von Dr. Philipp Schmerheim

Der letzte gemeinsam von Goscinny und Uderzo erdachte Asterix-Band ist ein Feuerwerk an Wortwitz und charmanten Gags. Zum 40. Todestag Goscinnys bringt der Egmont Ehapa Verlag nun eine limitierte Sonderausgabe von Asterix bei den Belgiern heraus, die auf 16 Extraseiten Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte des Belgien-Abenteuers enthält.

Goscinny, René / Uderzo, Albert: Asterix bei den Belgiern. Limitierte Sonderauflage.
Egmont Comic Collection, Köln, 2017.
64 Seiten, 6,90 € (Softcover), 12,00 € (gebunden)
ISBN 978-3-7704-3987-4.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

Unter allen Gallierstämmen sind die Belgier die tapfersten: Dieser Ausspruch Caesars, den Asterix und Obelix zufällig bei einer Prügelei mit frisch aus Wallonien eingetroffenen römischen Legionären aufschnappen, bringt den Dorfhäuptling Majestix auf die Palme. So sehr, dass er mit Asterix und Obelix kurzerhand nach Belgien aufbricht, um den Stammesvettern zu zeigen, dass in Sachen Tapferkeit niemand den Kelten das Wasser reichen kann. Im belgischen Flachland angekommen, begegnen die drei Wanderer aus Aremorica schnell den Belgierhäuptlingen Stellartoix und Egmontix, die sich auf eine Wette einlassen. Sie wollen herausfinden, wer nun der Tapferste ist: Während Majestix und Co. die Römerlager im Norden des Dorfes ausheben, kümmern sich die Belgier um die Lager im Süden. Natürlich endet dieses Wettprügeln unentschieden. Es ruft allerdings Julius Caesar auf den Plan, der aus Rom anreist, um die Störenfriede in einer Entscheidungsschlacht in die Schranken zu weisen. Dies ist für die Gallier ein willkommener Anlass, den römischen Imperator als Schiedsrichter in der Sache zu vereinnahmen.

Kritik

Als René Goscinny im November 1977 bei einer Routineuntersuchung an einem Herzinfarkt stirbt, bricht für Albert Uderzo eine Welt zusammen: 26 Jahre hatte ihn sein kongenialer Partner und Szenarist auf einer der weltweit erfolgreichsten Comic-Karrieren begleitet. Das Szenario von Astérix ches les Belges ist zu diesem Zeitpunkt zwar bereits vollendet, die letzten sieben Seiten muss Uderzo allerdings noch zeichnen. Erst unter Androhung von Konventionalstrafen seitens des Verlegers stellt Uderzo den Band schließlich fertig, der dann 1979 erscheint.

Der narrative Rahmen von Asterix bei den Belgiern ist ebenso schlicht wie brillant: Auslöser der Handlung ist das berühmte Zitat aus dem vierten Satz von Caesars De Bello Gallico: „Horum omnium fortissimi sunt Belgae“ – von allen [Gallierstämmen] sind die Belgier am Tapfersten. Aus dem Gedankenexperiment, wie wohl der stolze Kelte Majestix (im Original: Abraracourix) auf diese Einschätzung reagieren würde, ergibt sich der Ruf des Abenteuers, dem die Comichelden im 24. Asterix-Band folgen. Beantwortet werden soll die Caesarische Herausforderung natürlich – wie so oft im Asterix-Universum – mittels einer Wette. Das Resultat sind aberwitzige Wortduelle, ein lustvolles Spiel mit intertextuellen Verweisen und opulente Schlachtengemälde innerhalb und außerhalb der wenig haltbaren Römerlager. Mittendrin stranden die bemitleidenswerten Piraten, die diesmal eher zufällig zum Opfer der Obelix’schen Zerstörungswut werden und fortan mit den kläglichen Überresten ihres Piratenschiffs als „Neutrale“ durch die Lande ziehen, um – natürlich erfolglos – Entschädigung einzufordern.

Auffällig ist, wie offen Goscinny und Uderzo diesmal auf eine auch nur annähernd komplexe Dramaturgie verzichten – Asterix bei den Belgiern lebt von den Wortspielen, von den zahlreichen skurrilen Situationen und Begegnungen und von der extremen Vermenschlichung aller Figuren: So lernen wir einzelne römische Soldaten kennen, die mal mehr, mal weniger verbeult ihren Dienst als Grenzsoldaten ableisten, sich nach der üblichen Tracht Prügel namentlich bekannt machen und Brüderschaft mit den Barbaren trinken wollen.

Auf die Spitze getrieben wird der satirische Umgang mit Gestalten und Aussprüchen des ehrwürdigen Altertums in der Figur des Caesar, der in Asterix bei den Belgiern als in seinen eigenen Heiligenstatus verliebter Machtpolitiker erscheint. Caesar tut sich auf dem Zenit seiner Macht offensichtlich schwer damit, seine öffentliche Persona einschließlich erlauchter Zitatenschwere aufrechtzuerhalten. Zu leicht verliert er jedenfalls diesmal die Contenance, wenn nicht alles nach seinen Wünschen verläuft und etwa die Senatskollegen lieber die Probleme der pisanischen Brassica(Kohl)-Bauern erörtern wollen, anstatt dem Bericht des Sondergesandten über marodierende Barbarenhorden im doch erst jüngst vom größten Feldherrn aller Zeiten eroberten Gebiet zu lauschen. Kein Wunder, dass Goscinna und Uderzo die Senatsschreiber darauf verzichten lassen, der Nachwelt mitzuteilen, wohin sich Caesar zufolge der werte Senatskollege seine Brassica stecken könne.

Diese Verspieltheit zeigt sich auch in den für Asterix’sche Auslandsabenteuer obligatorischen intertextuellen Bezügen auf kulturelle Eigenheiten und Stereotype im Gastland: So lernen Asterix und Obelix das Manneken Pis kennen, dessen Harndrang offenbar daraus resultiert, dass es zu oft heimlich am Bier des Vaters nippt; ein herrenlos im Römerlager stehender kochender Ölkessel bringt Stellartoix auf die Idee, Kartoffeln zu frittieren und das erste von diesmal zwei Wildschweinbanketten wird von Uderzo kurzerhand als ganzseitige Parodie auf das berühmte Gemälde Die Bauernhochzeit von Brueghel dem Älteren dargestellt.

Ein wunderbarer Leitfaden zu dem geradezu postmodernen Verweisspiel dieses Asterix-Bands findet sich auf den 16 Sonderseiten, die sich den Quellen der Wortspiele widmen und die Namen der belgischen Comicfiguren aufschlüsseln. Sie skizzieren auch die besondere Verbundenheit der beiden Asterix-Erfinder zu Belgien – schließlich unternahmen beide in Brüssel die ersten Karriereschritte – und geben einen Einblick in den Produktionsprozess vom Szenario zur Zeichnung. Dabei wird auch der anachronistische Umgang mit den Stationen von Caesars Eroberungsfeldzug durch Europa angesprochen. Wie schon bei den anderen Sonderausgaben finden sich wieder Reproduktionen einzelner Entwurfsseiten, die detaillierte Einblicke in die Arbeitsweise der Asterix-Erfinder ermöglichen.

Fazit

Die Sonderausgabe von Asterix bei den Belgiern lohnt sich für Asterix-Liebhaber ebenso wie für Kinder ab etwa sieben Jahren, die erst noch in die Welt der unbeugsamen Gallier eintauchen wollen. Die Zeichnungen sind klar und sauber reproduziert und die treffend zusammengestellten Zusatzinformationen ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen, den man mit den gewöhnlichen Ausgaben nicht erhält.


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