Boie, Kirsten/Birck, Jan: Bestimmt wird alles gut

von Yasmina Sayhi

Wie erklärt man Kindern, was Krieg und Flucht sind? Und wie macht man ihnen verständlich, wo die ganzen Flüchtlinge auf einmal herkommen? Kirsten Boie ist nicht die erste Autorin, die sich in dieses Genre wagt. Bestimmt wird alles gut sticht neben großartigen Werken wie denen von Irena Kobald (Zuhause kann überall sein) oder Kathrin Rohmann (Apfelkuchen und Baklava oder Eine neue Heimat für Leila) vor allem durch die Zweisprachigkeit auf Deutsch und Arabisch hervor. Durch die eindrücklichen und gleichzeitig kindgerechten Illustrationen von Jan Birck wird aus diesem Werk ein solides Kinderbuch mit hochpädagogischem Charakter, das in keinem Klassenzimmer fehlen sollte.

Inhalt

Boie, Kirsten (Text); Birck, Jan (Bild): Bestimmt wird alles gut.
Klett, Leipzig, 2016.
48 Seiten, 9,95 €
ISBN 9783-954-701346.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Rahaf ist 9 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Homs, Syrien. In dem vierstöckigen Haus haben alle Platz: Ihre Großeltern, Onkel und Tanten und ihre Cousine Aycha, mit der sie am liebsten spielt. Auf ihren Papa ist Rahaf besonders stolz, denn als Arzt hilft er vielen Menschen. Rahaf hat ein gutes Leben. Bis die Flugzeuge mit den Bomben kommen und hinterher die Straßen in Trümmern liegen. Manchmal liegen auch tote Menschen darauf. In Syrien herrscht Bürgerkrieg und so beschließen Rahafs Eltern mit Rahaf, ihrem Bruder Hassan und den beiden kleinen Schwestern Haia und Amal wegzugehen. Ohne ihre Großeltern. Ohne ihre Tanten und Onkel. Und ohne Aycha. Nur ihre Lieblingspuppe Lulla kann Rahaf noch mitnehmen. In Ägypten müssen sie auf einem Boot acht Tage und Nächte nach Italien fahren. Auf dem Boot sind viel zu viele Menschen. Das Gepäck wird ihnen weggenommen, damit noch mehr Menschen hineinpassen. Ohne Koffer und somit ohne Geld und Papiere erreichen sie Italien. Auch Lulla ist nun fort.

Die Familie schafft es völlig erschöpft nach Deutschland in ein Erstaufnahmelager. In einem großen Haus müssen sie alle zusammen in einem Zimmer wohnen. Rahaf und Hassan haben zwar Heimweh, aber im Lager gibt es noch viele andere syrische Kinder, mit denen sie sich verständigen können. Rahaf trifft sogar ein Mädchen aus Homs wieder und sie spielen jeden Tag. Bis sie wieder weiterziehen müssen. Da wo sie hinkommen, gibt es aber keine syrischen Kinder mehr.

In der neuen Schule in dem kleinen Ort ist es sehr schwierig, weil Rahaf und Hassan die Sprache der anderen nicht verstehen. Es dauert eine Weile, bis sie sich in dem neuen Land zurechtfinden. Aber dank deutschen Kindern wie Emma, die Rahaf in der Schule jeden Tag neue Wörter beibringt, kann sie bald so gut Deutsch wie sie Arabisch spricht. Und auch wenn ihr Papa noch nicht arbeiten darf und die Familie in einem Wohncontainer lebt – sie leben. Und am Ende wird bestimmt alles gut.


Kritik

Die Geschichte von Rahaf beantwortet keine Fragen (Wieso ist der Krieg in Syrien ausgebrochen? Warum ist es für Flüchtlinge so schwierig nach Europa zu kommen?), sie klagt aber auch nicht an. Sie ist aus den Augen eines Kindes geschrieben, das fern von politischen Motiven einen unmittelbaren Eindruck davon gibt, was Krieg für Kinder bedeuten kann. Die sanften Illustrationen vermitteln, was es heißt zu fliehen. Was es heißt, alles zurückzulassen. Doch obwohl das Thema Flucht sehr vielschichtig und selbst für Erwachsene schwer fassbar ist, schafft es die Autorin, sogar schwierige Begriffe auf kindgerechte Weise zu erklären. So stellt sich zum Beispiel heraus, dass der Mann von der Schiffsbesatzung, mit der die Familie ihre Reise nach Italien antritt, ein sogenannter Schleuser ist, der die Flüchtlinge in ein neues Land bringt. Dass diese Menschen den Flüchtlingen keinen Freundschaftsdienst erweisen, zeigt sich am Ende der Schifffahrt, als das Gepäck samt Rahafs Rucksack mit ihrer Lieblingspuppe verschwunden ist. "Das wollen sie verkaufen und noch mehr verdienen", erklärt Rahaf den Lesern.

Die Figuren in diesem Buch erscheinen so real und menschlich, dass man Rahaf und ihrer Familie, fern von allen Dingen, die uns als Leser möglicherweise von ihnen unterscheiden, einfach aus vollem Herzen wünscht, ein friedliches Leben zu führen. Das mag vor allem an der Tatsache liegen, dass Kirsten Boie die wahre Geschichte einer Flüchtlingsfamilie erzählt. Sie hat diese Menschen kennengelernt und erzählt nun die Erinnerungen an das, worüber man normalerweise als Kind nicht redet, auf völlig ungeschönte Weise. Ähnlich ging sie schon bei ihrem Buch Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen vor, worin sie Geschichten von vier verarmten afrikanischen Kindern erzählt. Durch die Geschichte mit der Schulfreundin Emma zeigt Boie, wie man als Kind selbst helfen kann – eine Frage, die für viele Kinder sehr wichtig ist. Jede Seite des Buches ist sowohl mit deutschen als auch arabischen Buchstaben gefüllt. Die Geschichtenbausteine werden nicht hintereinander, sondern gleichzeitig erzählt – solche Details machen aus diesem Buch ein wunderbares Plädoyer für ein gesellschaftliches Miteinander. Die Zweisprachigkeit ermöglicht es syrischen Kindern, ihre (noch) arabischen Gedanken auf Deutsch zu erzählen bzw. erzählen zu lassen. Sie können das Buch ihren Klassenkameraden zeigen, ihr Schicksal verständlich machen, ohne das Gefühl zu haben, dass man über sie redet statt mit ihnen. Die oft erwähnte Kritik, dass diese Art der zweisprachigen Literatur nur das Einigeln in die eigene Sprache fördere, sollte gerade bei diesem sensiblen Genre überhört werden. Denn wo braucht man die Muttersprache mehr, als beim Erzählen eines traumatischen Lebensabschnittes? Die im Anhang befindlichen Satzbausteine auf Arabisch und Deutsch lassen die Kritik ebenfalls verstummen. Kinder beider Kulturen können durch so einfache Sätze, wie: "Willst du mein Freund sein?" (In arabischer Umlautschrift: aturid an takun sadiqi?) das Eis brechen und aufeinander zugehen.

Die Illustrationen von Jan Birck sind eher düster und beschönigen nichts. Sie spiegeln damit aber die ersten Emotionen der völligen Fremde sehr anschaulich wider. Die Bilder können für sich selbst stehen. So sieht man Rahaf und ihre Cousine Aycha auf dem ersten Bild lachen und spielen. Darauf folgen die Bombenflugzeuge, schreiende Menschen und kurz darauf die Familie, die sich auf dem Schleuserboot gegenseitig vor der nächtlichen Kälte schützt und wärmt. Ohne die weichen, pastellfarbenen Illustrationen von Birck wäre die Geschichte von Boie zwar immer noch eindrucksvoll, würde jedoch einen Großteil ihrer Stimmung und Emotionen verlieren.

Die Geschichte von Rahaf könnte möglicherweise den Eindruck erwecken, dass nur so hochgebildete Menschen wie Rahafs Vater zu uns nach Deutschland kommen wollen. Doch wie in jedem Land gibt es auch in Syrien einfache Arbeiter wie Bäcker, Handwerker oder Schuster, die die Chance auf ein besseres Leben suchen und verdienen. Auch die afghanischen oder irakischen Kinder bekommen in dieser Geschichte leider keine Stimme. Denn nicht nur in Syrien herrschen Krieg und Leid, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt. Eine Tatsache, die durch den Bürgerkrieg in Syrien oft überschattet wird. Am Ende dieses Buches bleibt sicherlich die Frage danach, ob Kriegsgeschichten wirklich, wie auf dem Buch empfohlen, für sechsjährige Kinder geeignet sind. Für das selbstständige Lesen vor dem Zubettgehen mag dieses Buch mit Sicherheit nicht geeignet sein. Im Rahmen einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Thema, zum Beispiel im Klassenverband oder gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten, bleibt dieses Kinderbuch jedoch eine nicht wegzudenkende Stütze.

Fazit

Und so bleibt die Geschichte von Rahaf am Ende eine gute Grundlage, ein erstes Verständnis für das Thema Flucht bei Kindern aufzubauen und lässt das Gerede von Überfremdung und Obergrenzen fast lächerlich erscheinen.

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