von Sabine Planka

Wenn viele kleine Mäuse unter einem Dach wohnen, geht es turbulent und abenteuerlich zu. Das merken auch die beiden Mäusekinder Sam und Julia, die gemeinsam viele Abenteuer erleben und so unterschiedliche Lebensweisen kennenlernen. Ein wunderbares Buch, das sowohl aufgrund der Geschichte als auch hinsichtlich der Art der fotografischen Bebilderung nicht nur Kinder begeistert.

 

Schaapman, Karina: Das Mäusehaus – Sam & Julia.
Ausgedacht, gebaut und geschrieben von Karina Schaapman. Fotografiert von Ton Bouwer. Deutsch von Kristina Kreuzer.                  Ellermann Verlag, Hamburg 2012
61 S., 14,95 €
ISBN 978‐3‐7707-5724-4

 Inhalt

Sam und Julia sind zwei kleine Mäusekinder, die zusammen mit anderen Mäusen in einem großen Haus wohnen. Während Julia nur mit ihrer Mutter zusammenlebt, geht es bei Sam turbulenter zu: Seine Großfamilie besteht aus ihm, seinen Eltern, zwei Großelternpaaren und zahlreichen Geschwistern.

In unterschiedlichen kurzen Abenteuern, die zusammengehalten werden durch den Schauplatz – das große Mäusehaus – und die beiden Protagonisten – Sam und Julia – erkunden die beiden Protagonisten ihre Umgebung und erleben spannende Abenteuer: So bauen sich die beiden unter einer Treppe im Haus eine geheime Höhle, in der sie ihre geheime Schatzkiste verstecken und stundenlang zusammen spielen. Aber sie machen sich auch auf und helfen den Bewohnern des großen Hauses. So sortieren Sie zusammen mit dem Lumpensammler – "[…] er [ruft], so laut er kann: 'Lumpen! Lumpen! Wer hat noch Lumpen?' Deshalb nennen ihn alle den Lumpensammler." (S. 13) – dessen gesammelte Lumpen, helfen Sams Mutter beim Wickeln der Geschwister und waschen  die Wäsche, letzteres mit ungeahnten Folgen: Julia füllt die ganze Packung Waschpulver in die Waschmaschine, sodass der Schaum aus der Maschine in die Waschküche quillt und Sam und Julia alles schnell putzen müssen. Auch Krankheit wird nicht ausgeklammert: Julia bekommt Windpocken und muss für ein paar Tage zu Hause bleiben, sodass sie nicht mit Sam spielen kann. Der wiederum nimmt sich neben den Unternehmungen mit Julia auch mal Zeit für sich und will sein Buch zu Ende lesen. Auch Angst und Schrecken erleben die beiden gemeinsam: Auf dem Weg zu ihrer Höhle glauben Sam und Julia, einer Ratte gegenüberzustehen, bis sie erkennen, dass Sams Lampe, die er hinter Julia herträgt, ihren Schatten auf die Wand geworfen hat und sie sich davor erschrocken haben.

Kritik

Das Buch Das Mäusehaus der niederländischen Autorin Karina Schaapman weist mehrere Besonderheiten auf. Herausstechend sind vor allem die Bilder, die nicht gemalt sind, sondern in Form von Fotografien vorliegen und sich großformatig z.T. über eine Doppelseite erstrecken, aber immer einen weißen Streifen für den begleitenden Text lassen.

Diese Fotografien zeigen das Mäusehaus, an dem die Autorin drei Jahre lang gearbeitet und tatsächlich alles im Miniaturformat selbst entworfen hat: Von Lampenschirmen über Kuchenstückchen bis hin zu Mini-Comics und Mini-Musikinstrumenten und natürlich auch den Protagonisten wurde alles in mühevoller Eigenarbeit hergestellt und zu einem umwerfenden Gesamtbild arrangiert worden. So ist nicht nur eine gemütliche Puppenstube entstanden, sondern ein drei Meter hohes, zwei Meter breites und ein Meter tiefes Mäusehaus, das inzwischen in der Öffentlichen Bibliothek Amsterdam besichtigt (oder hier) werden kann. Im Interview erklärt die Autorin: "Ich habe eine Apfelsinenkiste genommen und vier Zimmer hinein gebaut. Dann habe ich weitergemacht bis das Dach eine Höhe von 3 Metern erreicht hatte […]. Ich wollte allerlei Geschichten erzählen, also baute ich immer gerade das Zimmer, das für die Geschichte nötig war. Es ist kein Zimmer ohne Grund da" (Pressemappe zu Das Mäusehaus, S. 5) Der Kreativität Schaapmans scheinen keine Grenzen gesetzt: Die Autorin erschafft für jede Wohn- und Abenteuersituation eine Kulisse, in die der Leser sich sofort hineinversetzen kann. Das korrespondiert mit einem besonderen Wunsch der Autorin, die sich in den Niederlanden auch durch Erwachsenenbücher einen Namen gemacht hat: "Für ein Kinderbuch wollte ich […] eine freundliche, liebe, sichere Mäusewelt [erschaffen], die man Kindern wünscht und nach der sich Erwachsene zurücksehnen" (Pressemappe, S. 6). Der kindlichen – und gleichwohl der erwachsenen – Phantasie wird bei der Betrachtung der liebevoll gestalteten Bilder viel Freiraum zugestanden, kann doch auf den Bildern, die zurecht mit Wimmelbildern verglichen wurden (vgl. Pressemappe, S. 2), so einiges entdeckt werden. Da sind z.B. die winzigen Kuchenstückchen in der Bäckerei, in der Sam und Julia für 10 Cent Kuchenkrümel kaufen, es finden sich winzige Chiqita-Bananenkisten, kleine Kerzen und Lampen, gestrickte Socken und Pullover. Über die Kleidung lassen sich auch die Mäuse unterscheiden: Herausragend ist wohl Sams Opa, der als echter Seemann nur mit einer Hose bekleidet ist und eine Seemannsmütze trägt und damit auf Bauch und Rücken Tätowierungen präsentiert, von denen Julia beeindruckt ist und erstaunt feststellen muss, dass man diese Bilder tatsächlich nicht abreiben kann (vgl. Schaapman, S. 50f.).

Diese liebevolle Gestaltung des Buches – so wird z.B. Julia, als sie Windpocken hat, mit kleinen roten Punkten gezeigt, die Schaapman ihr auf den genähten Körper gestickt hat – ermöglicht durch den persönlichen Hintergrund der Autorin eine neue Betrachtungsweise: Schaapman war lange Jahre als Politikern in den Niederlanden tätig und wurde konfrontiert mit Gewalt, Kriminalität und Kindesmisshandlung, häusliche Gewalt, Ehrenmord. Davon hatte sie genug, wie sie selbst in einem Interview erläutert (das Interview ist auf der Homepage des Ellermann-Verlages hier zu erreichen), auch wenn sie sich noch heute einsetzt "für die Rechte von Frauen und Kindern, für Chancengleichheit und das Recht auf Bildung" (Pressemappe, S. 3). Insofern kann das Buch als eine Art persönliche Abkehr der Autorin – die auch autobiografische Elemente in der Gestaltung des Mäusehauses hat einfließen lassen, wie sie im Interview erzählt – von Gewalt und sozialem Unfrieden verstanden werden, der sich deutlich auf der inhaltlichen Ebene der Geschichten manifestiert.

Schaapman scheut sich nicht, 'Probleme' wie unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufzugreifen und unterschiedliche heterogene Lebensentwürfe zu zeigen, die aber keineswegs für Spannungen sorgen, im Gegenteil: Diese Unterschiede nutzt Schaapman, um sowohl Sam und Julia als auch dem Leser das Andere als einen differierenden Lebensentwurf zu präsentieren, der ebenso wie der eigene eine völlig selbstverständliche Daseinsberechtigung hat. So wird Sams Großfamilie, die Freitagabends den Sabbat feiern, neben Julias alleinerziehende Mutter gestellt und verbunden durch die gemeinsame Wohnsituation unter einem Dach im Mäusehaus. Damit fördert Schaapman das Verständnis von Miteinander und das Erlernen von Rücksichtnahme.

Schapmann zeigt Welt, die ganz auf das kindliche Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit ausgerichtet ist: "Die Welt der Kinder soll eine gute Welt sein. Warm, sicher und gemütlich. Eine Welt, in der du gerne leben würdest. Weil du weißt, dass der raue Alltag anders ist" (Interview mit Schaapman auf der Ellermann-Homepage).

Fazit

Das Mäusehaus ist ein wunderbar gestaltetet Bilderbuch, das durch die Detailverliebtheit der in den Bildern gezeigten Kulisse und durch die erzählten Geschichten besticht. Mit Sam und Julia werden zwei Mäuse als Protagonisten etabliert, die den Leser am alltäglichen Leben und den damit verbundenen Abenteuern teilhaben lassen und eine – vor dem beruflichen Hintergrund der Autorin nachvollziehbare – harmonische Welt bewohnen, in die der Leser eintauchen kann. Zurecht feiert das Buch internationale Erfolge und wurde in bisher 7 Sprachen übersetzt. Fortsetzung folgt hoffentlich ganz bald…


Literatur

Pressemappe zu Das Mäusehaus. Ellermann: Hamburg 2012.

 

 

 


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