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von Anna K. Reistorff

Vor seinen besten Freunden braucht man doch keine Angst zu haben, oder? Das Bilderbuch Anna und Otis erzählt die gesellschaftskritische Geschichte einer abenteuerlichen Freundschaft zwischen einem Mädchen und einer Schlange. Es handelt von Angst vor dem Fremden und zeigt, was Mutigsein und ein einfaches "Hallo" bewirken können. Nebenbei werden kulturelle Vorurteile überwunden und Vielfalt angesprochen.

Shearring, Maisie Paradise: Anna und Otis.
A. d. Englischen von Maren Illinger.
Beltz & Gelberg, Weinheim, 2019.
30 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-407-81218-6.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Jeden Tag erleben Anna und Otis im Garten gemeinsam spannende Abenteuer. Dort zelten sie oder plantschen im Pool; sie streiten sich auch manchmal, aber vertragen sich stets. Obwohl sie immer Spaß zusammen haben, wird es Anna irgendwann doch zu langweilig im Garten und sie schlägt ihrem Freund vor, ein Abenteuer außerhalb des heimischen Umfelds zu unternehmen: Sie möchte mit ihm in die Stadt! Doch Otis ist sich unsicher, ob er sich trauen soll. Schließlich kann er die Vorurteile der anderen Menschen förmlich spüren, denn er hat bereits schlechte Erfahrungen mit dem Nachbarn und dem Postboten gemacht…
Anna spricht ihrem Freund Mut zu und sie wagen es zusammen in die Stadt, in der viele unterschiedliche Menschen miteinander leben. Doch eins haben sie alle gemein: Sie haben Angst, beleidigen Otis und fürchten sich vor ihm. Es sind doch "Blödmänner" und "Fieslinge", genau wie Anna es vorher sagte. Die Schlange ist traurig, das macht seine Freundin noch wütender. Sie möchte es noch einmal versuchen und spricht Otis erneut Mut zu. Er willigt ein und obwohl sich Annas Freund nicht mutig fühlt, möchte er sie nicht enttäuschen. "Lächle einfach und sag hallo!" (S. 16) ermuntert sie ihn.
Als Anna und Otis in der Stadt sind, flüchten die Leute vor ihnen in den Friseursalon. Das kleine Mädchen scheut sich aber nicht, in den Laden zu gehen und für sich "Haareschneiden" und für ihren Freund, der keine Haare hat, ein "einfaches Kopfschampunieren" zu bestellen. Der Friseur Silvio ist sichtlich verunsichert, doch mit einem freundlichen "Hallo" und einem Lächeln von Otis verschwindet jegliche Irritation (vgl. Abb. 2). Silvio freut sich sogar, mal mit neuen Leuten zu plaudern und erzählt später allen von seinem besonderen Kunden.
Ähnlich verläuft die Handlung in Sallys Radladen und Laras Café: Zuerst bekommt Anna ein Skateboard und Otis wird mit fünf an den Körper gebundenen Rädern ausgestattet, sodass er auf einer Halfpipe im Park coole Tricks zeigen kann. Mittlerweile sind alle Menschen begeistert und gemeinsam gehen sie ins Café, schließlich macht Mutigsein ziemlich hungrig. Laras Sorgen, der Schlange nichts Passendes zu kochen, werden ihr schnell genommen, denn Otis isst alles, was man ihm vorsetzt – sogar das Besteck! Nun sind die beiden überall willkommen.
Am Abend übernachtet die gelb-rote Schlange bei Anna. Beide sind sich einig: Dieser Tag war ihr bislang größtes gemeinsames Abenteuer!

 

Cover, Maisie Paradise Shearring, Anna und Otis © 2019 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Kritik

2018 veröffentlichte die britische Autor-Illustratorin Maisie Shearring ihr erstes eigenes Bilderbuch Anna und Otis. Die deutsche Übersetzung erschien 2019. Das Bilderbuch befasst sich in Geschichte und Illustrationen mit Diversität und Inklusion und leistet damit einen Beitrag zur Gesellschaftskritik. Otis als gelb-rote Schlange repräsentiert dabei viel mehr als nur Annas besten Freund.
So unterschiedlich die ungleichen Freunde sind, so zeigen sich auch die Menschen in der Stadt (vgl. 13 f. [kulturell] und 21 f. [inklusiv]). Obwohl alle anders sind, haben sie Angst vor dem wiederum andersartigen Otis. Das kleine Mädchen will sich und ihren Freund nicht unterkriegen lassen und stellt sich mutig den gemeinen Sprüchen und der Angst der anderen. Aber in dieser Geschichte ist nicht nur sie die Starke, sondern auch das Reptil überwindet Furcht und lehrt den Leserinnen und Lesern das Mutig Sein. Jedoch müssen die anderen Menschen auch offen für Andersartigkeit sein, damit am Ende alle gemeinsam glücklich leben können.

 

Abb. 1: Maisie Paradise Shearring, Anna und Otis © 2019 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Die beiden Hauptakteure Anna und Otis sind auf den großen Doppelseiten immer präsent. Meist ist der Hintergrund etwas unscharf dargestellt, sodass die gelbe Schlange mit den roten Punkten und das Mädchen mit dem rot-weißen Outfit und ihrem schwarzen Pony direkt auffallen.
Dieses Bilderbuch erinnert durch die vielen großen, bunten Illustrationen an eine Art Wimmelbuch. Jede einzelne Seite lädt besonders Nicht-Leserinnen und -Leser dazu ein, wie die beiden besten Freunde auf Entdeckungsjagd zu gehen (vgl. S. 5) sowie auf Details zu achten und kleine Besonderheiten zu suchen. Die farbenfrohe Bildgestaltung lässt nur Platz für die Dialoge, die in weißen Sprechblasen deutlich von dem bunten Hintergrund abgegrenzt sind. Dies macht es gelegentlich schwer, den Erzähltext (vor-)zulesen, da die schwarze Schrift auf einem farbverlaufenen Hintergrund nicht immer direkt ersichtlich ist. Doch je länger man die großen Collagen betrachtet, desto mehr fällt den Betrachterinnen und Betrachtern auf. Daher bietet sich das Bilderbuch zum mehrmaligen (Vor-)Lesen förmlich an. Verrschiedene graphische Collageelemente (z. B. die letzte große Doppelseite) lassen die Bilder erlebnisreich und reizvoll wirken. Auch die vielen Sprechblasen und Bewegungslinien (vgl. Abbildungen 1 und 2), lassen das Buch wie eine Art Comic erscheinen. Weiterhin schafft es Shearring in ihren Illustrationen sogar, Otis durch verschiedene Mimik in den unterschiedlichsten Emotionen darzustellen, sodass eine gewisse Lebendigkeit entsteht (vgl. S. 9 und S. 11-13).

Abb. 2: Maisie Paradise Shearring, Anna und Otis © 2019 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Otis ist natürlich keine gefährliche Schlange und erinnert somit auch an die Geschichte Der glückliche Löwe von Louise Fatio. Außerdem ähnelt Shearrings erstes Bilderbuch dem Bilderbuchklassiker Crictor, die gute Schlange von Tomi Ungerer, der auch von einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen einer Frau und einer Schlange handelt.

Mit viel Liebe zum Detail nimmt die Illustratorin z. B. Bezug auf aktuelle Themen wie Verkehrssicherheit, indem ihre Akteure Helme tragen, wenn sie sich auf Rädern oder Sprungfedern bewegen.
Eine Identifikation mit der Geschichte und den Protagonisten (zum einen das sorgsame Mädchen und zum anderen die erst eingeschüchterte, aber dann mutige Schlange) ist für junge Kinder durchaus möglich. Didaktisch hat dieses Bilderbuch ein großes Potential und lädt ein über Unsicherheiten, Vorurteile, Eigenheit und Diversität zu sprechen.

Fazit

Zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, nehmen junge Leserinnen und Leser mit auf eine abenteuerliche Reise in einer ängstlichen Gesellschaft. Durch die großen Doppelseiten mit vielen Illustrationen ist dieses Bilderbuch über Freundschaft schon für junge Kinder ab circa vier Jahren geeignet.

Erstveröffentlichung: 01.06.2019