von Anna Zamolska

Die Märchenillustrationen von Felicitas Kuhn und Gerti Mauser-Lichtl haben Generationen von Kindern begleitet und ihren Durst nach bunten, harmonischen und detailreichen Bildern gestillt.
Nun wurden die in den 1960er Jahren erstmals publizierten Einzelbände 2014 in zwei Bänden neu aufgelegt und wecken auch heute Bewunderung – die präzisen und künstlerisch anspruchsvollen Aquarelle warten noch immer auf größere Beachtung vonseiten der Kinderliteraturforschung.

Brüder Grimm: Märchen der Brüder Grimm.
Esslinger, Stuttgart 2014.
136 S., 10,00 €
ISBN 978-3-480-23185-0

 

 

 

Inhalt

In der aktuellen gebundenen Bilderbuchausgabe werden sieben der bekanntesten Grimm-Märchen nacherzählt: Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Dornröschen, Die Bremer Stadtmusikanten, Der Wolf und die sieben Geißlein und Aschenputtel.

Betont werden in dieser Märchenausgabe die Bilder: Sie stehen im Zentrum, nicht der Text. Dennoch sind die Märchen den Originalfassungen der Kinder- und Hausmärchen nahezu gänzlich entnommen: Die Sprache wurde dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, sodass sie Kindern verständlich ist. Außerdem wurden einige wenige Einschübe im Stil des Originals vorgenommen, die einerseits verbindende Elemente zwischen neuen Handlungsabschnitten schaffen und andererseits die Natur und Waldtiere personifizieren und dem kindlichen Leser näher bringen. Der Leser wird somit durchaus mit einer stark werkgetreuen Fassung konfrontiert und damit bereits in jungem Alter auf die spätere Lektüre des Originals vorbereitet. Ganz in der Tradition der Bilderbücher für die Kleinsten könnten die Zeichnungen ebenso gut ohne den Text stehen und die Geschichte dennoch vollständig wiedergeben.

Die Illustrationen, die den Großteil der Seiten einnehmen, stellen einfache Schlüsselszenen der erzählten Märchen dar. Felicitas Kuhn, die zum Beispiel Rotkäppchen illustrierte, liefert sehr ausgefeilte und detailreiche Bilder, die als Aquarelle Kinderzimmer schmücken könnten. Sie nimmt sich Zeit für Nebensächliches, lässt den kindlichen Betrachter sehr viele kleine Geschichten in der Geschichte selbst entdecken und achtet auf Logik (das Haus der Großmutter wird in drei verschiedenen Perspektiven und aus unterschiedlicher Entfernung gezeigt). Die Details nehmen den Leser auf eine Reise durch die Kostüm- und Kulturgeschichte mit.

Mauser-Lichtl hingegen arbeitet einfacher und stellt den jungen Leser nicht vor vollendete Linien. In Schneewittchen bildet sie etwa vor allem die schwarzhaarige Prinzessin auf ihren verschiedenen dramatischen Wegetappen ab, meist umringt von den sieben Zwergen, sodass die Bilder sehr unruhig wirken – dieser Eindruck wird durch die gemischte Auf- und Frontalsicht noch verstärkt. Schneewittchen nimmt den meisten Raum ein und wird so eindeutig als zentrale Figur hervorgehoben.

Kritik

Wie auch in den älteren Pestalozzi-Ausgaben, in denen in den 1970er Jahren Bilder der beiden Künstlerinnen Felicitas Kuhn und Gerti Mauser-Lichtl erschienen, wird auch in dieser Ausgabe den Märchen lediglich die kurze Bemerkung vorangestellt, dass die "Bilder von Felicitas Kuhn und Gerti Mauser-Lichtl" seien. Welche Märchen nun aus der Feder der jeweiligen Künstlerin stammen, bleibt dahingestellt. Vermutlich zeugt diese Ungenauigkeit nicht von der Unprofessionalität des Verlages, sondern ist dem Umstand zuzuschreiben, dass bereits in den älteren Ausgaben keine genauen Trennungen unternommen wurden und der Verlag heute weiterhin keine Zuordnung vornehmen kann. Nach Meinung der Rezensentin stammen alle Illustrationen dieser Märchenausgabe von Felicitas Kuhn mit Ausnahme des Märchens Schneewittchen, das ganz eindeutig Gerti Mauser-Lichtl zuzuschreiben ist. Die Künstlerinnen schufen ihr Werk in derselben Zeit und kamen vermutlich von derselben graphischen Schule, daher ist es nachvollziehbar, ihre Bilder in einem Band zu veröffentlichen. Allerdings wäre eine ausgewogenere Aufteilung der illustrierten Märchen nach der jeweiligen Künstlerin wünschenswert oder eine gänzlich getrennte Auflage der Märchenillustrationen von Kuhn und Mauser-Lichtl. Damit würde dem einstigen ungenauen und nicht vollends richtigen Umgang der Verlage mit den Künstlernamen ein Ende gesetzt.

Dieser Märchenband bildet den Auftakt zu einer Reihe von teilweise bearbeiteten Neuauflagen anderer Bilderbücher von Felicitas Kuhn: Bislang erschienen sind Märchen der Brüder Grimm, Band 2 (2015, zusammen mit Illustrationen von Anny Hoffmann), Meine schönsten Kindermärchen (2015), Mein liebstes Weihnachtsbuch (2016), Hoppe, hoppe Reiter. Die schönsten Kinderreime und -lieder (2016) und Mein Mal- und Rätselbuch mit Stickern (2016). 2017 erschienen das Osterbuch Osterhas, bring uns was! Oster- und Frühlingsreime und ein weiteres Malbuch mit Stickern. Im August 2017 erscheint ein umfangreicher Band von 112 Seiten mit klassischen Gute-Nacht-Geschichten wie Der kleine Häwelmann unter dem Titel Das Sandmännchen ist da!.

Felicitas Kuhn und Gerti Mauser-Lichtl illustrierten seit den 1950er Jahren Bücher, vorrangig Märchen, für Vorschulkinder. Beide Illustratorinnen werden bis heute von der Literatur- und Bilderbuchwissenschaft nicht ernst genommen, obwohl sie über Jahrzehnte Erfolg beim Publikum hatten. So sind auch kaum biographische Anhaltspunkte zu den Illustratorinnen vorhanden. Zu Mauser-Lichtl ist nichts bekannt, zu Kuhn gibt es immerhin einen Eintrag im Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur (im 2. Band Illustratoren, Wien: Buchkultur, 1994. S.48f.). Diesem Eintrag ist zu entnehmen, dass Kuhn (*3.1.1926 in Wien) an der "Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt" in Wien studiert und 1948-1956 zur Zeitschrift Die Wunderwelt Illustrationen beigesteuert hat. Neben Kinder- und Bilderbüchern, die in 15 Ländern herausgebracht wurden, hat sie viele Spiele (hauptsächlich Kartenspiele) gestaltet. Während ihre frühen Illustrationen noch mit den Arbeiten anderer Künstler verwechselt werden können, wie beispielsweise die 2014 neu aufgelegten Pappbilderbücher Schneewittchen oder Hänsel und Gretel (Text von Svenja Nick), sind ihre späteren und heutigen Arbeiten unverwechselbar und einzigartig. Vor allem das Kindergesicht mit den halbmondförmigen Augen ist zu ihrem Markenzeichen geworden, so ähnlich wie bei Ilon Wiklands Kindergesichtern. Hier lässt sich somit eine Stilentwicklung feststellen, die mindestens zwei Phasen im Schaffen der Künstlerin wahrnehmen lässt. Die Märchen der vorliegenden Ausgabe gehören in die zweite spätere Phase, in der Kuhns Stil bereits gereift und unverwechselbar ist.

Felicitas Kuhn kombiniert in ihren Bildern die einfachen Formen Dreieck, Kreis, Viereck, mit denen kleine Kinder zuerst spielen und die sie als Erstes erkennen lernen. Ihren Stil bestimmen aussagekräftige Gesichter, Farben und Kompositionen: Sie arbeitet sehr stark mit Komplementärfarben, wählt warme und klare Farbtöne, die eine harmonische Farbpalette ergeben und das bunte Gesamtbild nicht überladen erscheinen lassen – im Gegenteil: Ihre Farbwahl ist bereits eine erste Schulung in Ästhetik.

Anhand ihrer Bilder bekommen Kinder einen ersten Einblick in kulturelle und geschichtliche Bereiche wie Kostümgeschichte und Traditionen, Kulturgeschichte und Haushalt. Ihr Stil ist nicht naturalistisch und doch können Kinder einzelne Haarsträhnen erkennen, Knöpfe zählen, Blumen- und andere Pflanzenarten entdecken. Charakteristisch für ihren Pinselstrich ist die zweidimensionale Darstellungsform, wobei sie sich auf Details der Figur konzentriert, Frisur und Kleidung sind präzise dargestellt und ausgearbeitet.

So wie Kinder immer denselben Wortlaut der Märchen hören möchten, verlangen sie bei den Bildern die Darstellung der Schlüsselszenen und wichtigsten Figuren, klar dargestellte Emotionen der Charaktere und Verweise auf "alte Zeiten", d. h. Kostüme und Lebensumstände voriger Jahrhunderte. Kuhn und Mauser-Lichtl erfüllen diese Bedürfnisse.

Gerti Mauser-Lichtl ähnelt in ihrem Stil dem Kuhns, allerdings sind ihre Menschengestalten einfacher gezeichnet und nicht immer eindeutig Mauser-Lichtl zuzuordnen. Sie weisen nur wenige auffällige Merkmale auf, die sie von anderen Künstlern klar abgrenzen ließe. Ihren Stil hat Mauser-Lichtl vorrangig durch Tier- oder Zwergenzeichnungen herausgebildet, die immer eindeutig ihrer Feder zuzuordnen sind und durch Originalität hervorstechen. Bezeichnend für ihre Arbeiten ist, dass sie an Malbücher erinnern: Sie konturiert alles schwarz (auch einzelne Schneeflocken) und benutzt kräftige Farben.

Fazit

Für Sammler und Liebhaber von Felicitas-Kuhn-Bilderbüchern lautet die freudige Nachricht, dass ihre wunderbar feinsinnigen und künstlerisch ausgearbeiteten Bilder nun wieder in höchster Qualität und schöner Aufmachung nachgedruckt werden – nach den sechs Publikationen der letzten Jahre zu schließen, bahnt sich eine ganze Reihe von Kuhn-Bilderbüchern an. Die anspruchsvoll und sorgfältig redigierten Märchentexte der Brüder Grimm gepaart mit den Illustrationen von Gerti Mauser-Lichtl und (mehrheitlich von) Felicitas Kuhn machen diese Ausgabe zu einem besonderen Märchenbuch für Vor- und Grundschulkinder: Hier vollzieht sich eine erste Schulung in Ästhetik, Kultur- und Kostümgeschichte, die man nicht einfach mit dem Begriff "nostalgisch" oder "altbacken" abtun kann. Es wäre schade, Kindern heute den Stil der Wiener Schule, der mit Kuhn eine seiner größten Blüten hervorgebracht hat, vorzuenthalten.

Literatur

Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. 2. Band Illustratoren. Wien: Buchkultur, 1994, S. 48f.

Internet

gut sortiertes Angebot von einem Online-Antiquariat mit einigen biographischen Angaben zu Felicitas Kuhn:
www.detlef-heinsohn.de/bb-kuhn.htm (26.02.2017)

Erstveröffentlichung: 15.5.2017

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