's performed this performance!

(Seuss 2013b, Pos. 8)

Ebenfalls geprägt durch einen Amphibrachys ist Ludwig Thomas Heilige Nacht

Sein Vater ist Schreiner gewesen,
Die Mutter war eine Magd.
Sie haben kein Geld nicht besessen,
Sie haben sich wohl geplagt.

(Thoma 1913)


Bibliografie

Primärliteratur

Sekundärliteratur