von Mirijam Steinhauser

Gold macht nicht glücklich, sondern Angst – und sogar aus dem großen bösen Wolf einen einsamen Angsthasen. Das ist die Botschaft von Das Gold des Hasen, einem Bilderbuch des Erfolgsduos Martin Baltscheit & Christine Schwarz, wie gewohnt hervorragend gestaltet und mit psychologisch anspruchsvollen Bildern.

Baltscheit, Martin; Schwarz, Christine (Text und Bild): Das Gold des Hasen.
Weinheim/Basel, Beltz & Gelberg, 2013
46 S., 14,95 €
ISBN 978-3-407-79469-7

Inhalt

Ein Hase, der sich vor allem fürchtet und stets einsam seine Goldkiste bewacht, wird vom Tod besucht und muss sein Leben lassen. In seinem Testament verspricht er seinen Besitz "dem größten Angsthasen im Wald". Dies veranlasst die Tiere dazu, mit Bezeugungen ihrer eigenen Ängste Anspruch auf das Hasenerbe zu erheben. Als alle Tiere gehört wurden und der Wald voll von ihrem Schrecken und ihren Ängsten ist, meldet sich der große böse Wolf zu Wort. Listig, wie er ist, vermag er die Tiere davon zu überzeugen, dass er das ängstlichste Wesen des Waldes sei. Sie erkennen ihm Haus und Gold des Hasen zu. Zunächst freut sich der Wolf über die Dummheit und Leichtgläubigkeit der Tiere, die auf seinen "kleinen, billigen Trick hereingefallen" sind, und über den auf diese Weise gewonnenen Schatz. Dann aber macht sich ein neues Gefühl in seinem Magen breit, das nichts mit Hunger zu tun hat… Denn wer sollte auf seinen Schatz aufpassen, während er außer Haus ist?

Kritik

Wie schon in anderen Büchern Martin Baltscheits, zum Teil gemeinsam mit Christine Schwarz geschaffen, setzt auch Das Gold des Hasen die Mittel der Fabel ein, um eine Moral zu verkünden. Hier geht es darum, die Kehrseite des Besitzdenkens aufzuzeigen.

Die Illustrationen bestechen über weite Strecken durch teils bizarre psychologische Tierporträts. Die ersten drei Bilder zeigen den Hasen als titelgebende Figur: Das erste Bild, das auch für das Cover verwendet wurde, zeigt in Großaufnahme den Hasen im Profil, in dessen übergroßem Auge sich ein vergittertes Fenster spiegelt, Sinnbild für seine Angst und Zurückgezogenheit. Die riesigen, vor Schreck geweiteten Augen werden leitmotivisch für die Angst der Tiere eingesetzt. Auf dem zweiten Bild wird der Hase nasenabwärts auf seiner Goldtruhe sitzend und mit einem goldenen Becher in der Hand gezeigt. Es handelt sich um den Moment des Todes, wie sich bei Betrachtung des dritten Bildes erweist. Dort ist der Hase in gleicher Position als Skelett zu sehen, der Becher liegt zerbrochen zu seinen Knochenfüßen. Das letzte Bild im Buchinneren zeigt den Wolf in ähnlicher Haltung und lässt damit eine wiederkehrende Handlung vermuten.

Frappierend ist im Folgenden die Auswahl der Tierfiguren, die über eine längere Strecke in der Mitte des Buches als Vertreter ihrer eigenen Ängste gezeigt werden. Gemeinhin als stark und als äußerst schwach geltende Tiere – etwa die Schlange und der Regenwurm am Angelhaken – werden gleichermaßen gehört und ins Bild gesetzt. Meisterlich ist insbesondere die Darstellung des Wolfes in seinen verschiedenen Rollen und Stimmungen. Immer wieder ergänzen die Bilder den knapp gehaltenen Text um wichtige Perspektiven, wenn etwa die mit Stacheln, Schlössern und Gittern bewehrte Behausung des Hasen gezeigt wird oder das Ende einer Eintagsfliege. Die Stimmung der Angst, die im Wald verbreitet wird, zeigt das entsprechende Bild, indem Bäume und Wolken zu Fratzen werden. Landschaft wird zum Stimmungsträger (vgl. die Verwandtschaft dieses Bildes zu Anthony Brownes berühmtem Bilderbuch Stimmen im Park).

Bemerkenswert und gleichzeitig typisch für Baltscheits Arbeiten (vgl. etwa Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor) sind weiterhin die intertextuellen Anspielungen. Diese bündeln sich hier in der Figur des bösen Wolfes, eine Vorgehensweise, die im aktuellen Bilderbuch häufiger zu beobachten ist (vgl. etwa die Arbeiten von Mario Ramos). Über die in Text und Bild gesetzten Märchenanspielungen wird neben der Fabel also noch eine weitere Gattung einbezogen, in der Tierfiguren eine wichtige Rolle spielen. Über die Umkehrung der Verhältnisse – der Wolf stellt sich als Opfer von Rotkäppchen und der Großmutter dar – wird ein komischer Effekt erzielt.

Paratextuell und typografisch ist das Buch sorgfältig gestaltet: Schwarz und Gold ziehen sich als Schrift- und Papierfarben durch das Buch und seine Rahmenbereiche hindurch. Die Sprache ist präzise und hintersinnig zugleich.

Fazit

Das Gold des Hasen ist ein gestalterisch und künstlerisch hoch durchdachtes Buch, das in seiner Botschaft aktuell ist. Wie bei Fabeln üblich, bleibt dem Rezipienten das Lachen beim Lesen und Betrachten immer wieder im Halse stecken. In jedem Fall liegt hier ein Buch vor, das zum Austausch über Themen wie Angst und Täuschung, Besitzdenken und Einsamkeit anregt und darüber hinaus ungewohnte Blickwinkel eröffnet.



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