von Sabine Planka


Der kleine Igel Samu lebt glücklich in seinem Dorf. Doch dann fallen ihm plötzlich alle Stacheln aus. Er schämt und verkriecht sich, bis er feststellt, dass Anderssein gar nicht so schlimm ist… Mit Samus ganzer Stolz legt das Autorenduo ein Bilderbuch vor, das sich der Krankheit Alopecia areata universalis (bekannt auch als Haarausfall am ganzen Körper) widmet und sich an alle richtet, "die anders sind."

Inhalt

Kauer, Jacqueline/Kauer, Daniel:          Samus ganzer Stolz.
KaleaBook, Hagendorn 2014.
36 S., 20,- €
ISBN 978-3-906234-13-7

Der Igel Samu ist stolz auf seine Stacheln, die er jeden Morgen gründlich pflegt. Daher ist er schockiert, als diese eines Morgens beginnen, auszufallen und er schließlich ein Igel ohne Stacheln ist. Er zieht sich zurück im Glauben, dass ihn so kein Igelmädchen akzeptiert und zum Freund haben möchte. Doch er hat sich geirrt: Ricky findet Samu ganz toll und möchte ihn zum Freund haben, um eine Familie mit ihm zu gründen. Sie ist es, die ihn in seiner Andersartigkeit bestärkt und ihm die Vorzüge seines stachellosen Daseins vor Augen führt: "Jetzt kommen keine Krabbeltiere mehr zu dir, du musst nicht mehr jeden Tag deine Stacheln putzen, und du bleibst nie mehr an Wurzeln hängen." (o. P.) Schlussendlich akzeptiert Samu seine Andersartigkeit: "Und er findet es gar nicht mehr schlimm, dass er seine Stacheln verloren hat." (o. P.)

Kritik

Mit Samus ganzer Stolz legen die Autoren Jacqueline und Daniel Kauer ein Bilderbuch vor, das zunächst durch die Geschichte selbst besticht und in deren Fokus die Akzeptanz der (eigenen) Andersartigkeit steht. Dem 'stachellosen' Samu gelingt es durch die Bestärkung eines anderen Igels, seine Selbstsicherheit zurückzuerlangen und zufrieden sein Leben zu leben. Durch die ihm entgegengebrachte Freundschaft und Liebe kann er sein Leid überwinden und sich dem Leben so stellen, wie er ist.


Die kolorierten Abbildungen begleiten die linear-chronologisch erzählte Geschichte und bringen in ihrem Detailreichtum die ganze Bandbreite von Samus Emotionen – von Trauer und Verzweiflung bis hin zum großen Glück – zum Ausdruck. Im Rahmen dieser Text-Bild-Interpendenzen – Text- und Bildebene greifen, wie in vielen anderen Bilderbüchern auch, ineinander (vgl. dazu Thiele 2002, S. 231f.) – wird dem Leser das gewählte Thema vermittelt und anschaulich nahegebracht.

Das Buch gewinnt darüber hinaus an Bedeutung, wenn man dessen Entstehungsgeschichte verfolgt: Der Sohn Eloy der beiden Autoren, beide Grafikdesigner und Gründer des KaleaBook-Verlages sowie Inhaber einer Werbeagentur, ist im Alter von vier Jahren an Alopecia areata universalis, also einem kreisrunden Haarausfall am ganzen Körper, erkrankt. Ihm ist dieses Buch zunächst gewidmet: "Für Eloy, einen ganz besonderen Jungen, der wie Samu seine 'Stacheln' verloren hat." Die Widmung wird nicht nur am Ende der Geschichte ausgeweitet auf "alle, die anders sind." (o. P.), sondern schon bereits zu Beginn der Geschichte: "Für uns ist unser Sohn der schönste Junge auf der Welt und wir möchten mit diesem Buch Menschen Mut machen, so zu sich zu stehen, wie sie sind." (o. P.)

Die Zielsetzungen des Buches sind vor diesem Hintergrund klar: Zum einen geht es um die Bekanntmachung der Krankheit an sich, die der Geschichte zugrunde gelegt wird und die im öffentlichen Raum ein Schattendasein fristet. Zum anderen geht es darum, Betroffenen, v. a. Kindern, Mut zu machen und zu zeigen, dass Anderssein nicht schlimm ist und dass Haare (oder eben Stacheln) nur Äußerlichkeiten sind, die nichts mit dem Charakter eines Individuums zu tun haben.

Durch den Transfer der gewählten Thematik auf die Tierwelt gelingt die Vermittlung des Themas gekonnt und auch (betroffenen) Lesern dürfte die Identifikation mit dem Protagonisten und dessen Schicksal leicht fallen – zumal Samu am Ende der Geschichte doch wieder ein neuer Stachel wächst und so die Geschichte eine glückliche Wendung nimmt.

Der Titel Samus ganzer Stolz ist vor diesem Hintergrund mehrdeutig/auf mehreren Ebenen zu verstehen: Bezeichnet er zunächst Samus Stacheln, die ihm ausfallen, impliziert er später sein neu gefundenes Glück mit dem Igelmädchen Ricky und schlussendlich seinen neuen Stachel, der ihm wächst.

Dementsprechend lässt sich das Bilderbuch in den zur Zeit aktuellen Diskursen um das Thema Inklusion verorten (wie z. B. auch in Hans de Beers Hase und Maulwurf): Der Igel, der sich aufgrund seiner Andersartigkeit absondert, wird wieder in die Gruppe von seinesgleichen aufgenommen, da seine Andersartigkeit selbst akzeptiert und nicht als Ausgrenzungskriterium verstanden wird. Zudem werden die individuellen Vorteile hervorgehoben, die die Krankheit mit sich bringt, so dass hier eine Stärkung des Individuums stattfindet.

Fazit

Dem Autorenduo ist mit Samus ganzer Stolz ein Bilderbuch für Leser ab 4 Jahren gelungen, das sich eines sensiblen Themas annimmt, das ernst ist, gesellschaftlich oftmals aber vergessen oder in der Öffentlichkeit verschwiegen wird. Für die von kreisrundem Haarausfall, mitunter am ganzen Körper, betroffenen Kinder bietet dieses Bilderbuch daher eine sehr gute Möglichkeit, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und sich selbst in ihrer Andersartigkeit anzunehmen, denn: Freundschaft und Liebe kennen keine Grenzen.

 

Literatur

Thiele, Jens: Das Bilderbuch. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden. Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Hrsg. v. Günther Lange. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 228-242.


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