von Sabine Planka

In der surreal-phantastischen Bilderwelt entwickelt sich aus der Begegnung zwischen Humpty Dumpty und der kleinen Laura eine wunderbare Freundschaft, die auch eine Verwandlung nicht trennen kann.

Schroeder, Binette: Laura.
3. Aufl., NordSüd, Zürich 2008
o.P., 12,80 €
ISBN 978-3-314-01601-1

Inhalt

Laura entdeckt bei dem Blick aus dem Fenster einen schimmernden Gegenstand. Als sie sich zusammen mit ihrem Teddy Brummel auf den Weg macht, entdeckt sie, dass es sich um einen echten Humpty Dumpty handelt. Als der wiederum Laura bemerkt, erschrickt er und flieht vor ihr in den Wald. Als das Ei auf einen Baum klettert, bricht der Ast, an dem er hängt und er fällt Lauradirekt in die Arme. Das ändert Humpty Dumptys Meinung von den Menschen offensichtlich, denn er fordert Laura zum Spielen auf. "Und sie spielten Wolkentanzen, Wasserfallen, Bäumewerfen, Felsenwackeln, Käferwecken, Schneckennecken, Blumenblättern, Blätterrutschen – bis sie ganz außer Atem waren." Als Laura abends gehen muss, ergreift Humpty Dumpty die Furcht: vor der Nacht, vor dem Gewitter und den "Gewitterschmettervögeln". Zum Trost drückt Laura ihm ihren Teddy in den Arm und hüpft nach Hause. Als es nachts tatsächlich blitzt und donnert, eilt Laura Humpty Dumpty zu Hilfe. "Plötzlich war es still. Der Mond schien und alles war gut." Laura und Humpty Dumpty schlafen unter einem Baum ein. Als Laura morgens erwacht, ist ihr neuer Freund verschwunden - nur zersprungene Eierschalen erinnern an ihn. Laura ist verzweifelt und beginnt zu weinen. Doch plötzlich sagt eine Stimme neben ihr: "Hallo Laura, wollen wir wieder zusammen spielen?" Ein großer bunter Vogel steht neben Laura: Es ist Humpty Dumpty nach seiner Metamorphose.


Kritik

Binette Schroeder erhält in diesem, wie auch in ihren anderen Bilderbüchern ihren surreal-phantastischen Stil aufrecht (vgl. dazu Thiele 2002, S. 237). Die kolorierten Zeichnungen erstrecken sich, bis auf eine Ausnahme, über zwei Seiten, sind größtenteils auf schwarzem Grund entstanden und scheinen ob ihrer Farbgebung  und den besonderen Lichtsituationen aus sich heraus zu leuchten. Die Textur der Zeichnungen ist leicht körnig, dennoch gelingt Schroeder eine detailverliebte Darstellung des Geschehens, die dem Leser eine hohe ästhetische Erfahrung bietet.

In der Darstellungsweise lassen sich nur zu leicht Verbindungen aufzeigen zu den surrealistischen Welten, wie sie z.B. in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin zu bewundern sind. André Breton definiert den Surrealismus wie folgt: "SURREALISMUS, Subst., m. – Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens zu unterdrücken sucht. Denk-Diktate ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethnischen Überlegung. ENZYKLOPÄDIE. Philosophie. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. […]" (Breton 1990, 26f.).

In dem hier vorliegenden Bilderbuch geht es natürlich nicht um Automatismen oder um die Unterdrückung des Denkens und das Ausschalten der Vernunft, dennoch hat der Rückgriff auf einen surrealistischen Illustrationsstil eine funktionale Bedeutung: Es geht um das traumhafte Erlebnis, das Laura durchlebt, festgehalten in phantastischen, surrealen Bildwelten. Als Laura 'erwacht' und in den Wald geht, schläft ihre Tante noch, ebenso als sie wiederkommt. Das deutet darauf hin, dass auch Laura das Geschehen träumen könnte, zumal sie während Humpty Dumptys Metamorphose ebenfalls einschläft. Es geht auch um die Neugierde, mit der Laura dem Fremden und Anderen in Gestalt des Eis Humpty Dumpty begegnet, es geht um das Vertrauen, das beide einander entgegenbringen, indem sie sich aufeinander einlassen und schließlich zu Hilfe eilen. Und schließlich geht es auch um die Verwandlung, die Metamorphose des Eis in einen Vogel, ein keineswegs unnatürlicher Vorgang, der jedoch für Laura und Humpty Dumpty eine erneute Herausforderung bietet, da Laura ihren Freund erst nicht wiedererkennt. Die Wiedererkennung wird eingeleitet über die Sprache und den Satz: "Hallo Laura, wollen wir wieder zusammen spielen?" Laura wird direkt angesprochen, das Wort "wieder" impliziert, dass Laura und der Vogel sich schon einmal begegnet sind.

Thematisch greift Schroeder mit Humpty Dumpty eine Figur auf, die ihre literarische Grundlage in England hat und bereits von vielen Schriftstellern narrativ eingebettet wurde, so z.B. von Lewis Carroll in Alice hinter den Spiegeln. Humpty Dumpty ist eine Figur aus einem englischen Kinderreim: "Humpty Dumpty sat on a wall, Humpty Dumpty had a great fall, / All the King’s horses and all the King’s men, Couldn’t put Humpty together again." Auch hier geht es um Zerbrechlichkeit, allerdings findet Humpty Dumpty hier ein Ende,  Schroeder hingegen deutet sein Zerbrechen in eine natürliche Metamorphose um, die ihn zum Vogel macht.

Auf narrativer Ebene greifen im Zusammenspiel von Bild und Text "beide narrativen Ebenen ineinander […] und [übernehmen] abwechselnd das Erzählen […]" (Thiele 2002, S. 231), sodass sich Text und Bilder gegenseitig bedingen und die Geschichte erzählen. Es bedarf stellenweise auch gar keinen Text, die Bilder sind schon erzählend genug.

Fazit

Mit Laura gelingt Binette Schroeder erneut ein kleines, feines surrealistisches Werk, dessen traumhafte grafische Bildwelt den Leser geradezu in das Buch hineinzieht und ebenfalls zum Träumen anregt. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Laura und Humpty Dumpty gelangt, nachdem beide sich auf die Andersartigkeit des anderen eingelassen haben, durch Humpty Dumptys Metamorphose auf eine neue Ebene, die das Fortbestehen der Freundschaft bedeutet.

Literatur

Breton, André: Erstes Manifest des Surrealismus 1924. In: Ebd.: Die Manifeste des Surrealismus. Reinbek: Rowohlt, 1990. S. 9-43.

Carroll, Lewis: Alice hinter den Spiegeln. Mit einundfünfzig Illustrationen von John Tenniel. Übersetzt von Christian Enzensberger. Frankfurt a.M.: Insel, 1974.

Sammlung Scharf-Gerstenberg Berlin. Hrsg. v. Melanie Franke, Silke Krohn, Dieter Scholz. München u.a.: Prestel, 2008 (Prestel-Museumsführer).

Thiele, Jens: Das Bilderbuch, in: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden, Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Hrsg. v. Günther Lange. Unveränderte Aufl. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 228-242.

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