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von Corinna Norrick-Rühl

Wie wäre das, wenn du auf einer Raumstation lebtest, dort zur Schule gingest und mit einem gelben Schulbusraumschiff einen Wandertag zum Mond unternehmen könntest? Unter dieser Prämisse entführt uns John Hare in seinem Bilderbuchdebut auf eine Mondexpedition. Ganz ohne Worte, dafür mit reichlich Fantasie. Achtung: hier können kleine Leserinnen und Leser der Mondsucht verfallen.

Hare, John: Ausflug zum Mond
Moritz, Frankfurt, 2019.
48 Seiten, 14,00 €
ISBN 9-783-389565381-0.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Die Handlung beginnt schon auf dem Cover. Ein knappes Dutzend Schulkinder steigt in ein gelbes, rundes Raumschiff – den typischen US-amerikanischen Schulbussen nachempfunden. Auf dem Titelblatt dockt das Raumschiff an der Raumstation ab und düst los in Richtung Mond. Nach der Landung steigt die Schulklasse mit der Lehrperson aus und es geht los über Mondsteine und durch Mondkrater. Unsere Hauptfigur, die schon beim Einstiegen gegenüber den anderen Kindern distanziert wirkt, hat als einziges Kind Malzeug im Gepäck. Auch hier wieder typisch amerikanisch: die gelbe Wachsmalstiftbox ist natürlich an das Corporate Design von Crayola angelehnt.

Das Schulkind wird von der Gruppe abgehängt. Als der Blick zur Erde frei wird, seilt es sich ganz ab und zeichnet als allererstes unsere Erde in ihrer einzigartigen blau-grün-weißen Schönheit. Doch dann passiert es: ein Nickerchen auf dem Mond, und das Schulbusraumschiff lässt das Schulkind zurück. Was tun? Nun ja, die Wachsmalstifte sind ja zum Glück noch da, und der Block ist noch nicht voll… also: Zeichnen! Und wie sich herausstellt, gibt es auf dem Mond noch ein paar graue, freundliche Mondmenschen, die neugierig aus ihren Verstecken herausschauen und auch mal die Wachsmalstifte ausprobieren wollen. Ein großer Spaß! Die Zeit vergeht wie im Flug. Doch plötzlich taucht das Raumschiff am Horizont auf, und dann heißt es, schnell Abschied nehmen. Die Wachsmalstifte und ein Regenbogenbild, die bleiben aber da.

Kritik

50 Jahre nach der ersten Mondlandung erschien John Hares Debut-Bilderbuch 2019. Es kann als Hommage an das All und die Mondlandung gedeutet werden. Das Buch greift unsere Sehnsucht nach dem Weltraum auf, versucht aber nicht, zu erklären, wieso die Menschheit in einer Raumstation lebt. Trotz der eindeutig US-amerikanischen Anmutung mit dem schulbusähnlichen Raumschiff, das auch an die geniale Sachbilderbuchreihe The Magic School Bus/Der Zauberschulbus von Joanna Cole und Bruce Degen erinnert, verzichtet Hare auf die Darstellung der typischen US-amerikanischen Fahne auf dem Mond.

Der Grafiker aus Missouri wählt klare Linien und Farben sowie eine Mischung aus verschiedenen Panels und großformatigen, doppelseitigen Abbildungen, um ganz ohne Worte eine rührende Geschichte über die Kraft der künstlerischen Kommunikation zu erzählen. Die ausdrucksstarken Gesichter der einäugigen Mondmenschen stehen dem neutralen Astronautenhelm des Kindes gegenüber. Die Völkerverständigung wird sozusagen nur durch die Wachsmalstifte vollzogen. Voller Lebensfreude probieren sich die Mondmenschen künstlerisch aus, vergraben sich aber schnell wieder im Mondstaub, als der Schulbus zurückkehrt.

Das Vorleseerlebnis ist aufgrund des fehlenden Textes vollkommen offen. Den Vorlesenden kommt also eine besondere Rolle zu, denn sie können ihre Interpretation und Schwerpunkte schon beim ersten Durchblättern in das Buch einbringen. Kinder ab drei Jahren, die feinmotorisch mit den großen Papierseiten klarkommen, können das Buch allerdings auch sofort selbst entdecken und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Besonders hervorzuheben ist, dass durch den Verzicht auf Text alle Leserinnen und Leser sich in dem zeichnenden Kind wiederfinden können – ob Mädchen oder Junge. Gerade bei MINT-Themen ist das wichtig. Interessanterweise ist die US-amerikanische Originalausgabe des Buches im Holiday House Verlag ebenfalls textlos, aber eine britische Ausgabe bei Pan Macmillan wurde von Jeanne Willis  mit einem Text versehen.

Fazit

Ein schönes Buch mit klaren Formen und Farben sowie einer eindeutigen Botschaft, das aber dennoch durch seine Offenheit besticht. Es lädt Kinder ab drei Jahre zur Kommunikation ein sowie zum Nachdenken – und natürlich zum Zeichnen. In der Vor- oder Grundschule könnte das Buch vielfältig zum Einsatz kommen, wenn über das Weltall oder Zukunftsfantasien gesprochen wird. Mit Großeltern, die die mediale Vermittlung der ersten Mondlandung als Kinder erlebt haben, wird das Vorleseerlebnis ein ganz besonderes sein. Erfreulicherweise wurde dieses besondere Erstlingswerk, das seinen Platz im ohnehin außergewöhnlichen Verlagsprogramm des Moritz Verlags redlich verdient hat, für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 in der Sparte Bilderbuch nominiert.

Im Überblick: Alle Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 und die Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de

Erstveröffentlichungsdatum: 24.03.2020