von Mirijam Steinhauser

Fußballschuhe mit Blinkfunktion: Die muss Toni unbedingt haben. Als er versucht, selbst das Geld dafür zu verdienen, stößt er auf so manches Hindernis und sammelt viele schöne Erfahrungen. Eine warmherzige Geschichte in Comicform, nicht nur für Jungs.

Waechter, Philip: Toni. Und alles nur wegen Renato Flash.
Beltz&Gelberg, Weinheim, 2018.
67 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-407-75425-7.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

Als Toni das Werbeplakat für einen blinkenden Fußballschuh sieht, ist er sofort hin und weg: Diese "Renato Flash"-Schuhe braucht er dringend. Seine Mutter ist von der Idee weniger begeistert. An Weihnachten will sie angesichts des Leids in der Welt auch lieber auf große Geschenke verzichten. Also beschließt Toni, sich selbst um das nötige Geld zu kümmern. Er trägt Flyer aus, versucht sich als Straßenmusiker, führt den Hund einer alten Dame aus… Doch immer geht etwas schief: Beim Flyerverteilen z.B. kommt ihm ein spontanes Fußballspiel dazwischen. Die ganze Mannschaft hilft schließlich, noch rechtzeitig fertig zu werden und wird dafür an der Pommesbude eingeladen. Klar, dass danach nicht mehr allzu viel vom Verdienst übrig ist. Am Ende der Geschichte hat Toni zwar nicht genug Geld für die ersehnten Schuhe, aber eine neue Freundin gefunden und viel Spannendes erlebt. Die "Renato Flash" erscheinen schließlich gar nicht mehr so wichtig. Dann ist Heiligabend, Toni ist zufrieden. Aber da liegt doch noch eine Überraschung unter dem Baum...

 

Kritik

Philipp Waechter legt mit Toni. Und alles nur wegen Renato Flash eine weitere berührende und dennoch locker-leicht erzählte Geschichte vor, diesmal für Kinder ab circa acht Jahren. Die Erzählung in Form eines Comics ist in mehrere Kapitel bzw. Episoden gegliedert, die sich durch ihre Farbgebung voneinander unterscheiden. Dieses Verfahren, eine längere Erzählung durch verschiedene Farbwahl zu segmentieren, findet sich auch in anderen Comics bzw. Graphic Novels, so in Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen (Jean Regnaud/Émile Bravo 2009). Protagonist Toni sticht in jeder Farbumgebung durch seinen roten Pullover hervor. An den Prolog, in dem die Begegnung mit dem Werbeplakat dargestellt wird, schließen sich sechs Episoden an, in denen es um die verschiedenen Methoden des Geldverdienens geht, sowie eine "kleine Episode für zwischendurch", in der Toni und seine Mutter angesichts eines Bettlers über Armut und Wohlstand sprechen. Das letzte Kapitel schließlich ist mit "Weihnachten" überschrieben. Wie alle anderen wird es durch ein eigenes illustriertes Titelblatt abgegrenzt. Diese übersichtliche Unterteilung bietet insbesondere jüngeren Leserinnen und Lesern gut zu bewältigende Lektüreeinheiten. Auch die Panels sind überwiegend einheitlich (zumeist sechs gleichgroße Panels pro Seite, teilweise einzelne zu größeren zusammengefasst) und sehr gut lesbar gegliedert.

Mit Toni. Und alles nur wegen Renato Flash bleibt sich Waechter in vielerlei Hinsicht treu: Schon als junger Illustrator erzählte er in Comicform, so in der wunderbaren Superheldengeschichte Die Geschichte meines Opas (2003), die vorab bereits als Comicserie in der Kinder-Literaturzeitschrift Der bunte Hund erschien. Wie schon in Sehr berühmt, aber – nicht ganz so prominent – auch in anderen Büchern, die er für Kinder und Erwachsene geschrieben und gezeichnet hat, spielt Fußball in Toni. Und alles nur wegen Renato Flash ganz offensichtlich ebenfalls eine große Rolle. Kein Wunder, denn Philipp Waechter selbst spielte schon in seiner Jugend gerne in verschiedenen Frankfurter Mannschaften und liebäugelte mit einer Profikarriere.
Waechters Protagonist Toni, der in seinen Fantasien ebenfalls mit dem Ball zaubert, ist eine ziemlich normale und dabei äußerst liebenswerte Jungenfigur. Er lebt mit seiner offensichtlich alleinerziehenden Mutter in einem bildungsbürgerlichen städtischen Haushalt mit gepflegter Diskussionskultur. Er hat gute Freunde, auf die er sich verlassen kann und umgekehrt, hängt an seinem alten Kinderspielzeug und verliebt sich ganz nebenbei in ein Mädchen, das sogleich in den Freundeskreis integriert wird. In seiner Unaufgeregtheit stellt er eine ideale Identifikationsfigur dar und würde sich – wie auch der Titel des Buches andeuten könnte, ebenfalls für eine Comicbuchserie eignen.

Die Thematik des Schenkens und die Bedeutung eines materiellen Wunsches, die zwar den Aufhänger der Episoden bildet, im Verlauf des Buches aber immer mehr an Bedeutung verliert, ist angesichts von kindlichen Klimaschutz-Demonstrationen und Minimalismustendenzen äußerst aktuell, wird in diesem Buch aber nicht moralisch überfrachtet. Am Ende der Geschichte ist es die vorher so überlegte Mutter, die ihrem Sohn angesichts weihnachtlicher Gefühle seinen Wunsch erfüllt. Neben der gelungenen Geschichte und den wie immer gekonnten, auf das Notwendige reduzierten Zeichnungen, die die Figuren in ihrer Emotionalität lebendig werden lassen, machen auch kleine witzige Details das Buch zu einem Vergnügen. Ein sich durchziehender Gag sind die falschen Namen, die die Mutter für die Turnschuhe verwendet. Ein selbstreferenzieller Spaß findet sich in der Flohmarktepisode, in der Toni beim Verkauf seiner alten Spielsachen nach Büchern von Philip Waechter gefragt wird. Insgesamt ist Toni. Und alles nur wegen Renato Flash ein ideales (Weihnachts-)Geschenk, aber auch eine sinnvolle Anschaffung für eine Klassenbücherei.
Auch im Rahmen von Leseförderung und Literaturunterricht lässt sich das Buch gut einsetzen. Hier könnten etwa nach der Lektüre der ersten Episoden selbst weitere Möglichkeiten, Geld zu verdienen, ausgedacht werden. Davon ausgehend könnten diese Varianten zeichnerisch und schreibend umgesetzt werden. Die Ergänzung einzelner leerer Sprechblasen, die sinnvolle Anordnung vertauschter Panels zu kurzen Abschnitten oder das Fortführen einzelner Sequenzen wären weitere produktionsorientierte Möglichkeiten zum Umgang mit diesem Buch.

Fazit

Toni. Und alles nur wegen Renato Flash eignet sich hervorragend, um Jungen (und Mädchen) ab circa acht Jahren in Comicform auf angenehme Weise zu unterhalten und dabei zugleich zum Nachdenken über materielle und immaterielle Wünsche und Werte anzuregen. Es ist – in allen Bereichen – ein Vergnügen, das sich wunderbar in Philipp Waechters Gesamtwerk einfügt.

Erstveröffentlichung: 23.06.2019


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