von Sabine Planka

Hans de Beer, der bereits als 'Erfinder' von Lars, dem Eisbären weltweite Erfolge feiert, ist mit seinem Bilderbuch Hase und Maulwurf ein neuer Coup gelungen. Freundschaft, Abenteuer und ein hilfsbereites Miteinander rücken in den Fokus, wenn der verletzte Hase ohne Hilfe nicht mehr nach Hause kann und vom Maulwurf und anderen Waldtieren Unterstützung erfährt.

Inhalt

de Beer, Hans: Hase und Maulwurf.
Zwei starke Freunde.
NordSüd Verlag, Zürich 2014.
32 S., 13,95 €
ISBN 978-3-314-10200-4

Ein kleiner Hase überquert aus Neugierde die Autobahn, um zu erfahren, was im Wald auf der anderen Seite los ist. Doch er wird von einem Auto erfasst, an die Leitplanke geschleudert und humpelt seitdem; nun kann er die inzwischen stark befahrene Straße nicht mehr gefahrlos überqueren. Die anderen Tiere des Waldes ärgern und hänseln ihn ob seiner "Behinderung", einzig der Maulwurf begegnet ihm vorurteilsfrei und will ihm helfen, einen Tunnel unter der stark befahrenen Straße zu graben. Trotz Behinderung machen sich der Maulwurf und der Hase, der sich mit Hilfsmitteln wie einem Puppenwagen von der Müllkippe zu helfen weiß, indem er ihn als Gehhilfe nutzt, an die Arbeit. Doch der Tunnel stürzt ein. Da kommen die anderen Tiere und helfen, einen sicheren Tunnel zu bauen, sodass nicht nur der Hase wieder nach Hause zurückkehren kann, sondern sich auch die Tiere beider Waldteile gegenseitig besuchen können und wieder zu einer großen Gemeinschaft zusammenwachsen.

Kritik

In ihrer Konzeption greift die Geschichte von Hans de Beer zentrale Themen auf, die durchaus aktuelle gesellschaftliche Diskussionen beherrschen: Zunächst ist das Thema 'Behinderung' zu nennen, hervorgerufen durch den Unfall und der daraus resultierenden Verletzung, die dem kleinen Hasen zu seinem Spitznamen "Humpelhase" verhilft. Er wird geärgert, ausgegrenzt und ausgelacht, die anderen Tiere nehmen ihm seinen Stock weg, ohne den er nicht gehen kann, und machen sich über ihn lustig. Lediglich der Maulwurf nimmt ihn so an, wie er ist und bastelt ihm eine neue Krücke, mit der der Hase wieder laufen kann. Die Hilfsbereitschaft des Maulwurfs kommt allerdings nicht von ungefähr: Auch ihn haben die Tiere anfangs aufgrund seiner schlechten Sehkraft geärgert, doch er hat sie reden lassen, bis es den anderen langweilig geworden ist. Er ist also zunächst derjenige, der aufgrund seiner eigenen körperlichen Beeinträchtigung die Behinderung des Hasen als selbstverständlich wahrnimmt, ihn damit gleichermaßen als Individuum versteht und ihm selbstverständlich hilft. Und er erweist sich auch in weiterer Hinsicht als Freund: Er will dem Hasen helfen, einen Weg zurück in dessen Waldstück auf der anderen Seite der Autobahn zu graben. Die beiden, jeder auf seine Weise gehandicapt, machen sich an die Arbeit, um einen Tunnel zu graben und greifen dabei auf ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zurück. So kann der Hase z. B. einen Puppenwagen schieben, den sie auf dem Müll gefunden haben, und damit die Erde abtransportieren, ohne dass er hinfällt, da er sich am Griff des Wagens abstützen kann.

Als der Tunnel jedoch einbricht, kommen die anderen Tiere und helfen dabei, einen statisch stabilen Tunnel zu bauen – und entschuldigen sich bei Hase und Maulwurf für ihre Hänseleien.

Deutlich wird hier das Thema der Inklusion angesprochen: Nach der erfolgten Ausgrenzung aufgrund der 'Andersartigkeit' durch 'Behinderung' werden beide Tiere erfolgreich wieder in den Kreis der anderen Tiere aufgenommen; diese haben verstanden, dass man trotz Einschränkungen Großes auf die Beine stellen kann, dass man zumindest den Mut haben kann, Dinge anzupacken und zu ändern. Es scheint fast so, als bewunderten die anderen Tiere die Zielstrebigkeit des Hasen und des Maulwurfs und wollten ihnen nun helfend unter die Arme greifen.

Das zweite zentrale Thema dieses Bilderbuches sind die individuellen Fähigkeiten, durch die sich jedes Tier auszeichnet. Diese unterschiedlichen Fähigkeiten führen im Laufe der linear-chronologischen Narration dazu, dass alle mithelfen, um dem Hasen einen Weg zurück zu seinem Zuhause zu ermöglichen. Auf einer Metaebene tragen alle dazu bei, den geteilten Wald wieder zu vereinen, womit das dritte zentrale Thema angerissen ist, nämlich der Eingriff in die Natur durch den Menschen, der auch schon in Hans de Beers Dodo-Büchern und in den Büchern von Lars, dem kleinen Eisbären von großer Relevanz ist. Der Wald als ökologisches System wird durch den Menschen verändert und nachhaltig geschädigt – darunter haben alle Waldbewohner zu leiden. Die mitten durch den Wald gebaute Autobahn teilt selbigen in zwei Teile und macht es den Waldbewohnern unmöglich, in den jeweils anderen Teil des Waldes zu gelangen. Dagegen wehren sich die Tiere und vereinen den Wald und dessen Bewohner wieder, indem sie gemeinsam einen Tunnel unter der Autobahn hindurch bauen. Auch der vom Menschen im Wald entsorgte Müll wird nutzbar gemacht und dient als Hilfe beim Bau des Tunnels.

Die Sprache des Buches ist sorgsam ausgefeilt ("Bis vor kurzem wohnte [der Hase] drüben, auf der anderen Seite. Aber weil der Hase ein besonders neugieriger Hase ist, beschloss er eines Tages, dass es eine gute Idee wäre, die Autobahn zu überqueren. Denn wie sonst sollte er je erfahren, wie es auf der anderen Seite aussieht? Doch leider war es keine gute Idee. Schon nach kurzer Zeit kam ein Lastwagen mit Höchstgeschwindigkeit angebraust und der arme Hase wurde durch den starken Windstoß an die Leitplanke geworfen"; o.P.) und richtet sich an den geübten Erstleser, der schon in der Lage ist, einzelne kürzere Texte eigenständig zu lesen. Daher verwundert es auch nicht, dass die längste Textpassage mit 15 Zeilen einführend zu Beginn des Buches zu finden ist. Im Rahmen der Narration greifen dann Text- und Bildebenen ineinander und treiben den Erzählprozess auf beiden Ebenen voran (vgl. dazu Thiele 2002, S. 231f). Die Bilder selbst sind mit feinen Strichen detailreich ausgestaltet und in leuchtenden Farben koloriert. Gerade diesem Detailreichtum und den feinen Linien ist es geschuldet, dass v. a. die Emotionen der Figuren, allen voran die des Hasen, deutlich zutage treten und sich in den Gesichtern der Figuren spiegeln – wie es schon von de Beers Lars, der Eisbär bekannt sein dürfte.

Die Wahl eines Hasen und eines Maulwurfs als neue Protagonisten erinnern übrigens an Zdeněk Milers Geschichten vom Kleinen Maulwurf, der in mehreren Geschichten ebenfalls mit einem Hasen und wechselnden anderen Tieren, einer Maus, einem Igel, Fröschen, kleinen Vögeln, die Welt erkundet und Tieren und Pflanzen in misslichen Situationen hilft – oder sich selbst in selbige Situationen bringt, aus denen ihn dann die anderen Tiere retten müssen.

Fazit

Hans de Beer ist mit Hase und Maulwurf. Zwei starke Freunde eine weitere wunderbare Geschichte gelungen, der es gelingt den kindlichen Selbstleser bzw. Zuhörer an sensible Themen (Behinderung und Inklusion, Ökologie und Umweltverschmutzung) heranzuführen, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Die sprachliche und bildliche Verarbeitung der Geschichte richtet sich somit sowohl an Kinder ab ca. vier Jahren, denen die Geschichte vorgelesen wird, als auch an ein älteres Lesepublikum ab ca. sechs Jahren, das hier erste Erfahrungen im Selbstlesen unternehmen kann.

 

Literatur

Thiele, Jens: Das Bilderbuch. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden. Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Hrsg. v. Günther Lange. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 228-242.

 

 

 


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