von Simone Anna Stefan

Ein Mädchen schlüpft in einem Rabennest aus einem Ei. Ein seltsamer Beginn. Kann ein Menschenkind unter Vögeln aufwachsen? Obwohl hier zwei Welten aufeinander zu prallen scheinen, liefert Helga Bansch ein in Text und Bild unaufgeregtes Buch.

Bansch, Helga: Die Rabenrosa.
Jungbrunnen, Wien, 2015.
32 Seiten, 15 €
ISBN 978-3-7026-5874-8.
Empfohlen von 3-6 Jahren.

Inhalt

Das Menschenkind Rosa, das bei Raben aufwächst, versucht auf Grund des Drucks aus der Umgebung, das Fliegen zu erlernen und sich anzupassen. Bald erkennt es aber die Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Aus der Ich-Perspektive erzählt die Geschichte davon, wie Rosa ihren Platz findet und ein starkes Selbstbewusstsein entwickelt. Unterstützt wird sie dabei von ihren Raben-Eltern und Raben-Geschwistern, die das Mädchen so lieben, wie es ist und ihre – eben anders gelagerten Stärken – erkennen. Und wenn man selbst des Fliegens nicht mächtig ist, darf man sich zum Glück auf den Rücken von jemandem setzen, der es kann.

 Kritik

Eine Moral wird (zum Glück) nicht explizit dargestellt. Dass ein Menschenkind bei Raben aufwächst, empfinden Kinder wohl als normales Spiel mit der Phantasie, wie sie es von anderen Geschichten und aus Märchen kennen. Die Thematik des Anders-Seins ist wohl nur für das erwachsene Lesepublikum sofort erkennbar. Es geht nur noch kurz um den Versuch der Anpassung, die eigentliche Lösung heißt völlige Akzeptanz und Selbstbewusstsein.

Untermauert wird dies durch die Bilder: Aus den überwiegend in Brauntönen gehaltenen Bildern sticht Rosa mit ihrer roten Mütze heraus, die die Blässe ihres Gesichts in den Bildern nochmals verstärkt. Kein Kaschieren, sondern ein Hervorheben wird dadurch erreicht. Das Rot der Mütze steht für Rosas Selbstbewusstsein. Zudem stellen die Illustrationen keine additive Ergänzung, sondern eine Erweiterung zum Text dar. So ist auf einigen der sechs kleinen Bilder zu Beginn des Buches bereits ein rosa Ei zu erkennen. Im Text bleibt das unerwähnt.

"Dazwischen schliefen wir, krächzten um die Wette oder machten ziemlichen Unsinn." (o. S.)  Immer dann, wenn sich Rosa wohl fühlt, finden sich doppelseitige Illustrationen. Ab dem Moment, wo sich das Mädchen ihrer Andersartigkeit bewusst wird, verdeutlichen Bildrisse Rosas innere Zerrissenheit. "Da merkte ich erst, dass ich anders war." (o. S.) Bildüberlappungen, Bildausschnitte und ein Zoom von Rosas Gesicht leiten diese Zerrissenheit ein und beenden sie auch wieder: "'Na, und?', dachte ich, 'bin ich eben anders. Und sollen die nur reden, was kümmert es mich!'"

Rosa Selbstbewusstsein ist gewachsen, sie fühlt sich wieder wohl, was die doppelseitigen Illustrationen unterstreichen. Das Buch endet, wie es beginnt, nämlich mit sechs kleinen Bildern, die den Text erweitern und in die nahe Zukunft weisen.

Fazit

"Ich freue mich auf morgen." So endet das leise wichtige Buch, in dem es für junge Leserinnen und Leser im Kindergarten- und Erstlesealter – abseits von grellen Farben und schnellen Bildwechseln – heute und morgen viel zu entdecken gibt.

Erstveröffentlichung: 08.05.2018


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