Schluss, Henning/Schubert, Lydia: Die Geschichte vom Glühwürmchen, das leider nicht leuchtete

von Mirijam Steinhauser

Karl, das Glühwürmchen, kann nicht leuchten, egal, wie sehr er sich anstrengt. Traurig zieht er sich zurück. Doch dann begegnen ihm zwei Nachtfalter, die ihn zum Lachen und damit auch zum Leuchten bringen. So handelt das Bilderbuch von Selbstblockade und Befreiung.


Inhalt

Schluß, Henning (Text); Schubert, Lydia (Bild): Die Geschichte vom Glühwürmchen, das leider nicht leuchtete.
Persimplex, Wismar 2014.
28 S., 12,00 €
ISBN 978-3-86440-178-7


Erzählt wird die Geschichte eines traurigen Glühwürmchens, das als einziges nicht leuchten kann und somit seiner Bestimmung nicht gerecht wird. Trotz aller Anstrengung und aller Tipps seiner Mitwürmchen gelingt es Glühwürmchen Karl nicht, sein Hinterteil zum Leuchten zu bringen. So verkriecht er sich im hintersten Teil des Waldes, um zu weinen und in seinem Versagen nicht gesehen zu werden. Zwei eingebildet streitende Nachtfalter, die an Karls Versteck vorbeifliegen, bringen die Wendung: Karl kugelt sich vor Lachen und beginnt dabei zu leuchten, so hell wie kein anderes Glühwürmchen je geleuchtet hat, so hell, dass die ganze Gegend erleuchtet ist. Als Karl seine neue Fähigkeit bemerkt, kommt er zu folgender Erkenntnis: "Bisher dachte ich immer, ich bin traurig, weil ich nicht leuchte, aber heute Abend habe ich entdeckt, dass ich nicht leuchten konnte, weil ich so traurig war." (Schluß/Schubert 2014, o. S.)

Kritik

Der Wiener Bildungswissenschaftler Henning Schluß legt mit Die Geschichte vom Glühwürmchen, das leider nicht leuchtete gemeinsam mit der jungen Illustratorin Lydia Schubert sein erstes Kinderbuch vor. Dieses erscheint in einem Nischenverlag mit durchwachsenem Programm, weshalb es einem breiteren Publikum wohl nur schwerlich zugänglich werden wird. Das Buch selbst entstand – wie viele Werke der Kinderliteratur – nach Autorenangaben im privaten Kontext: Die Geschichte wurde den Kindern des Autors als Gutenachtgeschichte erzählt, die Illustrationen waren zunächst als Geschenk von Lydia Schubert an dessen Familie gedacht.

So hat sich auch das nun vorliegende Buch seinen scheinbar handgemachten, ursprünglichen Charakter erhalten. Der Verlag druckt es in Packpapieroptik und mit einseitigen Illustrationen, denen die leeren Rückseiten gegenüberstehen. Der handschriftlich in Großbuchstaben verfasste Text geht eine enge Verbindung mit den reduzierten Zeichnungen ein, die durch farbige handgedruckte Elemente ergänzt werden. So bestehen die Glühwürmchen aus Fingerabdrücken, die zeichnerisch vervollständigt wurden. Sprechblasen und grafisch angewandte Textelemente unterstützen den Zusammenhang von Text und Bild.

Der Text beinhaltet zum einen eine klare Botschaft und beschreibt – verlegt ins Insektenreich – einen leidvollen Prozess der Selbstfindung, ist dabei aber zum anderen in seiner Struktur durchaus verspielt. Dies zeigt sich in zahlreichen metafiktionalen Elementen wie Leseranreden, Fußnoten, und eingeklammerten Einschüben. Damit erinnert das Buch an avantgardistische kinderliterarische Werke der 1950er-Jahre wie die frühen Bilderbücher von Reiner Zimnik oder Franz Josef Tripp.

Fazit

Die Geschichte vom Glühwürmchen, das leider nicht leuchtete erzählt auf unkonventionelle und durchaus humorvolle Weise eine Entwicklungsgeschichte mit Protagonisten aus dem Insektenreich. Durch seine einfache Gestaltung können kindliche Betrachter dazu angeregt werden, selbst kleine Geschichten mit Zeichen- und Fingerdruck-Elementen zu verfassen und zu gestalten. Vor allem aber gibt das Buch Anstoß, darüber nachzudenken, wie Selbstzweifel, Selbstvergessenheit und Selbstvertrauen uns beeinflussen können. Letztlich wird das Buch als Experiment im Bereich des Künstlerbuches einen kleinen Leserkreis erfreuen. Einen weiteren Schritt Richtung Öffentlichkeit machen Autor und Illustratorin, indem sie – wiederum im privaten Umfeld – die Geschichte als musikalisches Stück präsentieren: Dieses wird von der Musikschule aufgeführt, die Henning Schluß’ Frau leitet, mit von ihr geschriebenen Arrangements (vgl. www.klang-farbe-orange.de/9.html, aufgerufen am 30.03.2015).

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