von Julia Thilo

„Mein Sohn, da oben siehst du das Jüngste Gericht“ – „Ist das was zu essen?“ Herr Schabe ist verzweifelt, denn sein Sohn Manfred hält nichts davon, sich zu bilden und interessiert sich weder für Philosophen, noch für Mathematiker oder die Architektur. Das glaubt Herr Schabe zumindest… Manfred muss mit. Zwei Schaben auf Bildungsreise thematisiert das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, welches geprägt ist von falschen Erwartungen und dem fehlenden Verständnis für andere Lernmethoden.

Gutendorf, Christian: Manfred muss mit. Zwei Schaben auf Bildungsreise.
Lappan, Oldenburg 2014.
40 Seiten. 12,95 €
ISBN 978-3830312093.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Um der Bildung seines Sohnes auf die Sprünge zu helfen, macht Herr Schabe mit Manfred einen Ausflug in die Stadt, denn er will mit ihm die höchste Kirche der Welt besuchen.

Dort angekommen, erzählt Herr Schabe ihm von deren Höhe, Alter und Bauart. Die beiden besteigen daraufhin den Turm. Doch oben angelangt, ist Manfred verschwunden. Am Kirchentor dann ein zweites Mal und beim Bestaunen des Chors der Kirche fehlt von der kleinen Schabe wiederum jede Spur. Stets findet Herr Schabe seinen Sohn nicht lauschend hinter sich vor, um die Verzierungen aus einiger Distanz zu beobachten, sondern entdeckt ihn zwischen eben diesen.

Da reicht es Herrn Schabe. Er holt Manfred, der ziemlich erheitert wirkt, aus seinem Versteck und schleift ihn traurig und verzweifelt mit sich zum Bahnhof. Im Zug fragt der Vater sich, was aus seinem Sohn werden soll, denn er hat die Hoffnung aufgegeben.

Manfred schaut der Kirche sehnsüchtig hinterher und baut inzwischen in Gedanken schon sein erstes eigenes Bauwerk. Er hat den Tag in der Kirche als verschwindenden Entdecker sichtlich genossen und zum Lernen genutzt und nicht, wie sein Vater annimmt, mit geschlossenen, uninteressierten Augen Verstecken gespielt.

Kritik

Mit Manfred muss mit. Zwei Schaben auf Bildungsreise erzählt Christian Gutendorf auf humorvolle Art und Weise das Abenteuer zweier Schaben, welche unterschiedlicher nicht sein könnten – so scheint es zumindest. Außerdem macht er zwei Vertreter einer Tierart zu seinen Protagonisten, die sonst nur Aufmerksamkeit finden, wenn es darum geht, eine Plage loszuwerden. Auch in dieser Hinsicht räumt Gutendorf in seinem Bilderbuch mit Vorurteilen auf.

Herr Schabe ist der Meinung, sein Sohn Manfred würde sich nicht genug bilden und nur Unsinn machen. Er belehrt seinen Sohn deshalb und ärgert sich über dessen mehrfaches Verschwinden. Er zieht nicht in Betracht, dass andere die Welt mit anderen Augen sehen und (kennen)lernen. So lernt Manfred neue Dinge, indem er sie selbst entdeckt. Außerdem deutet Manfreds freches Grinsen darauf, dass er keine lernverweigernde, sondern ganz im Gegenteil eine sehr raffinierte Schabe ist, die sich durch ihre naiven Antworten und mehrfaches Verschwinden einen kleinen Scherz mit ihrem Vater erlaubt.

Geschrieben ist die einsträngige Erzählung in der personalen Perspektive, welche jedoch am Ende in die auktoriale wechselt und so die Gedanken beider Schaben offenbart. Bei Herrn Schabe macht sich Verzweiflung bemerkbar, da er glaubt, sein Sohn wolle nichts lernen, während den Lesenden durch Manfreds Innensicht bewusst wird, dass er genau das doch will. Damit ist klar, dass beide sich für die Wissenschaft, für Architektur und weitere Entdeckungen interessieren, sie erschließen es sich nur auf jeweils andere Weise.

Der Aufbau des Bilderbuchs ist durch viel Bild und wenig Text gekennzeichnet. Es handelt sich jedoch um ein symmetrisches Text-Bild-Verhältnis, da sich beide Ebenen gegenseitig ergänzen und nicht ohneeinander auskommen. Zum Beispiel geht aus dem Text die Stimmung der beiden Protagonisten zwar aus dem Text hervor, diese wird dem Lesenden jedoch durch die Bilder verstärkt vermittelt. Durch die Illustrationen wiederum wird allerdings zum Beispiel der Anlass des Ausflugs nicht ersichtlich, diese Information geht lediglich aus dem Text hervor.

Die Farben der Bilder orientieren sich an der Stimmung, welche die jeweilige Seite verursachen soll. So beginnt die Erzählung relativ neutral, ist beim Aufbruch zur Kirche durch ein Design in weiß und rosa sowie gemusterte Gegenstände, positiv gestaltet. In Phasen, in denen Vater Schabe wütend ist, wird sie durch Dunkelblau-, Braun- und Grautöne fast düster und schließt am Ende heiter mit einem lächelnden Manfred auf weißem Untergrund. Bei den Figuren handelt es sich wie bereits erwähnt um Tiere, wobei Manfred als Protagonist und sein Vater als Nebenfigur auftritt, da Manfred eine Entwicklung erlebt, indem er sich weiteres Wissen für seinen Traum (das eigene Bauwerk) aneignet. Sein Vater allerdings begreift dies nicht und hinterfragt auch sein eigenes Verhalten nicht, er ist somit die statische Figur und Manfred die dynamische. Auch hat der Vater keinen Namen, er wird einfach Herr Schabe genannt, was auf einen Stereotypen (die Schabe) deutet.

Fazit

Manfred muss mit ist ein mit Witz und Charme geschriebenes Bilderbuch mit Comiccharakter, das sich leicht von Jung und Alt lesen lässt. Die Kleinen spricht es durch seine buntgestaltete, und dynamische Aufmachung und das schelmisches Auftreten der jungen Schabe ans und die Erwachsenen regt es durch seine tiefergehende Thematik zum Nachdenken. Es ist außerdem eine Erheiterung für jeden, der die Welt auch mit Manfreds neugierigen Augen sieht. Vorgelesen eignet sich das Bilderbuch für alle Rezipienten ab fünf Jahren. 

 

Erstveröffentlichung: 11.06.2018


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