von Verena Keim

Abstrakt, farbenfroh, träumerisch, aber vor allem eines: phantasievoll. Das ist der erste Eindruck, wenn man Willy Puchners Bilderbuch, Unterwegs, mein Schatz!, in den Händen hält. Die große Leidenschaft des österreichischen Bilderbuchautors, der auch als Fotograf und Künstler tätig ist, ist das Reisen, welches das zentrale Thema des Bilderbuchs ist.

Puchner, Willy: Unterwegs, mein Schatz!
G & G Kinder- und Jugendbuchverlag/Nilpferd, Wien, 2015.
40 Seiten, 19,99 €
ISBN 978-3-7074-5100-9.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Puchner beginnt die Geschichte mit dem Satz: "Es ist keine Reise im üblichen Sinn, oft müssen wir das Zimmer nicht einmal verlassen" (S. 2). Die Geschichte ist vor allem eine Reise in die phantasievolle Gedankenwelt des Autors. Bevor sie beginnt, stellt der Erzähler den Lesenden seinen "Schatz"  vor, an den oder die jede der 16 Geschichten adressiert ist. Unklar bleibt, wer genau damit gemeint ist. Diesem möchte der Erzähler von seinen Reisen berichten, auf denen er viele kuriose Begegnungen hat: Einmal reist er in die Welt der Kleinlebewesen, den Mikrokosmos. Ein anderes Mal wird Karneval mit Paradies-Schafen und Birnenvögeln gefeiert. Jede Geschichte ist dabei in sich abgeschlossen. Mal handeln die Texte von einem Erlebnis, mal ist es ein Traum und ein anderes Mal eine Aufforderung an "mein[en] Schatz", selbst aktiv zu werden. Einige Geschichten drehen sich auch um Weisheiten, beispielsweise sagt die alte Schildkröte leise: "Wenn wir einen neuen Gedanken haben, dann sollen wir warten, ihn kreisen lassen und so lange wie möglich mit uns herumtragen" (S. 16). Auf diese Weise trägt jede Seite die Lesenden zu einer neuen Idee. Die Bilder allein sind dabei schon sehr aussagekräftig, aber erst mit dem Text wird das Buch zu einem Gesamtwerk.

Kritik

Wenn nicht gleich zu Beginn, dann spätestens nach den ersten Seiten fragt man sich als Lesende(r), wer "mein Schatz" ist. Der Autor lässt diese Frage wie bereits erwähnt unbeantwortet. Es kann lediglich gemutmaßt werden, dass es sich dabei um ein Kind handelt, da in der ersten Geschichte die Rede von einem neunten Geburtstag ist. So wie bei der Frage nach der Identität von "mein Schatz", lässt der Autor den Lesenden auch sonst viel Freiraum in der eigenen Gedankenwelt. "Du kannst dir alles ausmalen, was immer du möchtest, und von allem Möglichen träumen" (S. 3).

Es ist dabei stets der Ich-Erzähler, der die Lesenden durch die einzelnen Geschichten führt und diese dabei oft direkt anspricht. Zum Teil fordert er sie auch auf, selbst aktiv zu werden: "Wenn du Zeit hast, setz dich hin und schreibe auch einen Brief" (S. 13). Die Schrift im Buch wirkt dabei, als sei sie handgeschrieben und ist als Block vor dem farbigen Hintergrund gedruckt gut lesbar. Zum Teil enthält der Text komplexe Sätze, offene Fragen, Aufzählungen, Diminutive wie zum Beispiel "Sonnentierchen", "Trompetentierchen", "Leuchttierchen" oder Neologismen wie "Schneekugelprozession" oder "Flaschenvögel". Dieses Spiel mit den Wörtern reflektiert auch den einfallsreichen Stil des gesamten Bilderbuches.

Die Illustrationen sind sehr originell, kräftige Farben wechseln sich dabei mit Pastelltönen ab. Aquarelle, Tusche und Buntstifte sind hier als Werkzeuge zur Anfertigung der Illustrationen benutzt worden. Tiere scheinen für den Autor einen größeren Stellenwert als Menschen zu haben. Das zeigt sich daran, dass viele Mischwesen zu sehen sind, die halb Mensch, halb Tier sind. Die besondere Bedeutung von Tieren wird auch klar, da die Menschen oftmals viel kleiner als die Tiere dargestellt werden und zudem noch ganz in Schwarz und ohne erkennbare Details gezeichnet sind. An einer Stelle im Buch illustriert Puchner sogar einen Hund im Stil des österreichischen Malers Gustav Klimt. Besonders Vögel kommen in allen Formen und Farben auf fast jeder Seite vor. Sie passen sehr gut zum Reisethema und sind auch in anderen Werken von Puchner z. B. in Willy Puchners Welt der Farben (2011) oder ABC der fabelhaften Prinzessinnen (2013) immer wieder vertreten. Dass Unterwegs, mein Schatz! als großformatiges Bilderbuch erschienen ist, kommt dem Werk zusätzlich zugute.

Fazit

Bei Puchner scheint es keine Grenzen der Phantasie zu geben, das bestätigt sich auch über den ersten Blick hinaus und macht Unterwegs, mein Schatz! zu einem ganz besonderen Bilderbuch – eine Huldigung an den handgeschriebenen Brief und eine Aufforderung zum Träumen, die durch die kreativen Illustrationen unterstützt wird. Puchner selbst widmet Unterwegs, mein Schatz! allen Flaneuren, Spaziergängern und Reisenden. Aufgrund der teils komplexen Sprache und der kleinen Bildern mit versteckten Botschaften ist dieses Bilderbuch für Kinder ab fünf Jahren geeignet, jedoch werden auch Erwachsene viel Freude an der Lektüre haben.


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