von Tanja Lindauer

Mit dem satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch begann alles, seitdem hat Regina Kehn etliche Kinderbücher bebildert. Mit Das literarische Kaleidoskop hat die Illustratorin ein Herzensprojekt verwirklicht und die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises für sich gewinnen können.

Inhalt

Kehn, Regina: Das literarische Kaleidoskop.
Fischer KJB, Frankfurt a. M. 2013.
219 S. 16,99 €
ISBN 978-3-596-85618-3

Die Illustratorin Regina Kehn versammelt in Das literarische Kaleidoskop 17 kurze Texte und Gedichte bekannter Autoren – wie etwa Falkes Närrische Träume, Eichs Wo ich wohne oder Kafkas Kleine Fabel – und zeigt jungen Lesern ab acht Jahren (Verlagsangabe) so einen Zugang zum literarischen Kanon mit kurzen Prosatexten und vor allem der Lyrik auf. Besonders Letztere wird oftmals von Lesern, und nicht nur jungen, verschmäht: Zu komplex und anstrengend scheint die Auseinandersetzung mit dieser Literaturgattung. Dass es aber auch anders geht und vor allem sogar Spaß machen könnte, sich mit Poesie und Literatur im Allgemeinen auseinanderzusetzen, beweist Kehn mit der Veröffentlichung dieses 219 Seiten starken Buches.

In der Kombination von Schrift und Illustration werden dabei einzelne Sequenzen oder Strophen oder auch nur Sätze, Zeilen oder Verse visualisiert – diese kurzen Texte werden dann über mehrere Seiten mit Illustrationen versehen. Regina Kehn gebraucht hier unterschiedlichste Materialien und Verfahren wie Wasserfarben, Kreide oder Tinte. Durch die Verwendung verschiedener Schriften wie Druckbuchstaben oder Schreibschrift wird der Leser regelrecht dazu aufgefordert, sich mit dem Text auseinanderzusetzen. Denn die Schriften verlangsamen das Lesetempo und erhöhen somit die Aufmerksamkeit. Die Grafiken sollen hierbei unterstützen und schildern das soeben Gelesene zwischen den Zeilen, auf der visuellen Ebene.

Kehn wählt dabei sowohl bekannte Texte als auch "verborgene Perlen der Literatur", wie auf dem Klappentext zu lesen, aus. Zweifellos heben die Illustrationen dabei die Grundaussage der einzelnen Texte hervor, allerdings handelt es sich um doch eher schwer zugängliche Texte, die einige Leseerfahrung voraussetzen, sodass vor allem junge Leser Schwierigkeiten beim Verstehen derselbigen haben könnten. Und auch literarisch versierte Leser werden nicht immer sogleich den Sinn jedes einzelnen Textes entschlüsseln können. Doch liegt hier auch der Reiz, denn durch gemeinsames Lesen und Diskutieren können Jung und Alt so dem Rätsel auf die Spur kommen, und erfahren, wie Kehn Texte der Autoren wie Krüss, Ringelnatz, Charms, Storm, Kafka oder Grimm interpretiert und so eigene, neue Perspektiven eröffnet werden.

Kritik

Kehn hat mit ihrer Sammlung ein literarisches Kaleidoskop erschaffen. Unter dem Begriff "Kaleidoskop" versteht man im Allgemeinen ein optisches, einem Fernrohr ähnliches Spielzeug. Im Inneren erscheinen durch die mehrfachen Spiegelungen der bunten Glassteinchen unterschiedliche geometrische Muster und Formen. Ein Kaleidoskop ist im übertragenen Sinn somit auch ein buntes Allerlei.

So wird der titelgebende Begriff im Duden erläutert. Doch sieht man einmal von der Textauswahl ab, die wahrlich ein Kaleidoskop der literarischen Szene darstellt, so ist in Bezug auf die Illustrationen wortwörtlich verstanden recht wenig bunt: Grau, Blau und Schwarz dominieren, bis auf wenige Ausnahmen, die einzelnen Seiten und Texte und vermitteln so eher eine düstere und sogar trostlose Atmosphäre – was sich auch in der Textauswahl widerspiegelt: Streit zwischen Freunden, Einsamkeit, Tod und Armut sind vorherrschende Themen. Sind dies Themen, die junge Leser ermutigen werden, sich mit der Gattung der Lyrik und auch anderen schwer zugänglichen Texten auseinanderzusetzen? Vermutlich wird in den meisten Fällen die Antwort darauf Nein lauten. Sicherlich muss beachtet werden, dass viele Texte auch nicht mit bunten Farben unterlegt werden können, da so die Aussage verfälscht würde. Man sollte auch beachten, dass Kehns Textauswahl vor allem auf persönlichem Interesse beruht und nicht auf eine pädagogische Funktion abzielt. Doch ist die Frage, ob junge Leser sich mit diesen Texten auseinandersetzen werden, durchaus berechtigt. So etwa bei Storms Gedicht Die Stadt, das zwar auch in bunten Farben wiedergegeben werden könnte, mit der monochromen Farbwahl jedoch, in diesem Fall dominieren Grautöne, die Darstellung des Nebels gekonnt umsetzt. Allerdings hätte man hier die emotionale Verbundenheit – "Doch hängt mein ganzes Herz an dir" –, die in der letzten Strophe beschrieben wird, mit farbenfrohen Akzenten verbinden können.

Die Illustrationen verdeutlichen die Trostlosigkeit, die in dem Text beschrieben wird. Auf der ersten Doppelseite wird dem Leser eine Weitsicht auf die Stadt geboten, auf den folgenden erscheinen dann Nahaufnahmen. Auffällig ist, dass keine Menschen dargestellt werden. Durch das Fehlen von Personen in der Stadt wirkt diese zudem leblos und verlassen.

Und dennoch: Regina Kehn versteht es vorzüglich, die Stimmungen einzufangen und bildhaft wiederzugeben. Wie anders sollte man also Storms Gedicht bildlich interpretieren? Auch Falkes Närrische Träume ist mit den surrealen Illustrationen getroffen, Charms Fuchs und Hase als Comic zu inszenieren ist ebenso durchaus gelungen. Und der klaustrophobische Aspekt in Kafkas Kleine Fabel ist in den Illustrationen gut wiedergegeben. Kehn bietet darüber hinaus dem Leser die Gelegenheit, im Anhang sowohl die Originaltexte losgelöst von den Illustrationen zu lesen als auch die kurzen Biographien mit kleinen Porträts der Autoren.

Eine Frage, die allerdings bis zum Schluss offenbleibt, sind die fehlenden Seitenzahlen. In dem schön aufgebauten und gestalteten Inhaltsverzeichnis werden die Texte mit entsprechenden Seitenzahlen versehen, sodass der Leser annimmt, er könne je nach Gusto das Werk eines bestimmten Autors lesen. Möchte man jedoch auf die entsprechende Seite blättern, so endet dies in verzweifeltem Suchen.

Fazit                                                                                                

Die Literatur und ihre verschiedenen Facetten jungen Lesern nahezubringen, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen und birgt einige Risiken. Und auch wenn dies nicht Kehns vorrangiges Ziel war, so wird man sich doch unweigerlich die Frage stellen, ob Das literarische Kaleidoskop dies erreichen kann. Viele der Risiken weiß die Illustratorin gut zu umschiffen, doch hätte man bei der Auswahl vielleicht auf mehr Varietät setzen sollen und neben düsteren Themen auch leichte, mit weniger Tiefgang, mit in diese Sammlung aufnehmen sollen.

Die Kombination von visueller Umsetzung der Texte und unterschiedlichen Schriftbildern ist gut gelungen und wird die Leser sicherlich einladen, den einen oder anderen Text zu interpretieren und sich auf ihn einzulassen. Doch werden einige Rezipienten von den teils schwer zugänglichen Texten auch entmutigt werden, sodass die Begleitung eines versierten Lesers von Vorteil sein wird und so offene Fragen geklärt werden können.

In der Kategorie Bilderbuch wurde Das literarische Kaleidoskop für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Die Begründung: "Dieses kleine literarische Hausbuch präsentiert eine exquisite Auswahl von Gedichten und kurzen Prosatexten im Spannungsfeld von James Krüss und Franz Kafka. [...] Das Besondere an dieser Sammlung liegt in der Verbindung von Auswahl und visueller Form. Insbesondere die Gestaltung der Schrift schafft neue Zugänge zu den Texten, sie verlangsamt die Lektüre, lenkt die Aufmerksamkeit der Leser auf Rhythmus und Klang und auf die Bilder, die den Texten immanent sind."


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