von Melanie Lieberknecht

Im Garten der Pusteblumen von Noelia Blanco wurde ebenso wie Die große Wörterfabrik zauberhaft von Valeria Docampo illustriert. Schon das Titelbild mit den Pusteblumen fällt ins Auge und verspricht eine verträumte, märchenhafte Geschichte. Mit einer Vielzahl an Metaphern wird von der Bedeutung des Wünschens in einer technologisierten Welt erzählt.

De Lestrade, Agnès (Text)/Docampo, Valeria (Bild): Im Garten der Pusteblumen.
Übersetzt von Anna Taube.
München, mixtvision 2013. 40 S., 14,90 €
ISBN 978-3-939435-80-8

Inhalt

Die perfekten Maschi- nen sind ins Tal der Windmühlen einge- zogen und "dank der perfekten Maschinen war alles perfekt" (S. 5). Aber ist es das wirklich? Da die Menschen sich nichts mehr wünschen, gibt es keinen Wind mehr und die Windmühlen sind stehengeblieben. Die einzige Bewohnerin, die noch Herzenswünsche hegt, ist die Schneiderin Anna. Sie wacht, während alle anderen schlafen. Bei den Windmühlen trifft sie den Vogelmann, dessen Herzenswunsch das Fliegen ist: "Ich versuche zu fliegen. Ich wünsche mir, mit den Wolken zu tanzen und die Welt verkehrt herum zu sehen!" (S. 10). Beider Wünsche ergänzen sich, denn Annas Wunsch ist es, dem Vogelmann einen Fluganzug zu schneidern. Zunächst liest sie Anleitungen, aber das führt sie nicht zum Ziel. So macht sie sich auf den Weg ins Tal der Pusteblumen und hofft, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen möge. Der erwachte Wind bläst die Pusteblumen davon und liefert der Schneiderin ihren Stoff. Nachdem das Flugkostüm vollbracht ist, weht der Wind es zum Vogelmann. Durch den Wind erwachen auch die Windmühlen zu neuem Leben und der Lärm reißt die Bewohner aus ihrem Dämmerschlaf. Diese entwickeln wieder Wünsche, feiern ein Fest und beobachten den Vogelmann, wie er in seinen Wunschflügeln am Himmel fliegt. Die nicht mehr genutzten Maschinen schalten sich nacheinander ab.

Kritik

Wie und warum die Maschinen in die Welt kamen, das wird nicht thematisiert. Dafür wird ihre Wirkung auf die Talbewohner deutlich geschildert: All ihre Wünsche werden sogleich perfekte Wirklichkeit, sodass die Figuren nur noch Augen für die Maschinen haben. Als vom Verlust der Wünsche die Rede ist, sehen wir folgende Szene: Verschwommen und klein stehen im Hintergrund die Windmühlen, die Landschaft ist eine Art Wüste mit wenigen Felsen in dunklen Erdtönen, der Himmel erstreckt sich in einem kalten Türkis. Eine einsame Maschine steht in der Landschaft und ist verbunden mit einem Strommast. Auf der Maschine sitzen zwei roboterhafte Menschen Rücken an Rücken und betrachten den Himmel; ihre Helme strahlen Licht aus. Die Szene wirkt durch die Worte und Farbgebung melancholisch, nicht romantisch. Die Menschen werden den Maschinen optisch zum Verwechseln ähnlich, tragen dieselben Farben, Helme und Kabel. Erst nach ihrem Wiedererwachen erhalten sie ein menschliches Aussehen mit lebhafter Mimik und Gestik. Voller Staunen und Zufriedenheit blicken sie in die Welt. Eine Figur spielt sogar Akkordeon, andere bestaunen Pusteblumen.
Die Schneiderin Anna tritt abgesehen von einem kurzen Aufblitzen hinter Maschinen das erste Mal auf, indem sie aus einem Turm hinausschaut. Sie trägt einen verträumten Gesichtsausdruck. Ihre Figur ist ganz menschlich und bunt. Ihre ungewöhnlichen Ideen für Kleider ("Meeressaum etwa oder Sternspitzen und Wolkenumhänge", S. 8) beweisen ihre Kreativität. Voller Tatendrang macht sie sich auch nachts bei Mondschein auf den Weg zu den vergessenen Windmühlen. Der riesige Vogelmann ragt weit über ihr auf und trägt einen langen Schnabel sowie eine Flügelkonstruktion.

Beide sind in rot und blau gehalten und als Anna Anleitungen liest, sitzt sie bequem auf dem Riesen; dadurch werden beide eine optische Einheit. Obwohl ihr Ziel nicht einfach zu erreichen ist, verlieren beide nie den Mut.
Die Stadt mit ihren einförmigen Häusern ist in warmen Erdtönen gemalt, vor denen Annas rote Haare noch mehr hervorstechen. Durch ihre dünn gezeichneten Gliedmaßen und den großen Kopf hat die Hauptfigur ein sehr markantes Äußeres. Ihre Haare trägt sie zu einem Knoten gesteckt, erst auf dem Höhepunkt der Geschichte, der Titelszene, löst sich der Knoten. Die Brauntöne verwandeln sich in Goldfarben, nachdem Anna beim Bergkamm die Pusteblumenschirme aufsammelt. Meist sind wir ganz nah dran am Geschehen, doch in dieser Szene sehen wir die große Perspektive, das große Schauspiel der Natur, von der der Mensch nur ein kleiner Teil ist. Die Pusteblumen als magische Naturerscheinungen tauchen in einfachen weißen Zeichnungen in den meisten Szenen auf, nachdem Anna den Garten betritt. So sprießen Blumen aus Annas schlafendem Körper hinaus und verdeutlichen ihre Verbundenheit mit der Natur.

Die Geschichte steckt voller Metaphern, im Kleinen wie im Großen. So bekommen hier Windmühlen steife Arme und beginnen später "ihre Arme zu lockern" (S. 16). Der Pusteblumengarten ist der Ort der Wünsche und des Windes, ein märchenhafter Ort. Mithilfe dieser verzauberten Natur und ihrer eigenen Mühe und schöpferischen Kraft rettet Anna die Mitbewohner des Tals. Der Wind als Metapher für Leben, Bewegung und Fantasie ist zurückgekehrt. Die Welt besteht hier aus Gut und Böse: Perfektion und Technik werden kontrastiert mit dem Träumen und Schaffen der Protagonistin bzw. der beseelten Natur (die zum Beispiel den Fluganzug transportiert). Aber natürlich ist diese Sicht nicht differenziert und nuanciert, sondern Schwarz-Weiß-Malerei: Schließlich nutzen wir mechanische Flugzeuge, um zu fliegen – und auch Windmühlen sind Technik. Auch wird sich die Weiterentwicklung der Technik nicht aufhalten lassen, höchstens die Art, wie wir sie nutzen und welche Rolle sie im täglichen Leben spielt.
Die Geschichte warnt uns auf unaufdringliche Art vor dem "Glück auf Knopfdruck". Durch die Technik hat die Schneiderin kaum noch Arbeit, obwohl sie vor Ideen übersprüht. Im "Garten der Pusteblumen" geht alles gut, die Technik verliert gegen die Natur. Die Autorin hat ein Plädoyer für Kreativität und die Nähe zur Natur geschaffen, für menschliches Streben und gegen die Bequemlichkeit. 

Fazit

Wie die rothaarige Heldin sollten sich auch die Menschen des 21. Jahrhunderts bewusst sein, dass es sich auszahlt, für die Erfüllung seiner Wünsche zu arbeiten und nicht immer nur den leichten Weg zu wählen. Die Wunder der Natur sind nicht weniger staunenswert als die der Technik, hier sind sie ihr weit überlegen und mit Menschlichkeit assoziiert.
Dieses ruhige Bilderbuch lädt zum Verweilen und Träumen ein, Erwachsene vielleicht noch mehr als Kinder. Der Fantasie werden hier im wahrsten Sinne des Wortes Flügel verliehen. Kinder ab 6 Jahre dürften ihren Spaß an den niedlich gezeichneten Hauptfiguren und der fantasievollen Geschichte haben. Mit Schulkindern kann man damit sicher gut über Themen wie Technik, Wünsche und Glück philosophieren.

 

Seit Mitte 2017 ist das Buch auch als App verfügbar: http://www.pusteblume-app.de.

 

 

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