Schindler, Anna (Idee und Text); Bock, Billy (Bild): Ein Glas Zeit

von Alexandra Fauth

Zeit – für viele ein wertvolles Gut, von dem es stets zu wenig gibt. Gerade Kinder erleben das in unserer schnelllebigen Gesellschaft immer wieder: Niemand hat Zeit für sie. Es gibt aber auch Menschen, die zu viel Zeit haben, die einsam sind. Wie praktisch wäre es da, wenn man Zeit konservieren könnte, festhalten, umverteilen? Diesen Gedanken greift das Bilderbuch Ein Glas Zeit von Anna Schindler sehr kindgerecht auf. Billy Bock liefert dazu zauberhafte Illustrationen, die mit ihrem Detailreichtum eine weitere Erzählebene hinzufügen.

Anna Schindler (Idee und Text), Billy Bock (Bild): Ein Glas Zeit
Oetinger34, Hamburg 2015.
32 S., 12,99 €
ISBN 978-3958820029

Inhalt

Die kleine Zoe möchte spielen, aber niemand hat Zeit für sie. Alle sind mit typischen Große-Leute-Tätigkeiten beschäftigt: Der Vater kocht, die Mutter führt ein wichtiges Telefongespräch, die Geschwister machen Hausaufgaben oder hören Musik. Im Park trifft Zoe auf den alten Alfred, der sehr viel Zeit hat. Zeit, um in die Wolken zu sehen, und Zeit, sich um Vögel zu kümmern. Er hat sogar so viel davon, dass er Zoe etwas von seiner Zeit abgibt, für ihre Familie. Nur wohin damit? Schließlich packen die beiden die Zeit in ein leeres Marmeladenglas. Und tatsächlich: An diesem Abend hat Zoes Familie Zeit für sie. Gemeinsam erfinden sie neue Sternbilder. Und Alfred, der wird am nächsten Tag zum Essen eingeladen.

Kritik

Anna Schindler und Billy Bock haben ein einzigartiges Bilderbuch geschaffen, das in Text und Bild eine sehr philosophische, zugleich aber leichte Geschichte erzählt. Dabei bilden die Illustrationen nicht nur zierendes Beiwerk, sondern tragen entscheidend zur Handlung und Tiefenwirkung bei. Das Grundthema Zeit zieht sich durch sämtliche Doppelseiten und wird in Form einer kleinen Schnecke, die regelmäßig im Hintergrund der Illustrationen auftaucht, auch illustrativ umgesetzt: "[W]enn man einer Schnecke zuschaut, vergeht die Zeit langsamer" (o. S.), weiß der alte Alfred. Die Schnecke fungiert dabei als leicht verständliches Symbol für Zeit und Langsamkeit. Dort, wo sie einmal nicht zu sehen ist, findet sich ein anderes Schneckenmotiv, etwa Schneckenhäuser auf einem Regal. Somit wird nicht nur die Thematik der Zeit, sondern auch der Langsamkeit, des Innehaltens, motivisch eingearbeitet.

Im Einklang damit ist der Erzählton durchgehend unaufgeregt und ruhig. In ihrer Einfachheit berühren Anna Schindlers Worte, weil sie das Wesentliche aussprechen, ohne dramatisch oder spannend sein zu müssen. Dabei greift die Handlung ein Phänomen auf, das der Lebensrealität der kleinen Leser stark entspricht und ihnen somit sehr vertraut sein dürfte: Ich will spielen, aber niemand hat Zeit für mich. Alle haben Wichtigeres zu tun. Und für die erwachsenen (Vor-)Leser wirft diese kleine Geschichte Fragen auf. Je mehr man sich in den Handlungen der erwachsenen Protagonisten wiedererkennt, desto mehr drängt sich die Frage auf: Sind all diese Dinge denn wirklich wichtiger? Sollte nicht vielmehr das Wesentliche zählen, auch und gerade im meist stressigen Alltag?

Diese philosophische Botschaft wird durch die Illustrationen noch verstärkt, die das Geschriebene weitererzählen, indem sie winzige Details aufgreifen – sei es der Löwenzahn, den Zoe wohl im Park gepflückt hat, sei es das Boulespiel im Garten. Sogar kleine Hintergrundgeschichten finden sich in den Illustrationen: So schleicht sich die bereits erwähnte Schnecke auf mehreren Seiten in das Haus von Zoes Familie und stibitzt den Salat von der Küchentheke, oder ein Vogelnest stürzt im Park vom Baum und wird schließlich von Alfred mitsamt der Küken wieder auf den Ast gesetzt. Text und Bild stehen dennoch in keinerlei Konkurrenzverhältnis, sondern ergänzen einander auf spielerische Art und Weise.

Das Marmeladenglas wird dabei zum Sinnbild für das, was oft zu kurz kommt: Für das sich Zeit nehmen, dafür, den Moment zu genießen. Eigentlich hatte Zoes Familie an jenem Abend sicher andere Pläne. Doch in der Gemeinsamkeit im Garten, beim Boulespiel und beim Sternebeobachten stellen sie fest, dass es nichts Schöneres geben kann, als gemeinsam seine Zeit zu verbringen. Dabei ist es ganz egal, was Zoes Familie tut, solange sie es nur gemeinsam tut, solange die Familienmitglieder sich Zeit füreinander und miteinander nehmen.

Das Besondere an Ein Glas Zeit ist, dass diese Dinge weder textlich noch illustrativ explizit erzählt werden. Stattdessen lässt die Geschichte dem Leser Raum, die eigenen Gedanken einzufügen. "Sie spielen, bis es dunkel wird. […] Dann erfinden sie neue Sternbilder" (o. S.) – es ist das Wesentliche, das hier Raum bekommt, das auch sprachlich wie dramaturgisch umgesetzt wird. Die Handlung spricht für sich. Und wundersamerweise hat Zoes Papa nun, nachdem das Marmeladenglas voll Zeit zu ihnen kam, auch am nächsten Tag mehr Zeit. Das zuvor zeitraubende Kochen wird nun zur gemeinsamen zeiterfüllenden Tätigkeit. Das erkennt auch Zoe: "Heute Abend hat Papa Zeit und macht Eierkuchen für alle" (o. S.). Auch für Alfred, der ihm dafür von seiner Zeit abgegeben hat.

Fazit

Ein Glas Zeit zeigt, dass gerade das ruhige, leise Erzählen große Wirkung entfalten kann. Die Illustrationen laden in ihrem Detailreichtum zum Entdecken und Verweilen ein, der Text regt in seiner philosophischen Dichte Gespräche und Gedanken an, ohne schwer oder schwierig zu sein. Im Gegenteil, es ist die Leichtigkeit der Erzählung, die es schwer macht, dieses Buch aus der Hand zu legen. Als Gute-Nacht- oder Vorlesegeschichte spricht Ein Glas Zeit Kinder ab 4 Jahren an, doch auch Vorschulkinder und Erstleser werden sicher gerne in dieses Buch hineinlesen, dessen Thema sie oft betrifft. Ein Bilderbuch, das seine Thematik ganz praktisch umsetzt, indem es seine kleinen und großen (Vor-)Leser, Zuhörer und Betrachter zum Innehalten inspiriert, dazu, die Zeit einmal anzuhalten – sei es beim Betrachten des Bilderbuches oder im sonstigen Leben.

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