von Sabine Planka

Rosmarinchen ist eine Fee – und will doch eine Hexe sein! Sie tauscht das Schloss in den Wolken mit dem düsteren Hexenwald und lernt ein neues Leben kennen. Am Ende beschließt sie, dass sie mal eine Fee und mal eine Hexe sein will. Ein wunderbares Bilderbuch für LeserInnen ab vier Jahren, das von Unabhängigkeit, vom Loslassen und von der Liebe zwischen Müttern und Töchtern handelt.

Cneut, Carll (Bild)/Minne, Brigitte (Text): Hexenfee.
A. d. Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf.
Bohem, Münster, 2016.
48 Seiten, 24,95 €
ISBN 978-3-95939-047-7.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Rosmarinchen lebt zusammen mit ihrer Mama auf einer Wolke in einem Luftschloss mit goldenen Türmen. Zum Geburtstag bekommt sie einen Zauberstab – und will doch lieber Rollschuhe haben, die sie jedoch nicht bekommt, ebenso wenig wie sie auf einem Boot fahren darf. Rosmarinchen will wild und frei und keine Fee mehr sein. Sie will eine Hexe sein, denn die dürfen sich schmutzig machen, krümeln und kleckern, Boot fahren, schreien und schallend lachen. Rosmarinchen hält an ihrem Wunsch fest – und ihre Mama sagt konsequent, dass Hexen im Hexenwald wohnen. Rosmarinchen zieht in den Hexenwald – und ist glücklich, denn hier darf sie Rollschuh laufen, Boot fahren und lernt das Fliegen auf einem echten Hexenbesen. Doch ihre Mama vermisst sie und Rosmarinchen vermisst auch ihre Mama. Am Ende beschließen sie: Wenn Rosmarinchen eine Fee ist, wohnt sie mit ihrer Mama auf der Wolke in dem Schloss mit den goldenen Türmen. Und wenn sie eine Hexe ist, ziehen sie gemeinsam in den Hexenwald.

Kritik

Carll Cneut hat mit der vorliegenden Version von Hexenfee eine wunderbare Neuausgabe der Geschichte geschaffen, die bereits 2006 in einer ersten Version erschienen ist. Kontrastreich und detailverliebt entführen Cneut und Minne ihre Leser in das rosafarbene, fluffig leichte Reich der Feen und anschließend in das dunkelgrüne, düstere und dann doch wieder üppig blumig-bunte Hexenreich. In beiden Welten fühlt sich Rosmarinchen zu Hause, vor allem in der neuen Hexenwelt wird Rosmarinchen herzlich aufgenommen.

Die Bilder, mitunter ganzseitig koloriert, dann wieder nur mit einzelnen Bildversatzstücken, die den Text umrahmen, sprechen ihre eigene Sprache und präsentieren sich als äußerst detailverliebt: Ein üppiges Blumenmeer überwältigt den Leser – man sollte wohl besser: Betrachter sagen – eröffnet bei genauerem Hinsehen viele Details und lässt geöffnete und geschlossene Blütenkelche und einzelne Blütenblätter erkennen. Die kleine Hexenfee jedoch verschwindet in ihrem rosa Kleidchen inmitten der Blumenvielfalt, so dass fast der Eindruck eines Wimmelbildes entsteht, in dem Rosmarinchen erst gefunden werden will.

Bringt man ihr in der Welt der Feen bei, wie sich eine Fee zu benehmen hat – artig sein, nicht kleckern, Geschichten erzählen –, so zeigen ihr auch die Hexen, wie sich Hexen benehmen: Sie lernt hier all die Dinge, die sich in der Welt der Feen nicht gehören. Und doch vermisst sie das Reich der Feen und schließlich auch ihre Mama und schafft es schließlich, in beiden Welten zu leben: Wenn sie eine Fee sein will, lebt sie mit ihrer Mama im Schloss mit den goldenen Türmen, wenn sie eine Hexe sein will, zieht sie mit ihrer Mama in den Hexenwald. Das Erlebnis, einen Kompromiss gefunden zu haben, mit dem Rosmarinchen und ihre Mama leben können, spiegelt sich in Rosmarinchens Gesichtsausdruck wider: Während sie sowohl im Reich der Feen immer leicht bekümmert wirkt und diesen Gesichtsausdruck bei aller Freiheit auch im Reich der Hexen nicht ablegen kann, so strahlt sie doch richtig gehend als sie mit ihrer Mama gemeinsam auf dem Hexenbesen schlussendlich als Hexenfee durch den Wald der Hexen düsen darf. Cneut ist es gelungen, aufs Feinste diese emotionale Veränderung in Rosmarinchens Gesicht einzufangen und das Glück von Mutter und Tochter zu verbildlichen.

Cneut und Minne zeigen somit mit ihrer Geschichte, dass man zum einen das tun und erreichen kann, was man wirklich will, wenn man richtig überzeugt davon ist und auch bereit ist, Kompromisse einzugehen. Andererseits zeigt die Geschichte damit einhergehend, dass es manchmal lohnenswert ist, sich auf Neues einzulassen – wie im Falle von Rosmarinchens Mama –, um Neues zu lernen und kennenzulernen und um Vorurteile überwinden zu können.

Dass dabei Welten und zugleich unterschiedliche Weltauffassungen aufeinanderprallen können, stellt sich nur in einem ersten Moment als Hürde dar, die zu überwinden unproblematisch möglich ist. Und genau das ist es, was schließlich nicht nur Rosmarinchens Horizont erweitert, sondern auch den ihrer Mama – allerdings nicht ohne Streitigkeiten: Rosmarinchen schreit mehr als einmal herum und auch die Mutter ist böse und erklärt, dass man nicht als Hexe unter Feen leben kann. Sprachlich nähert sich Minnes Geschichte somit der Lebenswirklichkeit des Lesers an, der sicherlich auch den einen oder anderen Streit in der Familie erlebt hat.

Gleichzeitig wird hier auch eine Geschichte von Unabhängigkeit erzählt, von Selbsterprobung, von kleinen Streitigkeiten, vom Austesten von Grenzen und von Eigensinnigkeiten. Vor allem aber ist es eine Geschichte vom Loslassen können und Gehen wollen, vom Entdecken und von neuen Erfahrungen, ganz besonders aber vom Liebhaben, die Cneut in wunderbaren Bildern erzählt. 

Fazit

Cneut ist mit dieser Version seines modernen Feen- und Hexenmärchens Hexenfee eine wunderbare Neuausgabe gelungen, die Leser ab vier Jahren einfängt und mitzieht und die Gefühlswelt von Rosmarinchen und ihrer Mutter miterleben lässt. Leider ist der Preis von 24,95 €  für ein Bilderbuch jedoch recht hoch und dürfte Käufer abschrecken, was angesichts der wunderschönen Bilder und der überzeugenden Geschichte mehr als schade ist.


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