von Simone Anna Stefan

Die Wörter fliegen. Können sie bewusst losgeschickt werden? Wo kommen sie an? Ist ein ungewolltes Entwischen der Wörter möglich? Jutta Treiber und Nanna Prieler geben auf diese ungewöhnlichen Fragen in Text und Bild stille wichtige Antworten.

Treiber, Jutta (Text); Prieler, Nanna (Bild): Die Wörter fliegen.
Nilpferd in Residenz, St. Pölten u.a., 2015.
32 Seiten, 14,90 €
ISBN 978-3-7017-2146-7.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Die Wörter fliegen von Pia zu Oma. Pia sammelt einen richtigen Wörterschatz, der im Laufe der Zeit immer größer wird. Gemeinsam betrachten sie das Fotoalbum. Pia stellt viele Fragen und erhält von Oma immer Antworten. Die Zeit vergeht. Oma und Pia werden älter. Pia wird groß.

Oma benennt jetzt viele Dinge anders. "Oma ist irgendwie seltsam geworden. Was ist passiert?" (o. S.) Nun stellt sie viele Fragen und Pia antwortet. Die Wörter scheinen der Oma wegzufliegen. Das betrübt. Doch die jetzt große Pia kann tröstend antworten: "Und mach dir keine Sorgen Oma: Deine Wörter sind alle zu mir geflogen." (o. S.)

Kritik

Mit der renommierten österreichischen Autorin Jutta Treiber (*1949) und der in Wien lebenden Illustratorin Nanna Prieler (*1991), die in ihrer noch jungen Karriere bereits auf preisgekrönte Erfolge (z. B. mit Ganz schön super) zurückblicken kann, hat sich ein vielversprechendes Team gefunden.

Die Thematik rund ums Altwerden wurde von Jutta Treiber bereits 2008 im erfolgreichen Buch Der Großvater im rostroten Ohrensessel aufgegriffen. Ein sprachlich reduzierter Text transportiert hier Erinnerungen und Emotionen.

Auf das Wesentliche konzentriert sich auch Die Wörter fliegen. Die sehr kurzen, oft nicht einmal vollständigen Sätze erzeugen eine Art von Telegrammstil. Es wird gänzlich auf Anführungszeichen in der wörtlichen Rede verzichtet, die fliegenden Wörter sind fettgedruckt:

"Tisch, sagt Pia.
Fenster, sagt Pia. Wind.
Fliege. Schmetterling.
Die Wörter fliegen.
Von Oma zu Pia." (o. S.)

Nanna Prielers Illustrationen sind wie der Text unaufgeregt. Überwiegend in roten und grünen Pastelltönen gehalten, zeigen sie stets auf einer Doppelseite eine realistische und eine zweite surreale Ebene: Durch Räume im Haus, Garten oder auf der Veranda, wo sich Pia und Oma jeweils aufhalten, fliegen Buchstaben, skizzierte Bären, Pferde, Menschen und Bäume. Es kommen verschiedene Techniken zum Einsatz: Auf dem mit Acryl und Walze gestalteten Hintergrund bewegen sich Figuren in flächiger Aquarelltechnik. Die surreale Ebene mit den fliegenden Buchstaben ist in Strichen mit Fineliner geschaffen. In Bildern, die Pia als Kind zeigen, kann man häufig einen Schlüssel, wohl das Symbol für den Wörterschatz, entdecken. Auf der ersten Bildebene werden Oma und Pia älter, Details in den Räumen verändern sich. Auf der Metaebene werden die durch die Luft fliegenden Buchstaben weniger, sind von den Figuren weiter entfernt oder schweben aus Fenster und Türen. Die Übergänge von Sommer, windigem Herbst und stürmischem Winter lassen sich nachvollziehen.

Am Textende, das heißt auf der vorletzten Bildseite, umarmt Pia Oma, beide sind durch ein großes fliegendes ‚Z‘ verbunden und im Ofen brennt wärmendes Feuer. Das ‚Z‘ kann als Anfangsbuchstabe für das Wort ‚zusammen‘ interpretiert werden.

Auf der letzten textlosen illustrierten Doppelseite sieht man eine offene Wohnungstür. Einige fliegende Buchstaben, Lampenschirme und ein Vogelkäfig befinden sich noch im Raum und verweisen auf die Zukunft. Eine Zukunft, in der manche Wörter noch da bleiben, weitere wegfliegen werden: Das ist eine Unsicherheit, in der das ‚zusammen‘ aber mit Sicherheit stehen bleiben wird.

Einsetzen lässt sich das Buch bereits gut im Kindergarten. Die Autorin hält dort auch Lesungen. Direkt oder indirekt sehen sich viele Kinder mit Demenz konfrontiert. Die Aktualität und Bedeutung der Thematik zeigt sich auch in anderen erfolgreichen Bilderbüchern wie in Herbst im Kopf von Mueller/Ballhaus (2006) oder in Nilssons/Erikssons Als Oma seltsam wurde (2008), die sich ebenfalls durch große Sensibilität auszeichnen. Insgesamt sind diese Bilderbücher aber in Text und Bild nicht so reduziert und werden aus der Perspektive der kindlichen Figuren erzählt. Die schöne Idee, dass die Wörter einfach zur jüngeren Generation geflogen sind, bleibt in Treibers Text eine einzigartige und zeichnet das Buch aus.

Fazit

Gerade wegen des sprachlich schnörkellosen Stils, der von farblich gedeckten, teilweise skizzierten Illustrationen begleitet wird, ist ein poetisches Buch entstanden. Es beantwortet Fragen zum ‚Sprachverlust‘ – ganz ohne Kitsch: ein für Leserinnen und Leser im Alter von drei bis 99 Jahren bezauberndes und tröstendes Buch.


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