von Sabine Planka

Was macht man im tiefen Winter, wenn man ein böser Wolf ist und die Mäuler seiner hungrigen Kinder stopfen will? Man nimmt einen großen Sack und geht in den Wald, um wilde Tiere zu fangen. Was aber tun, wenn diese selbst auf Futtersuche sind und ihre Lieben versorgen wollen? Der böse Wolf gerät ins Grübeln - und findet eine elegante Lösung für sein Problem.

Inhalt

Bind, Julie (Text)/Derullieux, Michaël (Bild): Der nette böse Wolf.
NordSüd, Zürich 2014.
32 S., 13,99 €
ISBN 978-3-314-10238-7

Es ist Winter, der Wald tief verschneit und die hungrigen Wolfskinder reißen ihren Papa aus dem Schlaf. Dieser macht sich am dunklen Sonntagmorgen auf den Weg in den Wald, um Futter zu suchen, und findet als erstes ein Kaninchen. Er packt es an den Ohren und will es in seinen Sack stecken. Aber es fleht ihn an, es nicht zu essen. Schließlich habe es selbst auch hungrige Mäuler zu stopfen. Als der Wolf von ihm ablässt, bedankt sich das Kaninchen: "Das ist sehr nett von Dir." Der Wolf will aber nicht nett sein  – und macht sich weiter auf die Suche nach Futter, bis er auf die kleine Ziege trifft, die gerade Feuerholz sucht. Doch auch sie verschont er, als er hört, dass sie das Feuerholz für ihre Mutter holt, die sonst bitterlich frieren muss. Auch das Rentier, dem er schließlich noch begegnet, lässt er laufen, denn es ist das Rentier des Weihnachtsmannes, ohne das die Kinder keine Weihnachtsgeschenke bekommen.

Immer wieder ist der Wolf erbost, dass er von allen als "nett" bezeichnet wird. Doch schließlich kann er gar nicht anders, als sich selbst als nett zu bezeichnen: In einer Bäckerei kauft (!) er Brot, Brötchen und Gebäck: "Verflixt, der große böse Wolf ist kein Dieb!" Auf dem Weg nach Hause begegnet er Rentier, Ziege und Hase und teilt seine 'Beute', bis er schließlich mit den Backwaren seine Familie satt bekommt. Auf die Frage seiner Kinder, ob er den Bäcker gefressen habe, sagt er: "Natürlich! […] Ich bin schließlich der große böse Wolf, oder etwa nicht?"

Kritik

Die Geschichte von Julie Bind und Michaël Derullieux ist eine Winterweihnachtsgeschichte, in die das Motiv des bösen Wolfes eingebunden und in der es umgedeutet wird. Ist die Geschichte zum einen in einem winterlichen Setting angesiedelt, erhält sie zum anderen einen (vor)weihnachtlichen Touch durch das in Weihnachtskleidung erscheinende Rentier – rote Kleidung mit weißem Besatz erinnern unweigerlich an den Weihnachtsmann, dessen Gehilfe das Rentier ist: "Ich bin das Rentier des Weihnachtsmannes, wenn du mich auffrisst, werden die Kinder ihre Geschenke nicht bekommen." (o. P.) Diverse geschmückte Tannenbäume und festlich dekorierte Räume vermitteln ebenfalls eine (vor)weihnachtliche Stimmung. Der Wolf, der sich gemäß seiner Natur als böser Wolf versteht, verschont so nicht nur das Rentier, sondern auch noch Hase und Ziege, und muss sich von ihnen sagen lassen, wie nett er doch eigentlich sei – eine erste Umkehrung seiner naturhaften Grausamkeit. Hinzu kommt, dass er nachvollziehen kann, wie es ist, eine hungrige Familie durch den Winter zu bringen, da er in derselben Lage ist.

Der Wolf selbst spielt in der Mythologie eine bedeutende Rolle: So hat der Sage nach eine Wölfin die Zwillinge Romulus und Remus, Gründer der Stadt Rom, gesäugt, bevor Romulus seinen Bruder getötet hat. Die Wölfe in den Erzählungen zeichnen sich oftmals aus durch ihre Wildheit, aber auch Grausamkeit. Im Zuge literarischer Aufarbeitungen und Einbettungen wird der Wolf oft mit menschlichen Eigenschaften belegt, die allesamt negativ konnotiert sind. Besonders seine Verschlagenheit,  seine List und Tücke sind bekannt, v. a. im Märchen Rotkäppchen und der böse Wolf, wo der Wolf erst die Großmutter frisst und später auch das Rotkäppchen selbst verspeist, bis es vom Jäger gerettet werden kann (zumindest in der Märchenversion der Brüder Grimm). Im Märchen Der Wolf und die sieben Geißlein verschafft sich der böse Wolf mittels diverser Tricks Zugang zum Haus der Geißlein, deren Mutter das Haus verlassen hat, und frisst sechs der sieben. Das siebte Geißlein, das sich verstecken konnte, berichtet der Mutter von den gefressenen Geschwistern. Auch in diesem Märchen wird dem Wolf der Bauch aufgeschnitten und die Gefressenen, die entkommen können, ausgetauscht durch Steine, die den Tod des Wolfes bedeuten.

Der oftmals psychoanalytisch durchgeführten sexuellen Interpretation des Märchens Rotkäppchen – siehe bspw. bei Bruno Bettelheim – ist die hier vorliegende Geschichte völlig enthoben, fehlt doch zum einen die Figur des Rotkäppchens, die sich verführen lässt. Zum anderen wird hier primär die grausame Natur des Wolfes aufgegriffen und genutzt, um sich als eine vorgetäuschte entlarven zu lassen: Der Wolf ist nicht länger jagender Einzelgänger, sondern hat selbst eine Familie, die er ganz pragmatisch durch den Winter bringen muss. Dass er dabei zunächst das Naheliegende tut, nämlich tierische Beute zu fangen, entspricht seinem Naturell. Beim Bitten und Flehen der ,Beute' wird jedoch schnell klar, dass er empathisch veranlagt ist und eine weiche Seite hat: Er kauft Brot und Kuchen beim Bäcker, um nicht nur seine Familie, sondern auch die anderen Tiere im Wald zu versorgen. Der böse Wolf wird somit verknüpft mit dem Motiv des Teilens, dem ein soziales, gemeinschaftliches Verständnis zugrunde liegt und durch das Solidarität mit anderen zum Ausdruck gebracht wird. Dies liegt und auch anderen (Bilder-)Büchern zugrunde, wie z. B. Brigitte Weningers und Eve Tharlets Fröhliche Weihnachten Pauli, wo der kleine Hase Pauli die Vorräte der Familie mit den hungernden Waldtieren teilt. Der Wolf als solcher ist in der vorliegenden Geschichte somit eigentlich ein liebenswerter Geselle und fürsorglicher Vater, der – natürlich – um sein "böses" Image besorgt ist: Um selbiges nicht zu beschädigen, hält er vor seinen Kindern das Bild des bösen Wolfes aufrecht. Dieses wird aber von einem literarischen Augenzwinkern begleitet, wenn die Frage des Wolfes, ob er ein "großer böser Wolf" sei, durch eine rhetorische Frage abgemildert, ja sogar ins Gegenteil verkehrt wird. So lassen sich Bezüge herstellen zu Bilderbüchern, die ebenfalls das Konzept des bösen Wolfes umkehren, wie bspw. in den Bilderbüchern von Mario Ramos zu sehen (Der Wolf im Nachthemd (4. Aufl., Frankfurt a.M.: Moritz Verlag 2013), Ich bin der Stärkste im ganzen Land (11. Aufl. Weinheim: Beltz & Gelberg 2015), Ich bin der Schönste im ganzen Land (5. Aufl. Weinheim: Beltz & Gelberg 2015).

Die Bebilderung der Geschichte, die zudem mit der Winter- und Weihnachtszeit verknüpft wird, ist wunderbar gelungen. Die in kräftigen Farben kolorierten Illustrationen erstrecken sich sowohl über Doppelseiten, umfassen z. T. aber auch jeweils nur eine Seite oder zeigen nur einzelne Szenen in loser Anlehnung an eine comicartige Lesart. Schon durch die Bebilderung wird klar, dass der Wolf nicht so böse ist, wie er immer tut: Während seine Kinder im Schlafanzug auf seiner Bettdecke herumhüpfen, verlässt er später in Hose und Winterjacke das Haus. Die visualisierte Vermenschlichung des Wolfes trägt schlussendlich in dieser Geschichte dazu bei, ihm seine Bösartigkeit zu nehmen, auch wenn er sich zunächst bei den Tieren anschleicht und die Arme hochreißt.

Fazit

Julie Bind und Michaël Derullieux ist mit Der nette böse Wolf eine Geschichte für Kinder ab ca. 4 Jahren gelungen, die Nächstenliebe und Mitgefühl in den Fokus rückt und zeigt, dass ein harmonisches Miteinander gelingen kann.

 

 

Literatur
Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage. dtv, München 2012.


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

November 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3