von Sabine Planka

Welcher filmaffine Erwachsene kennt ihn nicht: Monsieur Hulot, zum Leben erweckt von Regisseur Jacques Tati, der Hulot auch selbst spielt? Den herrlich unkonventionellen Mann, der den Zuschauer mit den Wahnwitzigkeiten des Alltags konfrontiert und so die Gesellschaft und das Leben in der Stadt aufs Korn nimmt? Was Erwachsene zum Schmunzeln bringt, hat David Merveille nun in wunderbaren Schwarz-weiß-Abbildungen für Kinder ab vier Jahren zu Papier gebracht.

Merveille, David (nach Jacques Tati): Monsieur Hulot am Strand.
NordSüd, Zürich, 2016.
60 Seiten, 16,99 €
ISBN 978-3-314-10338-4.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Monsieur Hulot beschließt, Urlaub am Strand zu machen. Bewaffnet mit Sonnenschirm, Liegestuhl, Tennisschläger, Picknickkorb und Schmetterlingsnetz kauft er zunächst eine Zeitung, bevor er an den Strand geht. Dort angekommen, wird er mit den Widrigkeiten und Absurditäten des Lebens konfrontiert: Er kämpft mit dem Klappstuhl – der Leser wird es kennen –, verliert einen Schuh, den er einer Möwe abzujagen versucht, seine Zeitung wird erst von einem Drachen fortgerissen und dann von einem kleinen Hund gestohlen. Dann verliert er seine Pfeife – neben seinem Hut sein Markenzeichnen – , schläft ein und wird mit seiner Luftmatratze aufs Meer hinaus geschwemmt.

Am Ende wird alles gut – so muss es natürlich sein, denn aus Tatis Filmen wissen wir: Monsieur Hulot ist ein Glückspilz. Zurück an Land gibt er dem völlig verdutzten Zeitungsverkäufer die Zeitung zurück.

Kritik

Sich augenscheinlich auf Jacques Tatis Film "Die Ferien des Monsieur Hulot / Les Vacances de Monsieur Hulot" (1953) beziehend, hat David Merveille ein zauberhaftes Bilderbuch geschaffen, das vollkommen Text auskommt, gleichzeitig jedoch eine unglaublich starke Ausdruckskraft besitzt. Dadurch wird es möglich, den Leser, der wohl eher als Betrachter zu bezeichnen ist, in seinen Bann zu ziehen. Die schwarz-weiß-grauen, zum Teil doppelseitig angelegten Zeichnungen – die sich in Verbindung bringen lassen mit der Schwarz-weiß-Verfilmung von "Monsieur Hulot am Strand" –, entführen den Betrachter ans Meer und lassen ihn Hulots Abenteuer und seine Bekanntschaft mit einem kleinen Jungen und dessen Hund miterleben. Der Kleine begegnet dem Alltag ebenso neugierig begegnet wie Hulot und ist damit genau das Gegenteil von seinem Vater, der das Treiben Hulots grimmig und misstrauisch beobachtet.

Optisch ist Merveilles Monsieur Hulot deutlich angelehnt an das von Jacques Tatis entworfene Bild von Hulot. Merveille hat sich durch Tatis Filme inspirieren lassen und den intermedialen visuellen Transfer einer Figur vom Medium Film in das Medium Bilderbuch geschaffen:

"Jacques Tatis Liebe zum Detail, seine Beobachtungsgabe und der sparsame Umgang mit dem Dialog haben Merveille darin bestärkt, Monsieur Hulot als Bildergeschichte zu entwickeln." (o.P.)

Merveilles ausdrucksstarke Bilder fangen den Betrachter ein und leiten ihn ebenso durch die Geschichte, wie es Tati in seinen Filmen geschafft hat, den Zuschauer zu fesseln. Der Blick und die Liebe zum Detail zeichnen das Bilderbuch aus was nur möglich wird durch die Tatsache, dass Merveille auf der anderen Seite deutlich reduziert und seine Bilder nicht überfrachtet mit 'Informationen': Er verzichtet z.B. darauf, die Straße mit einem Mittelstreifen auszustatten, Sand und Gehweg haben dieselbe Farbe und auch das Meer ist vereinfacht.

Einige Abbildungen erinnern zudem sehr an Karikaturen und Comics: Als Hulot einen Wasserball an den Kopf geworfen bekommt, sind kleine Sternchen als Ausdruck des Schmerzes im Bild zu sehen, einige Bilder sind in Panels angeordnet. Gerade dies ermöglicht das Aufzeigen von komischen Momenten im Leben Hulots: Hulot verliert, als er den Wasserball wegkicken will, seinen Schuh, der dem Ball hinterher fliegt und schließlich von einer Möwe gestohlen wird.

Merveilles Bilder haben zudem z.T. Wimmelbuchcharakter und vereinen zahlreiche Gags, die im Film nacheinander zu sehen sind, beispielsweise wenn Monsieur Hulot aufs Dach des Hotelcafés klettert, um seinen Schuh wiederzubekommen, den die Möwe mittlerweile als Nest benutzt. Die Pyramide, auf der er steht und die aus einem Tisch – dessen Fuß gefährlich schräg auf einer Stufe steht –, drei Stühlen und einem Tablett besteht, und die gefährlich zu schwanken scheint, steht direkt vor der Tür zum Hotelcafé, durch die gleich ein Kellner kommen wird, die Hand hat er schon an das Fensterglas gelegt, um die aufzustoßen – der Leser ahnt schon, dass der Kellner die Pyramide umstoßen wird, Monsieur Hulot sich vorher jedoch noch aufs Dach retten kann.

Die anderen Figuren überzeugen ebenfalls. Der kleine Junge, dessen Familie Monsieur Hulots Weg ständig kreuzt, wird zu einem Begleiter für Hulot: Mal spielen beide Tennis, dann findet er Monsieur Hulots Pfeife und schlussendlich baut er um den Zeitung lesenden Hulot eine Sandburg samt Graben. Dass sich beide sympathisch finden und Hulot der kleine Junge überhaupt nicht lästig wird, wird auf visueller Ebene verdeutlicht durch die schwarz-weißen Streifen, die der Junge auf der Badehose und Hulot auf seinem altmodischen Badeanzug trägt. Beide scheinen, so mag eine mögliche Interpretation lauten, das Leben so zu nehmen, wie es ist und lassen sich durch Unwägbarkeiten nicht abschrecken.

Die Besonderheit von Merveilles Buch: Es kommt komplett ohne Text aus. Nicht ein gesprochenes (oder besser: gedrucktes) Wort unterbricht die Kontinuität des Bildflusses, so dass der Betrachter auch länger bei einzelnen Bildern verweilen kann und sich nicht hetzen lassen muss durch den Text, der die Geschichte weitererzählt und vorantreibt – und ein Bild womöglich zum 'Begleittext' werden lässt. Die Bilder stehen im Fokus und erzählen die Geschichte, der Betrachter bestimmt das Tempo, kann das Geschehen verfolgen und in die einzelnen Szenen eintauchen und Details entdecken.

Fazit

Monsieur Hulot ist unvergesslich, ist Kulturgut, ist das Hinweisschild auf die alltäglichen, komplizierten Absurditäten, denen wir alle uns immer wieder aussetzen – und über die wir uns im Alltag eher ärgern, als sie mit einem Schmunzeln zu quittieren.

Merveille gelingt es in seinem Bilderbuch hervorragend, diesen filmischen Schatz Jacques Tatits jungen Lesern ab vier Jahren zugänglich zu machen. Auch Erwachsene werden an dem charmanten Bilderbuch ihre Freude haben: Der ein oder andere wird sich hoffentlich animiert fühlen, Tatis Filme (noch einmal) zu schauen, um die Leichtigkeit des Lebens wiederzufinden – und nicht alles so ernst und trocken zu sehen.


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