von Mats Pieper

Mohnblumen gibt es im Irak viele, werden diese gepflückt, so verwelken sie sehr schnell. Das flüchtige Leben der Mohnblumen findet sich auch in den Episoden der Graphic Novel wieder, innerhalb derer man in die Lebensgeschichte der Erzählerin eintaucht. Komplexe historische Ereignisse des Iraks und vielfältige Eindrücke und Erinnerungen der Protagonistin werden in dieser Erzählung in verständlicher Art und Weise dargestellt.

Findakly, Brigitte (Farben, Szenario); Trondheim, Lewis (Zeichnung, Szenario): Mohnblumen aus dem Irak.
A. d. Französischen von Ulrich Pröfrock. Handlettering von Dirk Rehm.
Reprodukt, Olsztyn, 2017.
112 Seiten, 18 €.
ISBN 978-3-95640-120-6.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

In Mohnblumen aus dem Irak erzählt die Koloristin Brigitte Findakly ihre Lebensgeschichte und Geschichten ihrer Familie aus dem Irak. In kurzen Episoden verbindet die Ich-Erzählerin und Protagonistin die eigene Geschichte mit den historischen Ereignissen des Landes und dem Leben vor Ort. Dabei wechseln sich Kindheitserinnerungen, Erzählungen über die Familie und die Kultur, kurze historische Ereignisse sowie Geschichten und Reflexionen der Erzählerin aus der realfiktiven Gegenwart ab. Auf der Bildebene erzählen dazu die von Lewis Trondheim gezeichneten Panels. Zudem befinden sich nach mehreren Episoden vom Text getrennte Schwarzweißfotografien der Familie, die in Bezug zu den vorherigen Erzählungen stehen. Die Episoden sind stets sehr kurz gehalten und springen in ihrer zeitlichen Abfolge hin und her, sodass kein klarer chronologischer Verlauf zu erkennen ist. Die Handlung entfaltet sich dennoch innerhalb der Geschichte entlang der Biographie der Protagonistin und der Geschichte des Iraks, indem konkrete Jahreszahlen oder biographische Abschnitte dargestellt sind. Diese helfen bei der strukturierten Betrachtung des Textes.

Die Biographie der Erzählerin beginnt mit dem Zahnarztstudium des irakischen Vaters im Jahr 1947 in Paris. Hier lernt dieser die französische Mutter kennen, die er drei Jahre später heiratet, und mit der er in den Irak zurückkehrt. In der Folge wird in schnell wechselnden Episoden über die Kindheit der Protagonistin und ihres Bruders sowie Erlebnisse der Familie im Irak berichtet. 1970 schicken die Eltern zunächst den Bruder auf ein Internat nach Frankreich. Zwei Jahre später entscheidet der Vater gegen den Wunsch der Mutter, dass die Familie nach Frankreich auswandern soll, da sich ihre politische und persönliche Lage im Irak weiter verschlechtert hat. Die Familie zieht nach Paris, wo sie anfänglich mit vielen gesellschaftlichen Problemen und Widrigkeiten (z. B. Rassismus in der Behörde) zu kämpfen hat. Die ungewohnte Sprache und Situation in der Schule bereiten der Protagonistin zu Beginn Schwierigkeiten. Während des Studiums fängt sie durch den Kontakt zu einem Freund mit dem Kolorieren von Comics an und bricht nach den ersten Erfolgen in diesem Bereich ihr Studium ab.

Aufgrund der Kriege und der schwierigen politischen Lage im Irak kehrt sie mit ihrer Familie nach dem Umzug nur wenige Male dorthin zurück. Bei ihren späteren Aufenthalten stellt sie mehr und mehr fest, dass ihr ihre Heimat fremd geworden ist. Sie beobachtet bei den Cousins und Cousinen, die noch im Irak leben, eine starke Rückentwicklung der Lebensumstände (z. B. eigene Freiheit) im Vergleich zu ihrem neuen Leben in Frankreich. In den letzten Episoden sind ein Großteil der Cousins und Cousinen in unterschiedliche Länder der Welt (z. B. Kanada) ausgewandert, um den eigenen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Erzählerin berichtet, dass sich viele Familienmitglieder, die das Land verlassen haben, an ihren christlichen Glauben geklammert haben und islamophob geworden sind. Am Ende der Geschichte bleiben der Erzählerin vor allem die eigenen Kindheitserinnerungen an den Irak und, trotz der Unterschiede, die Verbundenheit zur eigenen Familie. 

Wird die Handlung neben den biographischen Aspekten auch historisch betrachtet, setzt sie, abgesehen von einigen kurzen Rückblenden, 1958 mit dem Sturz der Monarchie und der Proklamation der Republik durch einen Militärputsch ein. Im Verlauf der Geschichte schildert die Autorin die Umstürze, Kriege und Präsidentschaftswechsel des Landes. Dabei reicht der Bericht bis zur Situation im Irak im Jahr 2016 und den Auseinandersetzungen mit dem Islamischen Staat. Die historisch-politischen Informationen sind meist mit Erinnerungen und Eindrücken der Erzählerin und ihrer Familie verbunden (z. B. muss der Bruder als Schulkind bei der Hinrichtung mehrerer Milizionäre zusehen), sodass die Auswirkungen der historischen Ereignisse greifbar und verständlich werden.

Neben diesen historischen Ereignissen und Erzählungen über die Familie gibt es vereinzelte Episoden, die mit einer Überschrift betitelt sind. Unter dem Titel "Im Irak" werden Bräuche und Sitten des Landes erklärt (z. B. das Annehmen von Essen durch einen Gast erst nach mehrmaligem Anbieten). Der Titel "Gute Erinnerungen" zeigt Episoden, in denen die Erzählerin individuelle schöne Erinnerungen beschreibt (z. B. das Zusammensein bei einem Sandsturm).

Außerdem finden sich innerhalb der kurzen Episoden neben den historischen und biographischen Aspekten noch andere Themen wieder, die des Öfteren in einzelnen Episoden auftauchen, ohne dass diese konkret benannt werden. So steht in mehreren Episoden das Leben der christlichen Familie der Protagonistin im Irak und die generelle Beziehung zwischen muslimischen und christlichen Menschen untereinander im Fokus. Außerdem werden auch feministische Themen dargestellt und durch die Entwicklung der Erzählerin in den Mittelpunkt gerückt.

Kritik

Dadurch, dass die autodiegetische Erzählinstanz vornehmlich als ein erzählendes Ich auftritt, welches von eigenen und fremden Erinnerungen berichtet, besitzt die Graphic Novel Ähnlichkeiten mit einem Zeitzeugenbericht. Die schnell wechselnden Erzählungen erinnern dabei an Erinnerungen und Gedanken, die auftauchen und wieder verschwinden. Dies macht einerseits den Reiz der Geschichte aus, führt jedoch andererseits dazu, dass sich Leserinnen und Leser innerhalb der Handlung verlieren können. Die Kürze der einzelnen Episoden ist auf die Entstehungsgeschichte zurückzuführen, da die Episoden zunächst als wöchentlicher Comicstrip in der französischen Zeitung Le monde veröffentlicht wurden. Dabei hat das Ehepaar Brigitte Findakly und Lewis Trondheim das Szenario sowie den Text zusammen entworfen und Findakly die von Trondheim entworfenen Zeichnungen koloriert. Bei zeitlichen Sprüngen in die realfiktive heutige Zeit innerhalb der Handlung wechselt die Erzählsituation zu einem erlebenden Ich. Dies bricht den erzählenden Bericht auf und zeigt die Diskrepanz zwischen den Erinnerungen und der Gegenwart auf.

Auf Bildebene erfolgt die Erzählung vornehmlich durch Panels, die in Format und Ausschnitthaftigkeit, beziehungsweise Hintergrund, je nach Kontext variieren. Dementsprechend finden sich größere Settingpanels aber auch kleinere Panels, in denen Figuren oder Gegenstände in den Vordergrund rücken. Der eigentliche Text der Erzählung findet sich in einer schwarzen handschriftähnlichen Schrift oberhalb der Panels wieder und trägt aufgrund der vorgetäuschten Handschriftlichkeit zur Authentizität des Textes bei. Zudem finden sich in mehreren Panels und Sequenzen (Bildabfolgen) der Graphic Novel einzelne Balloons (Sprechblasen) wieder. Die darin enthaltenen Dialoge eröffnen eine zusätzliche Erzählebene, die eine Unmittelbarkeit des Geschehens erzeugt. Die Bilder der Graphic Novel sind in einem cartoonhaften Stil gehalten, der sehr bunt koloriert ist und zu einem leicht verständlichen, aber eher kindlich anmutenden Blick auf die Erzählungen beiträgt. Diese Darstellung der Figuren sowie der Handlung stehen weitestgehend im Einklang mit der Erzählweise des Textes, jedoch im Kontrast zur Handlung an sich, die teilweise kriegerische Auseinandersetzungen oder Hinrichtungen enthält. Dies bewirkt einerseits, dass die Handlungen leichter zu verarbeiten sind, trägt jedoch andererseits dazu bei, dass die Ernsthaftigkeit und die Schärfe der Ereignisse größtenteils verloren gehen. Darüber hinaus reduziert und verharmlost eine solche Darstellung eventuell die historischen Vorstellungen der Rezipienten und Rezipientinnen. Außerdem stellt sie einen starken Kontrast zu den an mehreren Stellen im Buch vorhandenen Fotos dar. Diese verleihen der Erzählung mehr Realitätsnähe und bieten Anknüpfungspunkte für reale historische Vorstellungen. Ebenso wie die Fotos trägt auch die Darstellung des Arbeitsprozesses und die Reflexion der realfiktiven Autorin über die Episoden und Themen des Buches zu dessen Authentizität und Bedeutung bei.

Mohnblumen aus dem Irak reiht sich in eine Gruppe von Graphic Novels ein, in denen sich die Autorinnen und Autoren mit der eigenen oder familiären Lebensgeschichte sowie geschichtlichen Ereignissen auseinandersetzen. Dabei sticht die Graphic Novel aufgrund der episodenhaften kindlichen Einfachheit der Erzählung und der Bilder sowie dem Land Irak heraus. So bedienen sich bisherige (Auto-)Biografien aus einem ähnlichen geographischen Raum (Naher Osten) eher einer schlichten (Der Araber von morgen) oder einer schwarz-weißen (Persepolis, Das Spiel der Schwalben) Kolorierung sowie einer zusammenhängenden Erzählung, in denen die Balloons mehr als Handlungsträger genutzt werden. Zudem beschränken sich die bisherigen Erzählungen auf den Libanon (Das Spiel der Schwalben, Ich erinnere mich), Syrien (Der Araber von morgen) sowie den Iran (Persepolis). Die Geschichten eint, dass mithilfe ihrer subjektiven Berichte über die eigene Kindheit und historische Ereignisse historisches und literarisches Lernen an einem Gegenstand möglich ist. Die Graphic Novel kann somit als abwechslungsreicher Zeitzeugenbericht sowie als literarischer Untersuchungsgegenstand dienen, wobei in Bezug auf das historische Lernen das narrative Format thematisiert werden muss. Episoden und Themen des Buches oder das Glossar auf der hinteren Innenklappe können als Ausgangspunkt für den Unterricht oder für Gespräche genutzt werden. Hier ist darauf hinzuweisen, dass die Graphic Novel einer vertiefenden Auseinandersetzung bedarf, um Themen wie Antisemitismus (z. B. Konflikt des Iraks mit Israel) nicht auf die teilweise sehr kurze darstellende Sicht der Erzählerin zu beschränken. Dies lässt sich teilweise auch für die Sprache des Textes sagen, die weitgehend einfach gehalten ist, jedoch durch einzelne komplexere Begriffe durchbrochen wird, die nicht erklärt werden (z.B. islamophob). Insgesamt wirkt das Werk durch die Fülle an Themen, historischen Ereignissen und Erzählungen teilweise überladen, sodass wichtige und interessante Aspekte nicht genügend Raum einnehmen können. Die achronologischen schnellen Wechsel der Episoden sowie der Zeichenstil und die Erzählweise, die die Komplexität aufbrechen sollen, verstärken an diesen Stellen eher.

Fazit

Mohnblumen aus dem Irak beschäftigt sich, anhand der Biographie von Brigitte Findakly, mit vielen Themen, wie Rassismus oder Geschlechterrollen, mit denen sich auch Jugendliche sowie die Gesellschaft heutzutage auseinandersetzen müssen. Durch die einfache Erzählweise und den cartoonähnlichen Stil lädt das Buch dazu ein, sich einen Eindruck vom Irak und der Lebensgeschichte Findaklys zu machen. Gerade in Bezug auf die Nominierung des Buches für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch ist jedoch festzustellen, dass die Vielschichtigkeit des Werkes nicht in vollem Maße durchdrungen werden kann und eine inhaltliche Reduzierung geholfen hätte. Aufgrund dessen und der bis heute sehr komplexen und teilweise blutigen Geschichte und Lage im Irak sowie den herausfordernden Themen ist die Graphic Novel erst ab 14 Jahren zu empfehlen.

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.


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