von Mirijam Steinhauser

Seltsame Dinge geschehen auf einmal über Nacht im grauen Grimlochweg: Irgendjemand beschneidet die Bäume der Gegend so kunstvoll, dass sie morgens wie Tiere aussehen. Der Waisenjunge William geht der Sache auf den Grund, entdeckt den Gartenkünstler und beginnt, selbst einer zu werden.

Fan, Eric (Text); Fan, Terry (Bild): Der Nachtgärtner.                                                                                               A. d. Englischen von Edmund Jacoby.
Jacoby & Stuart, Berlin, 2016.
48 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-946593-03-4.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Eines Morgens bemerkt William eine ungewohnte Unruhe vor dem Fenster seines Waisenhauses. Wie von Zauberhand ist über Nacht aus einem einfachen Laubbaum eine Eule geworden. Er ist fasziniert von dieser Entdeckung, der weitere folgen: Jeden Morgen ist ein Baum in der Umgebung so beschnitten, dass er wie ein Tier aussieht. Immer mehr Menschen kommen, um die Kunstwerke anzusehen. Die einst graue Straße verändert sich zum besseren, einmal wird dort bis nach Sonnenuntergang gefeiert. Danach bemerkt William auf dem Heimweg einen älteren Herrn mit Leiter und anderen seltsamen Utensilien. Der Junge folgt ihm in den Grimloch-Park und erkennt, dass es sich um den Nachtgärtner handelt. Beim Beschneiden der Parkbäume darf William in dieser Nacht helfen. Als Geschenk lässt ihm der geheimnisvolle Gärtner eine Baumschere zurück. Als der Winter einkehrt, ist der Nachtgärtner fast vergessen, aber die kleine Stadt und ihre Menschen haben sich gewandelt. Und William tritt in die Fußstapfen des Baumschnitt-Künstlers.

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Kritik

Der Nachtgärtner ist die geheimnisvoll-fantastische Geschichte eines elternlosen Kindes, das durch die eigene Neugier und Begeisterung sowie die liebevolle Anleitung eines kreativen Erwachsenen zu sich selbst findet. Daneben kann es auch als Hommage an die verändernde Wirkmacht der Kunst und der Phantasie gelesen werden.
Der Text des Buches ist dabei denkbar knapp, die Bilder dürfen erzählen, was möglich ist. Das Setting des Buches und die Kleidung der Figuren sind überwiegend viktorianisch. Darin gibt es aber Brüche: Eine zerbeulte Getränkedose liegt im Rinnstein, ein motorisierter Eiswagen wirkt anachronistisch. Die Bilder zeigen die Veränderungen von Menschen und Umgebung, die das Erscheinen des Nachtgärtners mit sich bringt, vor allem durch eine zunehmende Farbigkeit auf. Eine besonders schöne Bildfolge veranschaulicht den Lauf der Jahreszeiten: Dreimal sind die zu Tieren verwandelten Parkbäume aus der gleichen Perspektive zu sehen, in vollem Grün, herbstlich und blattlos im Winter. Damit wird zugleich die Abwesenheit des Nachtgärtners verbildlicht.
Die Paratexte des Buches sind wesentlich für das gestalterische und narrative Konzept des Buches: Das Cover mit seiner silbern geprägten Schrift gibt gleich einen Eindruck von der nächtlich-magischen Atmosphäre der Geschichte. Die Vorsatzpapiere, von zarten vogelbesetzten Ranken bedeckt, wirken altmodisch und stimmen so mit dem Setting überein. Die Impressums-, Widmungs- und Innentiteldoppelseiten sind vollformatig illustriert und als eine Art Vorspann zu interpretieren. Wer genau hinsieht, kann entdecken, dass William und der Nachtgärtner sich schon einmal begegnet sind: Auf der Widmungsseite zeichnet der Junge eine Eule auf den Boden, die den Gärtner zu seiner ersten Baum-Kreation inspiriert.

Fazit

Den beiden Brüdern Terry und Eric Fan ist mit Der Nachtgärtner ein Bilderbuch gelungen, das den Rezipienten in eine geheimnisvolle Stimmung versetzt. Kindern ab ca. fünf Jahren wird es auch deshalb gefallen, weil sie darin großer Zuversicht begegnen: Mit Interesse und Geduld kann man jemanden finden, der einen bei der Entfaltung seiner Begabungen unterstützt, und so zugleich seine Umgebung positiv beeinflussen.


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