von Mirijam Steinhauser

Wo die Geschichten wohnen ist ein Meisterwerk zweier Buchkünstler, eine Hommage an das Lesen und die Fantasie, ein Augenschmaus aus verspielten Zeichnungen und typografischen Zitat-Landschaften. Bibliophile werden es lieben, lesefreudige Kinder vielleicht auch.

Jeffers, Oliver; Winston, Sam: Wo die Geschichten wohnen.             A. d. Englischen von Brigitte Jakobeit.
mixtvision, München, 2016.
40 Seiten, 14,90 €
ISBN 9783-95854-092-7.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

Der Plot ist schnell erzählt: Ein kleines Mädchen segelt mit seinem Floß über ein Meer aus Wörtern, um einen Jungen zu erreichen. Sie nimmt ihn mit auf eine fantastische Reise: Gemeinsam klettern sie über Berge aus Märchen, verlieren sich in Zauberwäldern und schlafen in Wolken aus Musik. Sie haben ihre Welt aus Geschichten gebaut und leben in einem Hort der Erfindung, "in dem jeder willkommen ist, denn Fantasie ist frei" (o. P.).

Kritik

Nach Der unglaubliche kleine Bücherfresser (2012) legt der bekannte Autor-Illustrator Oliver Jeffers (Der Weg nach Hause, 2008), diesmal gemeinsam mit dem Buch-Künstler Sam Winston, wieder ein Bilderbuch vor, das sich der Liebe zum Lesen, zur Sprache und zur Fantasie verschrieben hat. Während das Bücherfresser-Buch sich in humorvoller und für Kinder zugänglicherer Weise mit dem Thema befasst, ist Wo die Geschichten wohnen eine komplexe poetische Hommage an Klassiker der Kinderliteratur und die Kraft der eigenen Vorstellungsgabe. Das Bilderbuch besticht weniger durch die schlichte Handlung, die keine größere Spannung beinhaltet, sondern eine Ode auf die Fantasie und das Lesen ist, als durch die gelungenen bildnerisch-typografischen Kompositionen: Die Doppelseiten enthalten neben dem knappen Text in der für Jeffers typischen scheinbar kindlichen Handschrift figurative Zeichnungen, in denen die landschaftlichen Bestandteile – nach Art der konkreten Poesie – aus Zitaten bestehen: So setzt sich das "Meer aus Wörtern", über das die gezeichnete Mädchenfigur im Matrosenkleid segelt, aus Textauszügen von Klassikern wie Gullivers Reisen, Pinocchio oder Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer zusammen. Die Baumstämme im Zauberwald sind gebildet aus fotografierten Buch-Vorderschnitten; die Äste sind aus Märchenzitaten geformt. Die "Wolken aus Musik", auf denen die Figuren ruhen, bestehen aus Schlaflied-Strophen klassischer Schlaflieder wie Weißt du, wie viel Sternlein stehen oder Der Mond ist aufgegangen.
Einen Überblick über die enthaltenen Zitate geben die Vorsatzblätter, die, nach den einzelnen Landschaften sortiert, sämtliche Texte und deren Autoren enthalten. Die Zitate wurden im Zuge der Übersetzung an den deutschen Kanon angepasst. So hat man etwa bei den Schlafliedern nicht die englischen Klassiker übernommen, sondern deutsche Entsprechungen gefunden. Auch der Einband zeigt sofort, dass hier viel Wert auf eine erstklassige Präsentation des Buches gelegt wurde: Die Vorderseite zeigt die junge Protagonistin, die auf einem roten Buch mit einem Schlüsselloch in Goldprägung sitzt. Der Schatten des Buches besteht aus Textanfängen der im Buch enthaltenen Klassiker. Die Rückseite von Wo die Geschichten wohnen bildet den passenden Schlüssel zum Buch ab.
Die Entstehung des Gemeinschaftsprojektes, das im englischen Original unter dem Titel A Child of Books erschien und das 2017 mit dem wichtigen Bologna Ragazzi Award for Fiction bedacht wurde, erstreckte sich auf fünf bis sechs Jahre. Oliver Jeffers trug die gemalten Bildbestandteile bei, Sam Winston schuf die typografischen Landschaften aus Klassikern der Kinderliteratur und Wiegenliedern (vgl. zum Entstehungsprozess ein Interview mit beiden Künstlern im Guardian vom 30.3.2016).
Auch wenn Wo die Geschichten wohnen sicher überwiegend bibliophile Erwachsene anspricht – der deutsche Verlag bewirbt es als "das perfekte Geschenk für alle Büchermenschen" (Mixtvision Verlag) – so lassen sich doch auch familiäre und didaktische Zusammenhänge denken, in denen es daneben für Kinder ab dem Grundschulalter anregend werden kann. Es könnte zum Beispiel zum Austausch von Lesevorlieben zwischen Kindern und Erwachsenen führen und im Unterricht oder in Leseclubs zur Erstellung eigener Lese-Landschaften aus Lieblingsbüchern bzw. -texten animieren (vgl. zum didaktischen Potenzial des Buches auch die englischsprachige Lehrerhandreichung).

Fazit

Wo die Geschichten wohnen ist ein faszinierendes Gesamtkunstwerk für Buchliebhaber, möglicherweise auch für lesebegeisterte Kinder ab ca. acht Jahren, das die Kraft der Poesie in den Mittelpunkt stellt und in wunderschönen Bild-Landschaften umsetzt.


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