von Philipp Schmerheim

Wikileaks-Affäre im römischen Reich: Der 36. Asterix-Band ist wieder am Puls der Zeit: Um das unbeugsame gallische Dorf entspinnt sich ein Propagandakrieg, in dem Caesars spin doctor Syndicus alle Römerlager in Bewegung setzt, um Asterix und seinen Mitstreitern ein durchgesickertes geheimes Manuskript zu entwenden, in dem der römische Diktator über seine erfolglosen Versuche schreibt, das letzte freie gallische Dorf zu erobern.

Ferri, Jean-Yves (Text) und Conrad, Didier (Bild):
Der Papyrus des Cäsar.
Berlin: egmont-ehapa, 2015.
48 S., 12,00 € (Gebundene Ausgabe)
ISBN 3770438906

Inhalt

So war das also mit Julius Caesars De Bello Gallico: für seinen antiken Bestseller über die Gallienfeldzüge hat der römische Imperator aus Respekt vor der "historische[n] Wahrheit" (S. 5) auch ein Kapitel geschrieben, in dem er seine erfolglosen Versuche beschreibt, auch das gallische Dorf an der Küste von Aremorica zu erobern, unter dessen von Miraculix' Zaubertrank beseelten Einwohnern man auch "unweigerlich einen dicken, rotbezopften Krieger namens Obelix" (35) findet. Caesars PR-Berater Syndicus hält es jedoch für keine gute Idee, dem römischen Senat damit eine Steilvorlage zu liefern, zukünftigen Eroberungsplänen Steine in den Weg zu legen, mit denen der Diktator seine Machtposition in Rom zementieren will. Das unliebsame Kapitel über "Rückschläge im Kampf gegen die unbeugsamen Gallier in Aremorica" (5) landet also kurzerhand im Feuertopf und das Erfolgsbuch erscheint ohne jeden Hinweis auf den schwarzen Fleck auf Caesars Toga.

Dumm nur, dass einer der numidischen Schreibsklaven aus Solidarität mit den Galliern eine Abschrift des Kapitels mitgehen lässt und dem Enthüllungs-"Kolporteur" (so der Asterix-Sprech für "Reporter") Polemix vermacht, der in dem titelgebenden "Papyrus des Cäsar" eine Sensationsgeschichte wittert, die "das römische Reich bis in seine Grundfesten erschüttern" (11) wird. Syndicus fürchtet sich vor Caesars Zorn, falls die Informationslücke bekannt wird, und setzt seine Häscher auf Polemix an. Dieser kann jedoch in das gallische Dorf fliehen.

Während Syndicus unter dem Vorwand, ein Gesandter Caesars zu sein, die römischen Lager rund um das Dorf für seine Zwecke einspannt, ringen sich die Gallier nach mancher Rauferei und durch den wie immer eher unsanften Druck Gutemines auf ihren Häuptlingsgatten Majestix dazu durch, sich ausnahmsweise nicht nur für die Horoskope in der Gallischen Revue zu interessieren und Polemix zu helfen, die Wahrheit über das gallische Dorf der Nachwelt zu erhalten. Der Druide Miraculix bricht zusammen mit Asterix, Obelix und Idefix in den Karnutenwald auf, um  dort den Inhalt des Papyrus dem Druiden Archaeopterix anzuvertrauen, der zu den geheimen Hütern des Wissens der Gallier zählt.

Während die gallischen Helden sich auf ihren von übereifrigen römischen Spähern gesäumten Weg machen, versucht Syndicus, Polemix in eine Falle zu locken, um ihn als Geisel gegen das für ihn unheilvolle Papyrus auszutauschen. Doch wie das in Asterix-Geschichten so ist: Am Ende feiern die Gallier ihr geliebtes Wildschweinbankett, während die Römer geprügelt und geschlagen ihre zerfetzten Uniformen flicken, wobei – so viel sei an dieser Stelle verraten – auch Julius Caesar höchstpersönlich einen Auftritt während der finalen Schlacht hat.

©2015 Les Éditions Albert René

Kritik

Mit dem 36. Abenteuer Der Papyrus des Cäsar bringen Jean-Yves Ferri und Didier Conrad die Asterix-Reihe wieder auf die Höhe der Zeit. Die offiziellen Nachfolger der Asterix-Erfinder René Goscinny und Albert Uderzo entwerfen in ihrer nach Asterix bei den Pikten zweiten Zusammenarbeit eine antike Propaganda-Geschichte, die nicht nur die römischen Machtkämpfe aus einer aktuellen medienpolitischen Perspektive betrachtet (und dabei Caesars Kriegserinnerungen treffend als Versuch, die Meinungshoheit im gnadenlosen Machtkampf der politischen Elite der römischen Republik zu gewinnen, präsentiert). Sie erschaffen auch eine wunderbare Parabel der heutigen globalen Politik unter den Bedingungen des Medienzeitalters: Polemix ist, das sagen die Autoren auch offen, eine gallische Version der Whistleblower Julian Assange und Edward Snowden, die sich bekanntermaßen mit Wikileaks und den Snowden Files mit der globalen Supermacht der USA angelegt haben und ins Exil fliehen mussten. Syndicus ist ein waschechter spin doctor, der es sich im Dunstkreis der Macht mitsamt Luxusvilla und bildhübschen Gespielinnen gemütlich eingerichtet hat, anlässlich von Buchveröffentlichungen weinselige Orgien feiert und die politischen Führer manipuliert wie Jacques Séguéla, der einstige Einflüsterer des französischen Präsidenten François Mitterand. Und die unbeugsamen Gallier? Die zeigen zuerst herzlich wenig Interesse an den machtpolitischen Ränkespielen (Obelix: "Cäsar schreibt? Ich dachte, der wäre bei der Armee!", 7) und vertreiben sich lieber ihre Zeit mit den Horoskopseiten einschlägiger Boulevard-Gazetten (die übrigens einen willkommen Anlass für Dorfraufereien liefern).

Bemerkenswert ist, wie souverän Ferri und Conrad mit der Text- und Bildsprache des Goscinny/Uderzo-Kosmos spielen: Der dramaturgische Aufbau folgt dem etablierten Vorbild, die Dialoge vermitteln den altvertrauten, rabaukenhaften doch intelligenten Witz der klassischen Geschichten (und verzichten dankenswerterweise auf die Altherrenwitze der von Uderzo allein geschaffenen Bände). Fast alle bewährten Figuren des Asterix-Kosmos haben zumindest Kurzauftritte, so erfährt der geneigte Leser endlich, was für ein umfangreiches Arsenal an Horror-Musikinstrumenten Troubardix angesammelt hat. Die Römer sind wieder ebenso hinterlistig wie dumm, und die Autoren spielen frei mit intermedialen Bezügen aus der Literatur- und Popkulturgeschichte: So erkennen Tolkien-Kenner in Miraculix’ Druidenkollegen Parabolix einen von Twitter-Vögeln [sic!] umschwärmten Wiedergänger von Radagast dem Braunen aus Mittelerde, und selbst ein Eichhörnchen spielt diesmal eine zentrale Rolle als Wegweiser (eine Idee, die den Disney-Märchenfilmen entnommen zu sein scheint). Trotz ihrer nostalgischen Verwurzelung wirken Geschichte, Dialoge und Zeichenstil zugleich frisch und behutsam an den Zeitgeist angepasst.

©2015 Les Éditions Albert René

Das zentrale topos von Das Papyrus des Cäsar ist die heutige Informationsgesellschaft: Nicht nur der Handlungsverlauf und die Figuren spielen auf die heutigen Versuche, politische Macht über Informationshoheit zu gewinnen an: Namen wie Datenflus und Antivirus, comic relief-Versatzstücke und Nebenhandlungen referieren auf die schöne neue Medienwelt. So haben die Römer ein nahezu perfekt funktionierendes Brieftaubennetzwerk aufgebaut, das den Autoren sogar einen einseitigen Exkurs wert ist, der Goscinnys Vorliebe für satirisch angereicherte Infotainment-Ausflüge aufgreift (vgl. 16): hochtrainierte Brieftauben übermitteln via Verteilerstellen Kurzinformationen derart schnell, dass die Postboten des im Vergleich langsamen "cursus publicus" (16) auf ihren Ochsenkarren nur über die fliegende Konkurrenz fluchen können (allerdings ist auch das taubenvermittelte Informationssystem nicht vor – im Wortsinne – Informationspiraterie gefeit. Bemerkenswerterweise bleiben die Piraten diesmal davon verschont, mit ihrem Schiff unterzugehen.).

Da ist es nur logisch, dass Syndicus' Spähertrupp einen ganzen Korb voll Brieftauben mit sich schleppt. Während die Römer sich – vom Propagandabuch bis hin zur Nachrichtenübermittlung – vollkommen auf schriftbasierte Informationssysteme verlassen, bleiben die unbeugsamen Gallier ihrer oralen Tradition treu: Vor der finalen Schlacht zwischen Galliern und Römern kommen endlich Troubardix' Musikinstrumente des Grauens zum Einsatz, um Asterix, Obelix und Miraculix zur Unterstützung aus dem Karnutenwald zurückzurufen, und die Druiden, als Wahrer des Wissens ihrer Kultur, überliefern die Erlebnisse und Geheimnisse ihres Volksstamms von Generation zu Generation "vom Mund [...] ins Ohr" (20). Damit verraten Ferri und Conrad auch endlich, woher Goscinny und Uderzo eigentlich ihre Informationen über die Abenteuer von Asterix und Obelix erhalten haben.

Fazit

Mit Der Papyrus des Cäsar etablieren sich Ferri und Conrad endgültig als würdige Nachfolger des ursprünglichen Asterix-Autorenteams. Dem Band gelingt der Spagat zwischen Hommage an die Vorgänger und behutsamer Aktualisierung. Es ist gut vorstellbar, dass dieser 36. Band dankend von Lateinlehrern genutzt werden wird, um ihren unwilligen Schülern die bisweilen mühsame Originallektüre von Caesars De Bello Gallico zu versüßen. Die Zukunft der Asterix-Reihe dürfte damit vorerst gesichert sein.

 

Eine Rezension zu Asterix bei den Pikten finden Sie hier.

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