von Michael Stierstorfer

Haute Couture für Sagenfans: Traditionelle Nacherzählungen von Sagen aus der Welt der alten Griechen und Römer erleben in den letzten Jahren eine Hochphase. Das bezeugen unzählige aktuelle Sagenkompendien wie die großteils bebilderten (Neu-)Auflagen der Werke von Gustav Schwab, Dimiter Inkiow oder Rick Riordan. Doch was entsteht, wenn sich ein international renommierter Grafikdesigner aus Warschau, der u.a. Seidentücher für das Modehaus Hermès kreiert hat, des antiken Kulturgutes annimmt? Auf jeden Fall ein filigran-innovatives Curiosum, welches sich als gelungener Mix aus Wimmel-, Mitmach- und Sachbuch präsentiert.

Bajtlik, Jan (Text und Bild):
Ariadnes Faden. Götter. Sagen. Labyrinthe.
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler.
Moritz, Frankfurt am Main, 2019.
71 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-389-5653-803.
Empfohlen ab 8 Jahren.

 

Inhalt

Noch nie ist ein so detailgenaues und zugleich kunstvolles Werk wie dieser großformatige Prachtband erschienen, der seine Leserinnen und Leser nicht nur in die Welt der Mythen (u.a. Prometheus, Herakles, die Argonauten, Ilias, Odyssee, Sisyphos und Ödipus) entführt, sondern ihnen auch die griechische Kultur am Beispiel des Kolosses von Rhodos, der Olympischen Spiele und anhand von Bauwerken wie Privathäusern, Tempeln der Akropolis oder Theatern veranschaulicht.

Der Clue an dieser Sache ist jedoch etwas ganz Besonderes: Jede Doppelseite zu einem der gerade genannten Schwerpunkte besteht aus einem Labyrinth, sodass sich der Leser beim Betrachten der mythologisch motivierten Kartographien und deren Bestiarien stets von Neuem als Theseus einen Weg durch die nicht selten in einer Sackgasse endenden Irrwege bahnen muss. Hierbei werden kunstvoll der Kaukasus, an den Prometheus zur Strafe für den Feuerraub von den Olympiern geschmiedet wurde, eine Säulenhalle mit den zwölf Taten des Herkules, das Labyrinth des Minotaurus, in dem Theseus tatsächlich den titelgebenden roten Faden der Ariadne erhielt, oder der sagenumwobene Palast von Knossos auf Kreta als Irrwege inszeniert. Unterwegs tauchen unterschiedlichste Sagengestalten wie z.B. „Okeanos, ältester Titan, Gott des Stromes, der die Erde umfließt“ (S. 7) auf einer Doppelseite zum Weltbild der Alten Griechen auf. Man kann sich an diesen detailverliebten Wimmelbildern fast nicht sattsehen und entdeckt immer wieder etwas Neues. Wer aber jetzt denkt, dass diese auf rot- und schwarzfigurigen Vasen oder Wandmalereien und Mosaiken basierenden Kunstwerke, die u.a. aus dem Louvre, dem Vatikan oder dem British Museum stammen, nur als nette inhaltsleere Spielerei gedacht wären, täuscht sich. Im Unterschied zu einem Modeaccessoire wird das Design hier gezielt eingesetzt, um den Rezipienten und Rezipientinnen die ähnlich einem Labyrinth nahezu unüberblickbare Vielfalt der mythologischen Narrative, Figuren, Settings und Gegenstände gezielt vor Augen zu führen.

Kritik

Zu jeder thematischen Doppelseite findet sich neben der Überschrift ein Hyperlink, der den interessierten Leser bzw. die interessierte Leserin an das Ende des Sachbuchs leitet, wo er/sie seinen/ihren Wissensdurst durch knappe lexikonartige Artikel stillen kann. Ähnlich wie die Vernetzung in bekannten Online-Nachschlageseiten sind die Texte sogar noch zusätzlich untereinander durch Querverweise verbunden. Hierbei ahmt der diskontinuierliche Aufbau des Sachbuchs gekonnt die Struktur eines Labyrinths, durch das der Weg mithilfe von Hinweisen gebahnt werden muss, auf einer weiteren Ebene nach. Unter den weiterführenden Infos ragt ein Nachschlageregister mit mehr oder weniger prominenten Fabelwesen der Antike wie Pan, Python oder Orthos, dem weniger bekannten doppelköpfigen Hund des von Herakles besiegten Riesen Geryon, besonders heraus, weil es mit piktogrammähnlichen Bildimpulsen verbunden ist. Auf diese Weise können sich weniger sagenkundige Rezipienten und Rezipientinnen ein konkretes Bild vom Aussehen der Fabelwesen machen. Und auch Experten und Expertinnen auf diesem Gebiet kommen auf ihre Kosten, weil sie mit weniger populären Bestien wie dem goldenen Widder Chrysomallos, einem Hippalektryon oder einem Ichtyozentaurem vertraut gemacht werden.

Dieses filigrane Werk wird sicherlich erwachsene sowie jüngere Sagenfans und Leute, die erst noch welche werden wollen, begeistern. Das mutige Opus Mixtum sucht seinesgleichen und zeichnet sich durch einen hohen kunsthistorischen Wert aufgrund der engen Anlehnung an (welt-)bekannte Kunstwerke aus der Antike aus. Und trotzdem sind die Illustrationen kein billiger Abklatsch, sondern schaffen in ihrer Gesamtkomposition etwas vollkommen Neues und Wunderbares. Auch die Sachinformationen im Anhang sind gut recherchiert und verharren nicht nur an der Oberfläche. Leider werden die (antiken) Quellen hierbei nicht angegeben, die sicherlich manche Leser und Leserinnen interessiert hätten.

Fazit

Insgesamt ist ein einzigartiges Kunstwerk entstanden, bei dessen Lektüre der Leser und die Leserin gerne einmal den Faden verliert, um auf Umwegen weitere Details der griechischen Mythologie und Kultur kennen zu lernen. Die Bilder sind farblich so harmonisch und detailverliebt durchkomponiert, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn bald Adaptionen als Seidenschals folgten. Das Buch eignet sich für entdeckungsaffine Leser ab 11 Jahren, die zur Erkundung des Buchs Ariadnes Faden auch gerne einmal aus der Hand geben, um auf eigene Faust diese fabulöse mythische Welt zu erkunden.

Erstveröffentlichung am 24. Oktober 2019 in der Süddeutschen Zeitung.

Erstveröffentlichungsdatum KinderundJugendmedien.de: 12. Oktober 2020


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