von Philipp Schmerheim

Im Nationalsozialismus wagten es vereinzelt auch Jugendliche, Widerstand gegen das Hitler-Regime zu leisten. Das Schicksal der Münchner Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ ist bekannt – bisher vergessen waren die Aktivitäten von fünf Jugendlichen aus dem Erfurter Raum. Die graphic novel Nieder mit Hitler! würdigt auf wunderbar intelligente Weise den Flugblatt-Aktivismus der Jungen Karl Metzner, Jochen Bock und ihrer Freunde.

Voit, Jochen (Text) / Eshrat, Hamed (Ill.): Nieder mit Hitler! Oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte.
avant-verlag, Berlin 2018.
152 Seiten. 20,00 €
ISBN 978-3-945034-98-9.
Empfohlen ab 12 Jahren.
Leseprobe

Inhalt

Am S-Bahnhof Friedrichstraße wird der Pfarrer Karl Metzner von Stasi-Mitarbeitern abgefangen, als er ein westdeutsches Tonbandgerät nach Ostdeutschland einschmuggeln will. Während er in einem Verhörraum auf seine Vernehmung wartet, erinnert er sich in Rückblenden an seine Jugend im nationalsozialistischen Erfurt im Zweiten Weltkrieg: Zusammen mit vier anderen Jungen wandelt er sich vom Regimeskeptiker zum Widerstandskämpfer gegen die zunehmend wahnsinnige Hitler-Schreckensherrschaft. Von den heimlich am Weltempfänger mitgehörten Radiosendungen inspiriert, schreiben die Jungen anonyme Flugblätter, die zur Beendigung des Krieges und zum Sturz der Regierung Hitler aufrufen. Die Jungen, allesamt aus unterschiedlichen familiären Milieus stammend, fliegen schnell auf. Sie haben aber Glück, nur im Zuchthaus zu landen statt als ‚Volksverräter‘ hingerichtet zu werden. Nach dem Krieg, den Karl nach seiner Freilassung als Soldat an der Front und dann als Kriegsgefangener miterlebt, wird er Pfarrer. Dadurch gerät er – und hier schließt sich der Bogen zur Rahmenhandlung – in Konflikt mit dem totalitaristischen DDR-Staatsapparat, der die evangelische Kirche argwöhnisch als Widerstandsnest beäugt. Karl muss sich verpflichten, als Geheimer Informant zu arbeiten – weil er aber keine kompromittierenden Informationen über die Mitglieder seiner dörflichen Gemeinde preisgibt, wird seine Akte bald geschlossen.

Kritik

Nieder mit Hitler! erzählt die wahre Lebensgeschichte des 1927 geborenen Karl Metzner und seiner Freunde, deren Widerstandsaktionen in der Hitler-Zeit erst jüngst im Rahmen eines Forschungs- und Bildungsprojekts an der Universität Erfurt aufgearbeitet wurden (mehr zum Projekt hier). Der Erfurter Historiker Jochen Voit, der die dortige Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße leitet, und der Künstler Hamed Eshrat, haben die Ergebnisse des Forschungsprojekts in die Form einer graphic novel gegossen. Diese zeichnet das Leben Karl Metzners auf erzählerisch und graphisch hohem Niveau nach.

Dementsprechend richtet sich Nieder mit Hitler! vor allem an Jugendliche mit ersten historischen Kenntnissen über die Nazi- und DDR-Zeit, während Kinder im Grundschulalter eher überfordert sein dürften: Zwar ist die Kernerzählung von fünf Jungs, die Pamphlete gegen das Nazi-Regime schreiben, leicht nachzuvollziehen, aber die graphic novel verwebt diese Kerngeschichte auf komplexe Weise mit verschiedene Zeitebenen: Die Rahmenhandlung ist in der DDR in den 1960er Jahren angesiedelt, wo Stasi-Mitearbeiter den Pfarrer Karl Metzner dazu zwingen wollen, dem Regime als Geheimer Informant Belastendes über Dissidenten zuzuspielen, die sich unter dem Schutz der evangelischen Kirche formiert haben. Wirklich zu erfassen, auf welch feine Weise Nieder mit Hitler! hier anhand des Nationalsozialismus und des DDR-'Bauernstaats' die Parallelen zwischen repressiven Regimes erkundet, erfordert ein Maß an historischem Wissen, das jungen bzw. leseschwachen Rezipienten eher nicht abverlangt werden kann.

Geschichtsbegeisterten Jugendlichen bietet sich hier aber ein ausnehmend klug erzählter Blick auf ein Leben in verschiedenen unfreiheitlichen Gesellschaftssystemen, in denen ein falsches Wort Ausgrenzung, Gefängnis oder sogar den Tod bedeuten konnte. Zudem bieten die Hauptfiguren der Erzählung nicht-erwachsenen Leserinnen und Lesern enormes Identifikationspotenzial. Es gelingt Voit und Eshrat, die nahezu surrealen Bedingungen einer Jugend im Nationalsozialismus so nachvollziehbar zu machen, dass sich auch Jugendliche im 21. Jahrhundert fragen können: wie hätte ich mich eigentlich verhalten, wenn ich zu der Zeit gelebt hätte?

Auf intelligente Weise visualisiert Eshrat auch die Bedeutung der Erinnerung für die persönliche Biographie: Die Binnenhandlung – Metzlers Erinnerungen an seine Jugendzeit im Krieg – ist koloriert, die mit klarem Strich gezeichneten Ereignisse werden in erdigen, von Braun-Schattierungen dominierten Farben wiedergegeben. Die Rahmenhandlung der Erzählgegenwart hingegen, die sich vorwiegend in ostdeutschen, verrauchten Verhörzimmern abspielt, ist in verwaschene Grauschattierungen gehüllt.

Bereits für sich genommen ist die Lektüre der graphic novel trotz des düsteren Themas ein Vergnügen; für vermittlerische Zwecke wunderbar ist es aber zusätzlich, dass es auch einen Kurzfilm über die Widerstandsgruppe gibt (http://nieder-mit-hitler.de). Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden zudem in einem 2016 von Christiane Schulle, Annegret Schüle und Jochen Voit herausgegebenen Sammelband Nieder mit Hitler! Der Widerstand der Erfurter Handelsschüler um Jochen Bock veröffentlicht.

Fazit

Nieder mit Hitler! gelingt ein Spagat: Die graphic novel vermittelt über eine mitreißend erzählte Geschichte Wissen über den mutigen Widerstand einer bisher vergessenen Gruppe Jugendlicher gegen das nationalsozialistische Regime. Unbedingt empfehlenswert für Jugendliche ab 14 Jahren, bei entsprechendem Interesse am Thema auch ab 12 Jahren.

 

Kooperation mit boys&books

Nieder mit Hitler! wurde von boys&books in die Liste der 20 Top-Titel 2018/2019 aufgenommen. Informationen zu dem Leseförderungs-Projekt und die Buchbesprechung finden Sie hier.

Erstveröffentlichung: 29.06.2019


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