Tan, Shaun: Die Regeln des Sommers

von Meike Krauter, Aileen Bragaglia Lorenzo und Katharina Wagner

Nie die Regeln verletzen. Schon gar nicht wenn du sie nicht verstehst. Eine Reise in das Land der Regeln. Eine Reise in den Sommer, der dich dies lehren soll – eine pädagogisch-didaktische Betrachtung von Shaun Tans Regeln des Sommers.

Tan, Shaun: Die Regeln des Sommers.                                                     A. d. Englischen von Eike Schönfeld.
Aladin, München, 2014.
48 Seiten. 19,90 €
ISBN 9783-8489-0010-7
Empfohlen ab 6 Jahren.


Inhalt
Das Buch handelt von zwei Jungen unterschiedlichen Alters, die gemeinsam einen Sommer erleben. Sie tauchen – weg von der grauen Großstadt – ein in eine phantasievolle Welt voller Farben und interessanter Gestalten. Der kleinere Junge leitet sich Regeln aus den erlebten Abenteuern ab, die er durch Nichtwissen oder Versäumnis übertreten hat. Dabei handelt es sich um alltagsnahe Regeln wie "Nie die Hintertür über Nacht offen lassen", "Nie einem Fremden deine Schlüssel geben", aber auch um scheinbar irrelevante wie "Nie eine rote Socke auf der Wäscheleine hängen lassen". Erst nach einer Prügelei wird der kleine Junge aus der Phantasiewelt ausgeschlossen, bis der Große ihn wieder zurückholt und sie gemeinsam die letzten Tage des Sommers genießen können.

Die Regeln des Sommers


Kritik
Die ästhetische/formale Zielrichtung
Bereits auf dem Buchdeckel sind die einzigen menschlichen Charaktere des Buches zu erkennen, zwei Jungen, die sich inmitten eines Feldes mit phantastischen Elementen befinden. Im Himmel ist der Buchtitel in großen weißen Buchstaben geschrieben. Schon hier besteht ein scheinbar fehlender Zusammenhang zwischen Text und Bild, was sich im gesamten Buch fortsetzt. Nach dem ersten Eindruck kann nicht immer ein eindeutiger Bild-Text-Bezug festgestellt werden. Durch die Bilder wird die Beziehung der Protagonisten immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachtet: Der große Junge kann als Beschützer, Begleiter, Vorbild, Wegweiser und Regelgeber gesehen werden. Im Gegensatz dazu nimmt der kleine Junge die Position des Lernenden, Naiven, aber auch Dankbaren ein. Trotz der minimalistisch gezeichneten Gesichtszüge wird durch die Körperhaltung und die Komposition der Illustration die Emotion der Beziehung wie auch die Situation deutlich. Daher kann man ableiten, dass aufgrund der immer dunkler werdenden Bilder die Beziehung der Beiden leidet. Es scheint, dass der große Junge sich die Aufgabe der "Erziehung" zu sehr zu eigen macht, den kleinen Jungen mehr aus seinem Umfeld ausschließt und daher eine gewisse Rivalität produziert, die schlussendlich in einer Prügelei endet. An diesem Wendepunkt sind die Bilder von dunklen Farben geprägt und die ansonsten auf jeder Seite präsenten Regeln verschwinden. Dies ändert sich erst wieder, als sich der große Junge auf die Suche nach dem Kleinen macht. Es erscheint nun wieder eine Regel: "Immer einen Bolzenschneider dabei haben". Der Kleine wird befreit und die beiden machen sich auf die Reise zurück in die Welt des Sommers, aber auch der Regeln und werden empfangen von bunten Früchten und Sonnenstrahlen. Es zeigt sich, dass die Regeln in einer Welt nicht wegzudenken sind, die Liebe füreinander aber erst recht nicht.


Die pädagogische/didaktische Absicht
Die Geschichte widmet sich dem Sommer, der für jedes Kind grenzenlos erscheint und die große Freiheit in den Ferien verspricht. Dass auch diese Jahreszeit von Regeln geprägt ist, zeigt dieses Buch auf eine sehr emotionale Art und Weise. Anhand der spärlichen Erzählung bleibt den Lesern viel Freiraum zur Interpretation und zur selbstständigen Charakterisierung der Protagonisten. Die zwischenmenschliche Beziehung der beiden Figuren ist sehr realitätsnah dargestellt und dies macht es möglich, sich gut in die Jungen hineinzuversetzen. Von klein auf werden einem Regeln vorgegeben, die es zu befolgen gilt, solange man sie nicht versteht. Erst wenn ein Verständnis dafür wächst, werden diese hinterfragt und durch Erfahrungen modifiziert. So widerfährt es auch dem Ich-Erzähler des Buches, was die rezipierenden Kinder ermutigen soll, sich selbst die Welt zu erschließen, trotz aller vorgegebenen Regeln. Auf diese Weise wird ein scheinbar alltägliches Thema aufgegriffen, aber aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel, nämlich dem des Kindes.
Aus diesem Blickwinkel erschließen sich bei jeder neuen Betrachtung des Buches immer weitere Details, die nach und nach ein Gesamtkonstrukt zur Deutung ergeben. Dieses ist nicht starr, sondern je nach Betrachtung und Vorwissen erweiterbar. Der Text stellt nur einen minimalen Aspekt der Geschichte dar, welche sich so mehr durch Entdecken der Illustrationen ergibt. Das ermöglicht es jedem Kind, Anschluss an die Geschichte zu finden. Der große Deutungsspielraum kann aber auch hinderlich sein, weil sich beim erstmaligen Lesen nicht die komplette Bedeutung der Geschichte erschließt.
Die Darstellung der Phantasiewelt und die dazugehörige Dimension der Umgebung, im Vergleich zu den Figuren, wirken einerseits auf Kinder eindrucksvoll und lassen die Perspektive der Protagonisten besser verstehen. Andererseits kann die übertriebene Darstellung auch angsteinflößend wirken. Im Vergleich zu den Illustrationen ist der Text sehr einfach und emotionslos gehalten, sodass die Bilder die Basis der Geschichte darstellen.

Fazit
Das Bilderbuch ist für Kinder ab sechs Jahren geeignet, da es durch eine einfache Sprache und aussagekräftige Bilder gekennzeichnet ist. Es besteht aus einer simplen Handlung mit zwei Charakteren und es werden alltägliche Elemente mit einbezogen.
Das Buch bietet sich zur Betrachtung über eine längere Zeitspanne oder zur immer wiederkehrenden Lektüre an, da sich je nach Alter immer neue Interpretationen für den Leser ergeben. 2015 wurde Die Regeln des Sommers für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch nominiert.

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