von Sabine Planka

Seit das Schaf Leonie im letzten Jahr von einem Mädchen gefüttert wurde, wartet sie auf ein Wiedersehen. Und wartet… und wartet… und wartet… Doch das Mädchen kommt nicht zurück. Stattdessen kommt ein LKW – von Schlemmerland Express… Eine Geschichte vom Warten und von der Sicht der Dinge für alle Rezipienten ab 4 Jahren.

Geyer, Anke: Das Schaf.
Sujet Verlag, Bremen, 2008.
32 Seiten, 10,00 €
ISBN 978-3-933995-28-5.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt
Der Inhalt dieses kleinen, aber feinen Bilderbuchs ist schnell erzählt: Das Schaf Leonie sitzt am Zaun und wartet sehnsüchtig auf das Mädchen, das im letzten Jahr ihre Pausenbrote und Äpfel mit ihm 'geteilt' hat. Doch Leonie wartet vergeblich, das Mädchen kommt nicht. Stattdessen fährt irgendwann ein LKW der Firma Schlemmerland Express an Leonies Zaun vorbei. Und Leonie will mit! Fortan versucht sie, die Aufmerksamkeit des Schlemmerland Express auf sich zu ziehen: Sie winkt, sie macht sich groß, balanciert auf dem Zaun, sie macht ein Feuer und erzeugt Rauchzeichen. Nichts hilft. Plötzlich verfängt sich im Baum ein roter Luftballon, den sich Leonie holt – ein fliegendes Schaf haben die anderen Schafe auch noch nicht gesehen! – und an den sie eine Luftpost bindet: "Hallo! Will hier weg – bringst du mich ins Schlemmerland? Bitte! Bin mittelgroß und blond (und hübsch) und warte an der Wi…" Und nun wartet Leonie wieder – lächelnd und voller Vorfreude!

Kritik
Anke Geyers wunderbares Bilderbuch, das in einem vergleichsweise kleinen Hochformat daher kommt – 19 cm x 14 cm –, ist zunächst einmal eine Parabel auf das Warten und auf die Einstellung, die man dem Warten selbst entgegenbringt. An Leonie wird das exemplarisch gezeigt: Während sie zu Beginn traurig wirkt, da ihr Warten sinnlos und hoffnungslos erscheint – sie knüpft es an ein vergangenes Ereignis und wartet darauf, dass es noch einmal eintritt –, wandelt sich dies gegen Ende der Geschichte: Warten ist nun positiv besetzt, auf eine zukünftige Wunscherfüllung ausgerichtet und mit der Sehnsucht verknüpft, der "Schlemmerland Express" möge anhalten und sie ins Schlemmerland mitnehmen. Geduldig sein und sich damit in Selbstdisziplin zu üben, bis eine Reaktion auf die gestartete Handlung sichtbar wird, wird hier dem Leser nahegebracht und vermittelt. Damit wird auch zurückgegriffen auf ein kulturelles Phänomen, das langsam verschwindet, zieht man die Betrachtungen des Kommunikationswissenschaftlers Peter Vorderer (Universität Mannheim) hinzu: "Das Warten – so unangenehm es sein konnte – hatte etwas Positives. […] Das war dieser Moment der Kontemplation. Ein Moment der Pause. Man ließ die Welt auf sich wirken. Man konnte nachdenken." (Vorderer in Driessen (2015)) Daraus ergebe sich Kreativität – wenn man Gedanken Raum gebe, so Vorderer weiter. Genau das sieht man bei Leonie: Sie versucht auf kreative Art und Weise, den Schlemmerland Express auf sich aufmerksam zu machen – vom Winken bis zu den Rauchzeichen ist alles dabei.
Dass es sowohl auf der Ebene der Kommunikation als auch auf der Ebene des Verstehens zu mehreren Missverständnissen kommt, ist Leonie gar nicht klar: Der Express wird nicht das Schlemmerland anfahren, sondern liefert Lebensmittel aus. Dem (erwachsenen) Leser ist dies vermutlich klar, weil er mit dem Konzept der Essenslieferungen vertrauter ist als Leonie.

Ein weiteres Missverständnis dreht sich ebenfalls ums Essen – und sorgt für einen weiteren Perspektivwechsel: Das, was Leonie als Leckereien empfindet, die das Mädchen ihr zusteckt, werden dem Leser visuell als Abfälle von Lebensmitteln präsentiert. Das Butterbrot ist 'nur noch' die Rinde des Brotes, der Apfel ist 'nur noch' das Kerngehäuse und das Eis, das Leonie 'geschenkt' wird, ist dem Mädchen heruntergefallen – die Sprechblase "Oh nein! Mist" scheint Leonie gar nicht zu verstehen. Und dass sie Seife zu essen bekommen hat, wertet Leonie aus ihrer Sicht einfach als ein ungenießbares 'Etwas'. Die Sprechblase des Mädchens, das selbst nicht zu sehen ist und sich damit – filmisch gesprochen – im Off befindet, bringt hingegen mit "Hahahaha…" sehr wohl zum Ausdruck, dass es dem verfressenen Schaf nun neben den Abfällen noch etwas richtig Fieses geben will.
Leonie bewertet diese ihr zuteilwerdende Aufmerksamkeit falsch und erkennt nicht, dass sie aus der Sicht des Mädchens ein 'Allesfresser' ist, dem man problemlos die ungeliebten Essensreste geben kann. Leonies eigene Sichtweise markiert Glück pur: Für sie ist die Welt einfach und nicht kompliziert – selbst als sie erneut warten muss, hat sie es geschafft, dass das Warten positiv und mit Vorfreude verknüpft wird.
Diese Doppeldeutigkeiten markieren – wenn man dies auf einer Metaebene interpretiert – kulturelle Unterschiede, die sich übertragen lassen auf die Welt des Rezipienten und implizit werben für das Verständnis für die Sichtweise des Gegenübers, für Achtsamkeit und Rücksichtnahme. Dazu bietet sich Essen als Marker kultureller Unterschiede an, scheiden sich doch die Geister am Geschmack und an dem, was man essen kann und was genießbar ist.
In ganzseitigen kolorierten Bildern – vermutlich eine Mischung aus Buntstiften und Aquarellfarben –, die auch mal im ungewöhnlichen Hochformat daherkommen und sich über beide Seiten erstrecken oder in einer Art Comic-Panel auf den Seiten angeordnet werden, wird Leonies Geschichte erzählt. Dominierend sind grüne und lilafarbene Farbtöne, aus denen das weiße Schaf heraussticht – und natürlich später auch der Schlemmerland Express und der knallrote Luftballon, der Leonies Luftpost befördern soll. Die Bilder bieten dem Leser vieles zum Entdecken an: Leonie, die ihre Kunststückchen im Vorder-/Mittelgrund aufführt, um die Aufmerksamkeit des Wagens auf sich zu ziehen, und die anderen Schafe im Hintergrund, die Leonie mit großen Augen betrachten.
Dass nebenbei zu Beginn der Geschichte Wissenswertes über Schafe vermittelt wird – "Im Frühling kommen sie frisch geschoren auf die Weide. Im Sommer haben sie schon ordentlich Wolle und Gewicht zugelegt und die Wiese überschaubar gemacht. Im Herbst sind die Wiesen leer und die Bäuche voll. Die Wolle ist dicht und lang. Im Winter machen sie aus den dicken Bäuchen noch mehr Wolle, denn es ist bitterkalt." (o.P.) –, ist ein Bonbon, das den Leser schmunzeln lässt bei der Betrachtung der Gewicht zulegenden Schafe. Dass Leonie vor dieser Darstellung des Schafalltags als 'schwarzes Schaf' gezeigt wird, das alles macht, nur nicht das, was Schafe üblicherweise machen, nämlich grasen und schlafen, macht Leonie so besonders – und lässt Assoziationen zu einem anderen berühmten und medienpräsenten Schaf zu, nämlich zu Shaun.

Fazit
Mit Das Schaf ist Anke Geyer ein wunderbares kleines Bilderbuch gelungen, an dem Jung und Alt ihre Freude haben werden. Die Bilder bestechen ebenso wie die Geschichte und laden den Leser zum Entdecken und Träumen ein – und zum Nachdenken über den Wert des Wartens.

Bibliografie
Driessen, Christoph: "Warum wir das Warten nicht verlernen dürfen", in: Die Welt, 08.05.2015. URL: http://www.welt.de/140664416; Stand 30. Juni 2016.


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