von Corinna Norrick-Rühl

Blitzschnell, gefräßig, wild, fantasievoll, kuschelig – das alles und mehr kann der kleine Junge sein, der in einem Tigeranzug ganz intensiv seine Umgebung erlebt und erkundet. Der Tigerjunge wacht morgens im dunklen Kinderzimmerdschungel auf und von dem Moment an ist nichts vor ihm sicher, keine Küche, kein Wohnzimmer, kein Wäscheberg. Michael Engler und Joёlle Tourlonias legen nach ihren "elefantastischen" Abenteuern ein weiteres Bilderbuch vor, das die Kraft der kindlichen Fantasie auf beeindruckende Weise unterstreicht.

Engler, Michael/Tourlonias, Joёlle: Ich bin ein Tiger.
Annette Betz, Berlin, 2016.
28 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-219-11694-6.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Von morgens früh bis abends spät begleiten wir einen kleinen Jungen im Tigeranzug, der eine Gratwanderung vollzieht zwischen der Alltagswelt und seiner Tigerfantasiewelt. Er wacht auf, umgeht die Morgentoilette, isst "mit Tigerappetit" (S. [8]) sein Frühstück, spielt Verstecken, tobt im Schnee herum – und das alles vor der Mittagspause. Danach ärgert er seinen Papa, baut sich eine Höhle und bastelt am Abend mit seinen Eltern im Wohnzimmer. Nach dem Zähneputzen geht es dann ab ins Bett, aber der kleine Tigerjunge kann erst gut einschlafen, wenn er vorher noch eine Runde mit seinen Eltern gekuschelt hat.

In der Ich-Perspektive erzählt der kleine Junge, wie es um ihn und seine Tigergefühle steht. Mit jedem Erlebnis des Tages wiederholt er sein Mantra: "Denn ich bin ein Tiger, ein … Tiger!" Je nach Situation wechselt seine Stimmung. Mal heißt es, "Denn ich bin ein Tiger, ein maulender Tiger!" (S. [23]), wenn es ums Zähneputzen geht, mal "… ein wirbelnder Tiger!" (S. [15]), wenn der Tigerjunge im Schnee spielt. Den ganzen Tag ist er beschäftigt und hat viel Freude dabei. Allerdings ist er auch immer wieder dankbar, dass seine Tigereltern ihm zur Seite stehen und ihm aus der Falle helfen, wenn er nicht mehr weiterweiß. Der Protagonist bleibt immer ein bisschen Tiger – und ein bisschen Kind. Für eine Rolle entscheidet er sich nie.

Stets begleiten ihn bei seinen Abenteuern vier kleine Stofftiere: ein Krokodil, ein Zebra, ein Esel und ein Schaf. Auch hier ist wieder eine unsichtbare Trennlinie zu erkennen zwischen den exotischen und heimischen Stofftieren.

Kritik

Der Junge im Tigeranzug, der zwischen Alltag und Fantasie wandert, erinnert größere Lesende unweigerlich an Max aus Maurice Sendaks Bilderbuchklassiker Wo die Wilden Kerle wohnen, der sich als Wolf verkleidet. Hier hören allerdings die Gemeinsamkeiten auf. Während Sendaks Buch innerfamiliäre Konflikte thematisiert und die richtigen Abenteuer erst dann beginnen, wenn Max ohne Abendessen auf sein Zimmer geschickt wird, ist in der Tigerfamilie von Engler und Tourlonias alles überaus harmonisch – vielleicht sogar unrealistisch idealisiert, wenn man kritisch darauf blickt. Der Tigerjunge wird mit seinen Marotten komplett in den Familienalltag integriert. Seine Eltern haben viel Zeit für ihn, ob beim nächtlichen Kuscheln oder beim Basteln und Malen im Wohnzimmer. Sie zeigen sehr viel Verständnis gegenüber ihrem Tigerkind, das manchmal tollpatschig, stürmisch oder motzig ist.

Michael Engler integriert gelungen Alltagsereignisse und "Tigersprache": "Wenn mein Bauch laut vor Hunger rumort, schleiche ich mich ins Haus, um Nahrung zu suchen. In der Küche werde ich schon eine Beute finden." (S. [14]) Joёlle Tourlonias schafft es ihrerseits, Dschungelatmosphäre und häusliche Geborgenheit zusammenzuführen, sodass wie selbstverständlich statt Hocker Felsen in der Küche stehen und die Kinderzimmerwände ohne Übergang in Gebüsch und Bäume reinwachsen. Völlig übergangslos geht das Buch übrigens auch los – kein Vorsatzpapier, kein Nachsatzpapier. Auf der U2 – der Innenseite des Covers –, noch vor dem Titelblatt, beginnt der eigentliche Text des Buches.

Die Illustrationen sind mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet, sodass auch Erwachsene ihre Freude beim Vorlesen haben werden. Die Bilderrahmen, die an der Wand hängen, spielen auf das Tigermotiv an, auch die Lebensmittel auf der Küchenzeile und dem Küchentisch sind entsprechend gewählt.

Fazit

Michael Engler und Joёlle Tourlonias erschaffen in Ich bin ein Tiger eine fantastische Dschungelwelt, in die man hemmungslos eintauchen kann, ohne dabei den Blick für den Alltag zu verlieren. Dieses liebevoll gestaltete und vielseitige Bilderbuch wird kleinen und größeren Lesenden ab drei Jahren viel Freude bereiten. Mit den zahlreichen kleinen Details wie den vier verschiedenen Stofftieren lässt sich auf jeder Doppelseite zusätzlich ein Suchspiel mit kleineren Kindern integrieren, während die größeren Kinder Spaß dabei haben werden, mit dem Tiger den Alltag zu durchleben. Letztere werden sicherlich schon beim zweiten (Vor-)Lesen das "Tigermantra" gerne mitsprechen, das dem Buch einen schönen Rhythmus verleiht.

Aber alle Eltern seien gewarnt: Vielleicht wird die Familie dann auch eines Morgens von wilden Tigerkindern überrascht... Schließlich scheint dieser Tigerjunge auch das Buch Ich bin ein Tiger zu besitzen und gelesen zu haben – selbstreferentiell liegt das Bilderbuch im Kinderzimmer aus. Zu bezweifeln ist jedenfalls, ob alle Familien darauf so großzügig reagieren wie die "Bilderbucheltern" bei Engler und Tourlonias…

Erstveröffentlichung: 31.08.2016


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