von Alexandra Sprawe

Susan Schade und Jon Buller erzählen in ihrer Trilogie „Thelonius‘ große Reise“ in Schrifttext-Passagen und Comic-Sequenzen von einem sprechenden Streifenhörnchen, das der Menschheit auf der Spur ist. Eine lesenswerte Kinderbuchreihe, die aktuelle gesellschaftliche Themen wie Umweltzerstörung und Genmanipulation behandelt.

Schade, Susan; Buller, Jon: Thelonius' große Reise – Das Geheimnis des Nebelbergs.
Aus dem Amerikanischen von Carolin Müller
Knesebeck Verlag, München 2012.
224 Seiten.
ISBN 978-3868734454.
Empfohlen ab 8 Jahren.
Schade, Susan; Buller, Jon: Thelonius' große Reise – Aufbruch nach Dämmerland.
Aus dem Amerikanischen von Carolin Müller
Knesebeck Verlag, München 2012.
208 Seiten.
ISBN 978-3868735048.
Empfohlen ab 8 Jahren.
Schade, Susan; Buller, Jon: Thelonius' große Reise – Simons Traum.
Aus dem Amerikanischen von Carolin Müller
Knesebeck Verlag, München 2013.
208 Seiten.
ISBN 978-3868735710.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

"Vor langer Zeit, als die Menschen noch die Erde beherrschten und die Tiere noch nicht über die Gabe des Sprechens verfügten, wurde ein Menschenkind geboren, das hieß Bob …" (Band 1, S. 1) Mit dieser Sage beginnt der erste Band der Trilogie Thelonius‘ große Reise. Doch die Protagonisten, die in dieser phantastischen Fabel agieren, sind keine Menschen, sondern sprechende Tiere.

Das Streifenhörnchen Thelonius glaubt, dass hinter den alten Geschichten wahre Begebenheiten stecken. Hat es Menschen tatsächlich gegeben und aus welchem Grund sind sie verschwunden? Einige Antworten findet Thelonius im ersten Band Das Geheimnis des Nebelbergs.

Als sein Haus durch die Auswirkungen eines Sturmes überflutet wird, reißen die Wellen Thelonius mit und spülen ihn an einen seltsamen Ort voller Ruinen und Gerümpel. In einem ehemaligen Buchladen trifft er auf ein Stachelschwein namens Fitzgerald. Von ihm erfährt Thelonius, dass sie sich in einer verlassenen Stadt befinden und was die Menschen "mit dem Planeten angestellt" (ebd., S. 44) haben: "Haben ihn kaputt gemacht, würde ich sagen. In meinen Büchern habe ich nichts über ihre letzten Tage gefunden." (Ebd.)

Thelonius und Fitzgerald lernen die Bärin Olivia und die Eidechse Brown kennen, mit denen sie eine Reise antreten. Ihr gemeinsames Ziel ist das vermeintliche Paradies auf dem geheimnisvollen Nebelberg. Um dorthin zu gelangen, muss die Gemeinschaft durch ein unterirdisches Labyrinth, in dem Thelonius einen Menschen und damit den Beweis für ihre Existenz findet: In einer Kapsel entdecken die Freunde einen geschrumpften menschlichen Wissenschaftler namens Bill. Dieser sagt jedoch nur ein einziges Wort: "Dämmerland" (ebd., S. 214).

Damit steht für die Gruppe das nächste Ziel fest. Um Wissen über die Geschichte der Menschheit zu erlangen, müssen die Freunde dem Hinweis des mysteriösen Wissenschaftlers folgen. Im zweiten Band Aufbruch nach Dämmerland beginnt Bill dann auch bruchstückhaft zu sprechen. So kommt die Sprache auf Marie, die in den Büchern nicht direkt auftritt, aber an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit die gleiche Funktion hatte wie Bill: den Tieren die Sprache der Menschen beizubringen und ihnen zu zeigen, "was sie nach der Besatzungszeit der Menschen zum Überleben brauchten." (Ebd., S. 153)

Nun sind es die Tiere, die die gleichen Fehler begehen wie die Menschen. Welche Fehler es damals waren, wird im dritten Band Simons Traum ersichtlich. Hier werden alle ausstehenden Fragen beantwortet. Einerseits von Bill, der nach einem Sturz ins Meer plötzlich beginnt wie ein Wasserfall zu sprechen, und andererseits von Simon, dem ersten sprechenden Streifenhörnchen, das die "unvorhergesehenen Folgen" (Band 3, S. 82) miterlebt hat.

Im Verlaufe der Trilogie müssen sich die Protagonisten aber nicht nur der Vergangenheit und deren Auswirkungen stellen, sondern auch einem machtgierigen Krokodil, das als "Drachenherrin" bekannt ist.

                                                                                                      

          

                                                                                                                                                                                                                       

Kritik 

In einem postapokalyptischen Szenario werden gesellschaftliche Themen wie Umweltzerstörung, Krieg und Genmanipulation kritisch aufgegriffen. Dadurch wird eine Moral transportiert, die vor der menschlichen Hybris warnt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen dabei sprechende Tiere, die menschliche Eigenschaften mitbringen. Somit bedient sich die Thelonius-Trilogie an Elementen einer Fabel, auch wenn sie durch ihre Charaktere und Erzählstränge komplexer als eine herkömmliche präsentiert wird.

Durch die Ich-Form im Schrifttext fällt es leicht, sich in den Protagonisten einzufühlen, mit ihm mitzufiebern und mitzudenken. Seine hilfsbereite, mutige und neugierige Art macht ihn auf Anhieb sympathisch. Als Held der Geschichte vermittelt er nicht nur Werte wie Freundschaft und Hilfsbereitschaft, sondern zeigt auch seine Schwächen. So begreift Thelonius im Laufe des ersten Bandes, wie sehr er sich in Brown getäuscht hat und dass sich Freundschaften entwickeln können. Streitigkeiten gehören dabei ebenso dazu wie das Verzeihen und das Überwinden von schnell gefällten Urteilen.

Da die Tiere nicht mehr die "Niedersprache" verwenden, sondern wie Menschen sprechen können (Hochsprache), sind sie in der Lage, Konflikte auszudiskutieren. Dass Tiere jedoch auf ihre Weise kommunizieren und Tierlaute auch eine Form von Sprache sind, kommt in den Thelonius-Büchern etwas kurz. Angeschnitten wird das Thema im zweiten Band: "Wir Vögel konnten schon immer sprechen. Marie hat uns bloß die Sprache der Menschen beigebracht." (Band 2, S. 153) Um welche Sprache es sich konkret handelt und ob die Tiere verschiedene Menschensprachen erlernt haben, bleibt unbeantwortet. Ironischerweise verliert ausgerechnet Bill, der Tieren die Menschensprache beigebracht hat, selbst die Fähigkeit zu sprechen und muss sich nonverbal verständigen.

Das Motiv der Vermenschlichung wird vor allem indirekt vermittelt: Die Tiere tragen Kleidung, sie sprechen wie Menschen und sie verhalten sich wie welche. Durch diese neuen Eigenschaften übernehmen sie aber auch deren Fehler, sodass sich vergangene Ereignisse wiederholen. Die antagonistische Drachenherrin will an die Macht und ist dafür bereit, einen Krieg herbeizuführen. Einen solchen versuchten Wissenschaftler wie Bill mit ihrer Forschung an Genmanipulation zu vermeiden. Durch "[l]eichtsinniges Herumexperimentieren" (Band 3, S. 82) lösten sie dabei jedoch andere katastrophale Folgen aus.

Die Reihe zeichnet sich durch die verschiedenen Erzählformen aus, bei denen mal die Bilder, mal die Buchstaben in den Vordergrund rücken. Zum einen wechseln sich Schrifttext-Passagen und Comic-Sequenzen kapitelweise ab, zum anderen veranschaulichen Illustrationen die Handlung. Diese sind den Panel-Strukturen angepasst, enthalten jedoch keinen Schrifttext wie es bei den Comic-Sequenzen der Fall ist. Die Besonderheit hinsichtlich narrativer Strukturen ist hier das fortlaufende Erzählen: Die Comic-Sequenzen erzählen den Schrifttext nicht nach, sondern setzen in der Handlung dort an, wo der Schrifttext aufgehört hat.

In den Comic-Sequenzen sind die Panels korrelativ gestaltet. So wird die Mimik von Thelonius verbildlicht, der Text in der Sprechblase verrät aber erst, weshalb er so erschrocken schaut: "Aber Fitzgerald! Wir können ihn doch nicht zurücklassen!" (Band 1, S. 105)

Die Wirkung der Panels ist davon abhängig, welchen Rahmen sie erhalten: Das erste Panel der Trilogie füllt eine komplette Seite und zeigt den Sturm, der Thelonius wegspülen wird (vgl. ebd., S. 5). Viele feine Linien verdeutlichen den starken Regen und formen die großen Wellen. Die im Hintergrund angedeuteten Bäume verschmelzen beinahe mit dem dichten Regen, sodass der Eindruck erweckt wird, der Regen versperre die Sicht auf die Umgebung. Thelonius‘ Haus hingegen ist noch gut zu erkennen. Es füllt den Großteil der Seite und sticht durch Helligkeit hervor. Hier dienen die feinen Linien einem weiteren Zweck: der Darstellung der Lichtverhältnisse inmitten des Unwetters.

Alle Bilder im ersten Band spielen mit den Farben Schwarz, Weiß und Blau. Das Blau füllt den Hintergrund, spiegelt sich im Wasser wider und färbt Gegenstände und Gebäude. Im ersten Panel evoziert die Farbe passend zur Situation eine kalte Atmosphäre, während sie an anderen Stellen Ruhe erzeugt. Beispielsweise in Kombination mit weißen Wolken, die wie weicher Schaum aussehen, oder am stillen Ufer (vgl. ebd., S. 62/63).

Im zweiten Band ist es die Farbe Grün, die zum Einsatz kommt. Diese erscheint an manchen Stellen etwas grell und zu dominant im Vergleich zu anderen Bildelementen, sodass die Bildbetrachtung weniger angenehm ist als im ersten Band.

Die Farbe im dritten Band, ein ungesättigtes Lila, passt wiederum von der Farbstärke zum ersten Band. Der detaillierte Stil der Illustrationen und Panels erzielt in Kombination mit der Figurendarstellung eine beeindruckende Wirkung, die zur turbulenten Heldenreise der Tiere passt.

Fazit

Die Thelonius-Trilogie greift interessante Themen auf, die noch weiter hätten vertieft werden können: Umweltzerstörung, Sprachen und Genmanipulation. Die Auseinandersetzung mit diesen erfolgt zumeist über die Dialoge der Figuren. Diesen wird nur wenig Raum gelassen, da die Handlung sehr schnell voranschreitet. Andererseits bleibt die Lektüre auf diese Weise bis zum Schluss spannend und dank des Wechsels von Schrifttext-Passagen und Comic-Sequenzen abwechslungsreich. Die Trilogie ist deshalb auch schnell gelesen. Sollte zwischen den Bänden eine längere Lesepause liegen, ist jeweils zu Beginn des zweiten und dritten Bandes ein kleiner Rückblick zu finden, der das nahtlose Weiterlesen erleichtert.

Somit eignen sich die Bücher auch für junge Lesemuffel ab etwa acht Jahren. Erfahrenere LeserInnen können intertextuelle Verweise zum Weiterdenken entdecken: Welche Bedeutung haben Figurennamen wie "Fitzgerald" für die Geschichte? Trotz der teils fehlenden Tiefe hinsichtlich der bearbeiteten Themen ist Susan Schade und Jon Buller eine lesenswerte Trilogie gelungen, die immer wieder zum Durchblättern animiert. Leider sind die Bücher nur noch antiquarisch erhältlich.

Literatur

  • Dichtl, Fritz: Sprechende Tiere in Literatur und visuellen Medien. Augsburg. 2008.
  • Mahne, Nicole: Transmediale Erzähltheorie. Göttingen. 2007.
  • McCloud, Scott: Comics richtig lesen. Hamburg. 2001.

 

Erstveröffentlichung: 30.05.2019


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