Historie

Die Rhetorik, ebenso wie die Poetik, beschreibt ein Lehrsystem, das in der Blütezeit des antiken Griechenland (im fünften und vierten Jahrhundert v. Chr.) wurzelt. In ihrer ursprünglichen Form ist die Rhetorik dabei eng an die politischen und sozialen Verhältnisse der griechischen Stadtrepubliken, insbesondere in Athen, gebunden.

Als erster, historisch gesicherter Rhetoriker gilt Gorgias (etwa 485-380 v. Chr.). Er definierte Regeln und gab als "Begründer der rhetorischen Stilistik" Beispiele für eine Verwendung von Sprache, die durch ihre stilistische Qualität die Kraft der Argumente verstärken sollte. Kritisch gesehen wurde dabei jedoch seine Überzeugung, "dass die Macht der Rede keine Grenzen kenne und bei richtiger Handhabung schlechthin alles durchzusetzen vermöge." (Fuhrmann 1995, S. 17)

Auf Platon, der sich mit Gorgias auseinandersetzte, geht der Begriff rhetoriké techné zurück, von dem sich das Fremdwort Rhetorik ableitet. Platons Schüler und Gegenpart Aristoteles wiederum benutzte eben diesen Begriff als Titel einer umfangreichen Schrift (um 355 v. Chr.), in der er diese neue Disziplin zu systematisieren versucht. 

Exportiert wurde die mittlerweile bestens etablierte Rhetorik im zweiten vorchristlichen Jahrhundert unter der lateinischen Bezeichnung ars rhetorica ins Römische Reich. Als besonders wirkungsmächtige Werke in lateinischer Sprache sind dabei De oratore (Über den Redner, 55 v. Chr.) des Philosophen und Staatsmannes Marcus Tullius Cicero, sowie Institutio oratoria (Ausbildung des Redners, um 95 n. Chr.) des Rhetoriklehrers Marcus Fabius Quintilianus hervorzuheben. Letztere wird über viele Jahrhunderte hinweg zum Fundus und Fundament rhetorischer Bildung. 

Verwendungs- oder Redesituationen

Unterschieden werden bei der Rhetorik zunächst drei typische Verwendungs- oder Redesituationen. 

  • die Gerichtsrede (génos dikanikón/genus iudiciale), die im Falle von Harry Potters Anklage durch Cornelius Fudge in Harry Potter und der Orden des Phönix mit zahlreichen Anklagepunkten bestückt ist:

Die Anklagepunkte gegen den Beschuldigten lauten wie folgt: Dass er wissentlich, absichtlich und in vollem Bewusstsein der Rechtswidrigkeit seiner Handlungen – obwohl er zuvor bereits eine schriftliche Verwarnung des Zaubereiministeriums wegen eines ähnlichen Vorwurfs erhalten hatte – einen Patronus-Zauber in einem Muggelwohngebiet ausgeführt hat, in Gegenwart eines Muggels, am zweiten August um dreiundzwanzig Minuten nach neun, welches einen Verstoß gegen den Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger von 1875. Abschnitt C darstellt und ebenso gegen Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zauberervereinigung. (Rowling 2003, S. 168)

Etwas weniger formell ist die Gerichtsrede des Weißen Kaninchens in Alices Abenteuer im Wunderland gestaltet: 

Coeur-Königin, sie buk Kuchen, Juchheisasah, juchhe! Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm. Wo sind sie nun? O weh! (Carroll 1869)

  • die politische Rede wie bspw. Astrid Lindgrens Rede Niemals Gewalt, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hielt:

(Der gesamte Wortlaut kann hier eingesehen werden)

Auch Neville Longbottoms 'Rede' anlässlich der Schlacht von Hogwarts, die sich in der Buchfassung von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes in zwei Sätzen erstreckt ("'Bei euch mach ich erst mit, wenn die Hölle gefriert', sagte Neville. 'Dumbledores Armee!'" [Rowling 2008, S. 739]) und dennoch fluchbrechende Wirkung zeigt ("und die Menge, die von Voldemorts Schweigezaubern offenbar nicht zu bändigen war, antwortete mit lautem Jubel." [ebd.])  kann als politische Rede gelesen werden – ebenso wie ihr etwas pathetischeres filmisches Gegenstück.

  • die Festrede, die Albus Dumbledore in Harry Potter und der Stein der Weisen sehr eigen gestaltet: 

"Willkommen!," rief er. "Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek! Danke sehr!" (Rowling 1997, S. 135-136)

Modi und Stilebenen 

Neben diesen drei Verwendungs- und Redesituationen können auch drei grundsätzliche Wirkungsfunktionen innerhalb der Rhetorik unterschieden werden. Dabei soll und kann die Rede generell überzeugen (persuasio), gleichzeitig lässt sich die rhetorische Persuasio schon seit der Antike in drei Modi oder Teilziele unterscheiden: 

  • movere (bewegen) 
Unter dem Modus bewegen soll an dieser Stelle nicht Prof. McGonagalls "piertotum locomotor" (Rowling 2008, S. 610) verstanden werden, mit dem sie die Statuen von Hogwarts tatsächlich in Bewegung setzt, sondern viel mehr ihre darauf folgende Rede, die diese über den Appell an ihr Pflichtgefühl im rhetorischen Sinne bewegt:

'Hogwarts ist in Gefahr!' rief Professor McGonagall. 'Besetzt die Grenzen, beschützt uns, erfüllt eure Pflicht unserer Schule gegenüber.' (ebd. )

  • docere (belehren) Der Modus belehren kann zum einen auf die bloße Mitteilung von Fakten verweisen, kann aber auch als komplexe Argumentation erfolgen, wie in der Fanfiction Harry Potter and the Methods of Rationality, in der Harry James Potter-Evan-Verres und Draco Malfoy den Verlust von Magie in der Geschichte der Zauberei wissenschaftlich ergründen und Harry seine These Draco gegenüber begründet: 

Hermione Granger was too powerful, she should have been barely magical an she wasn't, how can a Muggleborn be the best spellcaster in Hogwarts? And she is getting the best grades in her essays too, it's too much coincidence for one girl to be the strongest magically and academically unless there's a single cause. Hermione Granger's existence pointed to there being only one thing that makes you a wizard, something you either have or you don't, and the power differences coming from how much we know and how much we practice. (Yudkowsky 2010)

  • delectare (erfreuen)
 Der Modus erfreuen verweist auf die Absicht des Redners, die Zuhörenden zu erfreuen und sie über die Erregung von Freude zu beeinflussen. So dient Dumbledores Rede zum Abschluss des ersten Schuljahres dazu, die Schüler und Schülerinnen zu amüsieren, aber gleichzeitig auch die Slytherins ob des Verlust des Hauspokals etwas milder zu stimmen: 

"Wieder ein Jahr vorbei!" rief Dumbledore ausgelassen. "Und bevor wir die Zähne in unser köstliches Festessen versenken, muss ich euch mit dem schwefeligen Geschwafel eines alten Mannes belästigen. Was für ein Jahr! Hoffentlich sind eure Köpfe ein wenig voller als zuvor …" (Rowling 1997, S. 330)

Die rhetorische Wirkungsmächtigkeit von Dumbledores Rede muss an dieser Stelle vielleicht etwas eingeschränkt werden und das sogar trotz der Alliteration im englischen Original: "wheezing waffle" (Rowling 2013, S. 304). Zumindest im Falle von Malfoy hat das freundlicher Stimmen nämlich eher nicht funktioniert: "Malfoy, der so aussah, als hätte ihm gerade jemand die Ganzkörperklammer auf den Hals gejagt." (Rowling 1997, S. 333) 

Neben den drei unterschiedlichen Modi lassen sich auch drei unterschiedliche rhetorische Stilebenen (genera dicendi) unterscheiden, die eng mit diesen verbunden sind.

  • Hoher Stil (genus grande): So wird über den genus grande insbesondere die Funktion des Bewegens (movere) erfüllt und dieser dient damit der Erregung starker und bisweilen pathetischer Effekte. So kann Nevilles Rede in der Filmversion der Großen Schlacht um Hogwarts als Beispiel für den genus grande angesehen werden.
  • Mittlerer Stil (genus medium): Der genus medium hingegen ist eng mit der Funktion des Erfreuen der Zuhörenden (delectare) verbunden und ist durch sanftere, weniger pathetische Effekte und eine der Umgangssprache angepasste Redeweise gekennzeichnet. Dumbledores obig genannte Festreden können als Beispiel für den mittleren Stil herangezogen werden.
  • Niedriger Stil (genus humile): Der genus humile, der der Vermittlung von Beweisen und Argumenten dient, ist demnach eng verbunden mit der Funktion des Belehren (docere) und weist eine einfache, nüchterne und präzise Sprache aus, wie im Falle von Harrys Darlegungen an Draco.  

Produktionsstadien der Rhetorik 

Das Kernstück der Rhetorik unter praktischen Gesichtspunkten und damit als Leitfaden der Textproduktion ist die Lehre von den einzelnen Arbeitsschritten, die zum fertigen Produkt führen. Für diesen Aspekt der Rhetorik lassen sich typischerweise fünf verschiedene Arbeitsschritte oder Produktionsstadien festhalten. Zum einen die Themenfindung (inventio), die Gliederung (dispositio), die (sprachliche) Ausarbeitung (elocutio), die Einprägung (memoria) und schließlich der freie, jedenfalls nicht manuskriptgestützte Vortrag (pronunciatio). Besonders wichtig – und das nicht nur, aber auch für Referate im Seminarkontext – ist die elocutio, der sprachliche Feinschliff. 
Dabei spielen insbesondere die rhetorischen Mittel im engeren Sinne, also die rhetorischen Figuren und Tropen, eine wesentliche Rolle. 
Der Begriff der rhetorischen Figur bezeichnet dabei Kombinationen von Wörtern und Satzgliedern auf syntaktischer Ebene, die bewusst gegen grammatische oder idiomatische Regeln verstoßen, während sich die Tropen auf Änderungen auf der paradigmatischen und semantischen Ebene beziehen und somit die Bedeutung des Gesagten fokussieren. 


Bibliografie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

  • Fuhrmann, Manfred: Die antike Rhetorik. Eine Einführung. Zürich: Artemis & Winkler, 1995.

Erstveröffentlichung: 05.11.2015


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