von Hadassah Stichnothe

Wer schafft es, die verlassene Synagoge von ihren unheimlichen Besuchern zu befreien und den Dorfbewohnern Chanukka zurückzubringen? Passend zum Lichterfest inszeniert Eric Kimmel den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit als fantastisch-komischen Schlagabtausch zwischen der ostjüdischen Schelmenfigur Herschel von Ostropol und einer Bande bösartiger Kobolde. 

Kimmel, Eric A. (Text); Schart-Hyman, Trina (Bild): Herschel und die Chanukka-Kobolde.
A. d. Englischen von Myriam Halberstam
Ariella, Berlin, 2017.
32 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-945530160.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Am ersten Abend des jüdischen Lichterfestes Chanukka kommt Herschel von Ostropol in ein kleines Dorf. Erstaunt stellt er fest, dass ihn hier statt Lichtern, Latkes1 und Fröhlichkeit nur Stille und Dunkelheit erwarten. Als er die Dorfbewohner nach dem Grund fragt, erfährt er, dass sie durch eine Bande von Kobolden terrorisiert werden. Diese hassen Chanukka und machen es ihnen daher unmöglich, das Lichterfest richtig zu begehen. Herschel beschließt, den Dorfbewohnern zu helfen. Um die Kobolde zu vertreiben muss er jedoch acht Nächte – genau so lang wie das Chanukkafest – in der alten Synagoge verbringen, in der die Kobolde nun hausen. Dort soll er nicht nur den herumspukenden Kobolden zum Trotz jede Nacht eine Chanukkakerze zünden, in der achten Nacht muss der König der Kobolde selbst die Chanukkakerze anzünden.

Herschel nimmt die schier unlösbar scheinende Herausforderung an und begibt sich, nur mit einem Glas Gurken und ein paar hartgekochten Eiern ausgerüstet, in die alte Synagoge. Schon bald tauchen die ersten Kobolde auf, doch Herschel zeigt sich ihnen gewachsen. Den einen erschreckt er mit seinen angeblichen Bärenkräften, den anderen verwickelt er in eine Partie des traditionellen Dreydelspiels, bei dem die von Herschel ständig neu ausgelegten Spielregeln den übertölpelten Kobold schließlich zur Aufgabe zwingen. Doch die letzte und schwierigste Aufgabe steht Herschel noch bevor, denn der erboste König der Kobolde ist nicht bereit, sich so einfach übers Ohr hauen zu lassen…

Kritik

Herschel von Ostropol oder Herschel Ostropoler war eine historische Figur, die als "jüdischer Till Eulenspiegel" literarische Popularität gewann. Der echte Herschel von Ostropol lebte im 18. Jahrhundert und war als herumreisender Spaßmacher für seine Scharfzüngigkeit und Gewitztheit bekannt, durch die er es bis an den Hof des chassidischen Rebben Boruch von Medschybisch2 brachte. In den ostjüdischen Volkserzählungen erscheint er als Trickster bzw. Schelm, der sich durch Witz und Schlauheit durchzusetzen vermag. In dieser Funktion verwendet auch Kimmel die Figur. Sein Herschel nimmt mutig und selbstlos die Aufgabe auf sich, das von ihm besuchte Dorf von den Kobolden zu befreien und somit das Chanukkafest zu retten.

Das Wort Chanukka bedeutet wörtlich "Einweihung" und das Fest erinnert an die Wiedereinweihung des durch die griechischen Besatzer entweihten Tempels durch die Hasmonäer im zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Auch die Handlung von Herschel und die Channukka-Kobolde erzählt von der Befreiung einer ganzen Gemeinde von einer scheinbar übermächtigen Terrorherrschaft, die die Praktizierung jüdischer Riten unmöglich macht. Kimmel stellt so eine Verbindung zwischen seiner fantastischen Geschichte und der Botschaft des jüdischen Lichterfestes her. Doch auch ohne diesen Bezug erzählt das Bilderbuch eine spannende und zuweilen unheimliche Geschichte, die in ihrem Aufbau an bekannte Volksmärchen und -erzählungen erinnert.

Kimmel schrieb die Geschichte von Herschel und den Kobolden ursprünglich für das Cricket Magazine im Jahr 1985 als Ersatz für Isaac B. Singer, dessen ursprünglich geplante Erzählung nicht fertig geworden war. Auch literarisch stellt sich Kimmel in die Tradition des Nobelpreisträgers. So erinnert Herschel  und die Channukka Kobolde mit seinem ostjüdischen Setting, der Figur des Herschel Ostropoler und nicht zuletzt der Verbindung zur jüdischen Folklore und deren unheimlichen Elementen an Singers Geschichten für Kinder (1984).

Die Illustrationen der mehrfach ausgezeichneten Künstlerin Trina Schart-Hyman nehmen dieses düstere Element auf und verleihen besonders den Kobolden eine eigene Persönlichkeit. Dunkle Farben dominieren, zumal die Handlung vollständig nachts spielt. Eher empfindlichen Leserinnen und Lesern könnte das auch ein bisschen zu viel an Düsterkeit sein. Allerdings sind Schart-Hymans Kobolde eben gruselig-komische Figuren, die dem schlauen Herschel eindeutig unterlegen sind. Der König der Kobolde wiederum, den Schart-Hyman nie vollkommen sichtbar zeigt, ist eine wahrhaft furchterregende Gestalt. Umso triumphaler wirkt dann Herschels Sieg, der die Erzählung zu einem guten Ende führt.

Eric Kimmels Bilderbuch über den gewitzten Herschel, der den chanukkafeindlichen Kobolden gekonnt ein Schnippchen schlägt, gehört in den USA zu den Klassikern des Genres. In Deutschland ist das Bilderbuch 2017 im Ariella Verlag erschienen, der sich auf jüdische Kinderbücher spezialisiert hat. Die Geschichte des Sieges über die Mächte der Dunkelheit eignet sich auch für Leser, die mit dem Chanukkafest nicht vertraut sind. Bedauerlich ist lediglich, dass die in englischen Ausgaben enthaltene Anleitung für das richtige Dreydelspiel in der deutschen Ausgabe fehlt.


Fazit

Herschel und die Channukka-Kobolde erzählt eine unheimlich schöne Geschichte, die sowohl für Kinder, die selbst Chanukka feiern, als auch für solche, die erst durch die Lektüre von diesem Feiertag erfahren, geeignet ist. Die stimmungsvollen Illustrationen sorgen für ausreichend Spannung und der märchenhafte Erzählton lässt auch diejenigen auf ein gutes Ende hoffen, denen Herschel von Ostropol noch kein Begriff ist. Ein wunderbares Vorlesebuch zum Lachen und wohligen Gruseln für unerschrockene Leserinnen und Leser ab vier Jahren.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buches, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hadassah Stichnothe und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!
 

 

Fußnoten

In Öl gebackene Kartoffelpuffer, die traditionell zu Chanukka gegessen werden.

2 Boruch von Medschybisch (1753–1811) war der Enkelsohn des berühmten chassidischen Meisters Israel ben Elieser, der unter der Bezeichnung Baal Schem Tow (dt. Meister des guten Namens) bekannt war. Wie viele chassidische Gelehrte unterhielt auch Boruch von Medschybisch einen Hof, zu dem seine Anhänger pilgerten, um sich Rat und Segen zu holen.


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