von Sindy Hildebrand

Lecker – im Wald riecht es nach geschmorten und kräftig gewürzten Pilzen. Doch wie die drei Köstlichkeiten unter Bär und Wiesel gerecht aufteilen? Diese Frage stellt sich beim Betrachten und Lesen des Bilderbuchs Zwei für mich, einer für dich. Mit diesem lädt Jörg Mühle, Schöpfer der Hasenkind-Bücher, nicht mehr nur zum Mitmachen, sondern schon zum Mitdenken ein.

Mühle, Jörg: Zwei für mich, einer für dich.
Moritz, Frankfurt a. M., 2018.
32 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-895653575.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Der große dicke Bär findet drei Pilze im Wald, die er unbedingt mitnehmen muss. Darüber freut sich sein Freund und Mitbewohner, das Wiesel. In ihrer Waldküche gibt es alles, was es für das Anrichten einer schmackhaften Mahlzeit braucht. Pfannen, Spatel und Kelle hängen am Baumgeäst, Teller, Tassen und Gewürze stehen in den Regalen. Eifrig schwenkt das Wiesel die drei Leckerbissen in der schweren Pfanne, nachdem es den Geschmack der Pilze mit Salz, Pfeffer und Petersilie verfeinert hat. Freund Bär sitzt schon zufrieden am gedeckten Tisch. "'Ein Pilz für dich und ein Pilz für mich', sagte er. 'Und noch ein Pilz für mich. So ist es gerecht. Ich bin groß, deshalb muss ich viel essen.'" (o. P.) Das Wiesel empört sich: "'Ein Pilz für mich, ein Pilz für dich und noch einer für mich. Das ist gerecht! Ich bin klein und muss noch wachsen!'" (o. P.) So fliegen ihre Worte hin und her – und wenn die beiden Freunde nicht aufpassen, verschwindet mit einem Happs nicht nur der dritte Pilz, sondern auch noch vom Nachtisch die dritte Walderdbeere.

Kritik

Mit seinem Bilderbuch Zwei für mich, einer für dich regt der deutsche Autor und Illustrator Jörg Mühle schon kleine Kinder an, über ein ganz alltägliches Problem sowie allgemein über Gerechtigkeit und Fairness nachzudenken: Wie teile ich eine ungerade Anzahl von Schleckereien unter einer geraden Anzahl von Naschkatzen auf. Eine Lösung wird es immer geben, aber ob diese gerecht ist, wird sich vor allem unter Freunden zeigen. So auch bei den Protagonisten Wiesel und Bär, deren Freundschaft während der Mahlzeit am gedeckten Tisch an drei Pilzen scheitern könnte: "'Dann bist du aber nicht mehr mein Freund'" (o. P.), schlussfolgert das Wiesel, da der Bär den dritten Pilz für sich ganz allein verschlingen will. Doch auch das Wiesel bringt berechtigte Argumente vor, weshalb ihm der dritte Pilz zusteht. Zeigen die ersten beiden durch beschreibende Erzählerrede getragenen Doppelseiten noch freudige Gesichtsausdrücke der anthropomorphisierten Tiere, verteidigen die Protagonisten auf den nächsten sechs Doppelseiten in wörtlicher Rede ihren Standpunkt mit erzürnten Mienen immer hitziger (vgl. Abb. 1). Die aufgeladene Stimmung wird zum einen durch die Schriftgestaltung betont: Wörter wie 'ich', 'mir' und 'mein' sind zu Beginn des Disputs unterstrichen, im weiteren Diskussionsverlauf wird die Schrift größer und kräftiger, Ausrufe stehen in Großbuchstaben. Zum anderen macht auch die Verteilung der Redebeiträge und die Schriftanordnung die Entwicklung des Geschehens deutlich: Zunächst steht jedem Freund eine Doppelseite zu, um den eigenen Standpunkt zu manifestieren. Die Schrift befindet sich über dem jeweiligen Sprechenden und verläuft in gerader Leselinie. Auf den folgenden Seiten sind die Argumente beider Figuren direkt nebeneinander positioniert, bis sie sich auf dem Höhepunkt des Streits wild durcheinander gehend über die ganze obere Doppelseite verteilen und aus der Leselinie heraustreten. Während die beiden immer heftiger debattieren, kommt eine 'Lösung' für ihr Aufteilungsproblem mit der Figur des Fuchses daher. Dieser schleicht sich unauffällig vom linken oberen Bildrand kommend an die Tischszene heran, deren Turbulenz zeichnerisch auch durch eine zunehmend verrutschte und verknitterte Tischdecke betont wird. Wie die zwei Streithähne wird auch der Rezipient den Fuchs kaum bemerken. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung landet ein Pilz im Maul des lachenden Dritten. Der geht zufrieden und nonchalant wieder seines Weges, während Bär und Wiesel sich über diese Frechheit entrüsten. Aber der Frust über die Ungerechtigkeit währt nicht lange und beide wünschen sich lachend einen guten Appetit. Doch im letzten Bild der Geschichte droht das gleiche Dilemma mit den drei Walderdbeeren, die das Wiesel zum Nachtisch reicht. Wurde die Lösung des 'Pilzproblems' durch den cleveren Fuchs als eine Art Deus ex machina herbeigeführt, so lädt der offene Schluss ein, nachzudenken, wie die beiden Freunde nun ohne eine außenstehende Figur die süßen Leckereien gerecht aufteilen können.

 

Abb. 1

        
Das alltagsrelevante Problem des Teilens und Streitens verpackt Mühle in einer kleinen witzigen Geschichte, die durch doppelseitige, schnörkellos gestaltete Buntstiftzeichnungen erzählt wird, welche passend zum Wald-Setting vor allem in Braun-, Orange- und Grüntönen gehalten sind. Der weiße Hintergrund unterstützt den Fokus auf die Interaktionen der tierischen Figuren, die zum einen überraschend, zum anderen aber auch treffend gewählt sind: Der große, gierige Bär lebt mit einem kleinen, häuslichen Wiesel zusammen. Von deren Streit profitiert der gewitzte Fuchs. Spätestens mit diesem Akteur wird der Fabelcharakter der Erzählung deutlich. Zum Schmunzeln und Weiterfantasieren laden auch Details ein. Diese sind etwa schon in den beiden Umschlaginnenseiten zu finden, die nur auf den ersten Blick gleich zu sein scheinen. So starrt in der eröffnenden Umschlaginnenseite eine Eule aus ihrem Baumloch, während ein Eichhörnchen schläfrig über einem Ast hängt. In der schließenden Umschlaginnenseite liest die Eule ein Buch und der Nager blickt auf seinen Armen liegend zum Betrachter. Noch am Busch hängend werden die drei Walderdbeeren bereits auf der einleitenden Titelseite von einer Schnecke begutachtet, die an anderer Stelle Pilze verspeist. Ebenso lustig ist, dass Bär und Wiesel neben einem Wohnbereich mit Sofa und Sessel auch eine menschentypische Küche besitzen. Dass die Freunde die drei fettigen Pilze jedoch direkt auf die Tischdecke legen und nicht von Tellern essen, obwohl sie über Geschirr verfügen, wird bei dem einen oder anderen älteren Rezipienten Fragen aufwerfen.

Fazit

Das mit dem Leipziger Lesekompass 2018 ausgezeichnete Bilderbuch Zwei für mich, einer für dich behandelt auf witzige Weise das alltägliche Thema des Teilens und Streitens, das bereits für kleine Betrachtende und Zuhörende eine bedeutende Rolle spielt. Auf angenehm lehrreiche Art lädt es damit schon Kinder ab drei ein, gemeinsam mit Vorlesenden über Gerechtigkeit nachzudenken. Zum Selbstlesen eignet es sich ab Ende des ersten Grundschuljahres. Mühles kleine Geschichte, die in der Sparte Bilderbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert ist, zeigt zugleich, dass auch Auseinandersetzungen zwischen Freunden möglich und notwendig sind, um Standpunkte sichtbar zu machen, ohne Freundschaft aufs Spiel setzen zu müssen.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Juli 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4