von Sabine Planka

Den Fragen nach dem Zuhause und wo und was das sein kann, geht Carson Ellis auf wunderbare Art in ihrem gleichnamigen Bilderbuch nach – und führt Kinder ab 4 Jahren durch die Welt von Häusern und Behausungen.

Ellis, Carson (Text und Bild; a.d. Engl. v. Thomas Bodmer.): Zuhause.
Zürich, NordSüd, 2016.
48 S., 15,99 €
ISBN 978-3-314-10334-6

Inhalt/Kritik
Carson Ellis erzählt in ihrem Bilderbuch Zuhause keine zusammenhängende Geschichte, sondern eröffnet dem Leser querschnittartig einen spannenden Blick durch die Welt des Wohnens. Dabei durchmischt sie Darstellungen von unterschiedlichen Häusern und Wohnmöglichkeiten. Die Fragen, wo Menschen leben, wie sie leben und was eigentlich ein Zuhause ausmacht bzw. sein kann, bilden den roten Faden in diesem mit feinem Humor konzipierten und gezeichneten Buch, das so anschlussfähig wird an Bilderbücher, die sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzen (z.B. Peter Stamm und Jutta Bauers Warum wir vor der Stadt wohnen oder auch Jon Klassens Das Haus in den Bäumen).
Carson Ellis lässt den Leser teilhaben an realistischen, alltäglichen Wohnsituationen, wie z. B. Bienenstöcken, sauberen und hohen Häusern, und zeigt, dass Franzosen in Frankreich zu Hause sind, andere Menschen hingegen auf Schiffen und wieder andere in Wigwams leben. Ellis veranschaulicht aber auch phantastische Wohnwelten wie die eines nordischen Gottes oder eines Atlantikers unter Wasser, wobei die Bilder in ihrer Konzeption oft spiegelbildlich angelegt sind: Die Trompete spielende Französin mit einer Nationalflagge in der Hand auf der linken Hälfte des Buches wird dem Atlantiker auf der rechten Buchhälfte gegenübergestellt, der in eine Muschel bläst und statt einer Flagge einen Dreizack in der Hand hält. Die Bildhintergründe sind ebenfalls aufeinander bezogen: Steht die in helle Kleidung gehüllte Französin vor einem schwarzen, so ist der dunkelhäutige Atlantiker vor einem weißen Hintergrund platziert.
Carson Ellis geht aber noch weiter: Sie zeigt nicht nur die Behausungen aus der Außenperspektive und damit auch den Blick auf die Bewohner, die oft in ihren Bildern zu finden sind, sondern sie ermöglicht dem Betrachter auch den Blick aus den Häusern/Behausungen heraus. So fällt der Blick aus der Waschbärhöhle heraus auf ein Feld und andere Bäume, eine andere Szene lenkt den Blick des Betrachters in die Küche einer Babuschka. Auf diese Weise kann der Leser das Leben der entsprechenden Bewohner ein Stück weit nachempfinden. Carson Ellis lässt den Betrachter sogar auf den Schreibtisch einer Illustratorin und dieser über die Schulter schauen – die zufällig gerade an einem Bild über Behausungen arbeitet und somit deutlich eine Referenz an sich selbst und ihre Arbeit darstellt.
Die Texte des Bilderbuches sind sparsam und nüchtern gehalten – oft ist es nur ein einfacher Satz, der das Bild beschreibt ("Zuhause kann auf dem Land sein" o.P.) – und werden der reichen Bildwelt kontrastiv entgegengestellt, die für sich genommen schon Erzählung genug ist und ausreichend narratives Potential bietet. So zeigt sie – passend zu den Sätzen "Die einen wohnen in Palästen." und "Andere in unterirdischen Schlupfwinkeln" (o.P.) – eine orientalisch anmutende Szenerie, die sich über eine Doppelseite erstreckt und dabei in sich noch einmal horizontal unterteilt ist: Der obere Teil zeigt einen Palast mit zwei Frauen, die zwei Pfauen füttern, während links von ihnen ein Mann mit einem gezückten Säbel grimmig dreinschaut. In der unter dem Palast liegenden Behausung, liegt das Versteck zweier Männer, die an einem Tisch sitzen und Goldmünzen zählen, seitlich hinter ihnen ist ein ganzer Haufen Goldmünzen aufgetürmt, auf dem eine Frau liegt (und schläft?). Die horizontale Grenze wird an zwei Stellen durchbrochen: Jeweils links und rechts finden sich durch Leitern Verbindungen, die eine Überbrückung der Grenze ermöglichen.
In vielen Details entfalten sich die unterschiedlichen Behausungen in Ellis' Bildwelten – egal ob auf dem Land, in der Stadt, im Palast, unter der Erde oder in einem Hochhaus –, so dass der Leser viel entdecken und sich eine eigene Geschichte zu dem jeweils gezeigten Zuhause ausdenken kann. Dieser Umstand macht das Buch gerade für jüngere Rezipienten interessant, die gemeinsam mit Erwachsenen in das Buch und die farbig kolorierten Bilder eintauchen können.
Carson Ellis entwirft mit ihrem klaren Gestaltungsstil, der bereits Jon Klassen als Vorbild diente (siehe die Verlagsvorschau des NordSüd-Verlags), strukturierte und detaillierte Bildwelten, die – natürlich – auch ihr eigenes Zuhause und Arbeitszimmer zeigen. Anregend für Leser ist dementsprechend auch das sich an dieses Bild anknüpfende nachfolgende Bild und die das Buch beschließende Frage, die sich direkt an den Leser richtet: "Wo bist du zuhause? Wo wohnst du?" (o.P.). Der Leser wird zurück in seine eigene Welt geführt, die er nun mit neuen Eindrücken betrachten kann.

Fazit
Mit Zuhause ist Carson Ellis ein Bilderbuch gelungen, das Leser ab 4 Jahren anregt, sich Gedanken über das eigene Zuhause zu machen und ihnen andere, unterschiedliche Wohnsituationen vor Augen führt. Die nicht immer realistischen, sondern auch phantastischen Formen des Zuhauses zeigen die kreative und humorvolle Betrachtung des Themas durch die Autorin. Am Ende bringt sie sich sogar selbst ins Bild, sodass sie den Leser direkt anspricht.

Nachweise
Verlagsvorschau des NordSüd-Verlags


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