von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

"Auf der Fahrt in den Tod warf meine Mutter mich ins Leben…" – Ein außergewöhnliches Bilderbuch über den Holocaust, das die Möglichkeit eröffnet, mit Kindern über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu sprechen.

Vander Zee, Ruth/Innocenti, Roberto: Erikas Geschichte.
Deutsch von Gabriele Haefs.                        Hildesheim, Gerstenberg, 2013 (deutsche Erstauflage 2003).
20 Seiten. 16,95 Euro.
ISBN 978 – 3 -8369 – 57700

Inhalt

Das Bilderbuch mit Text von Ruth Vander Zee und Illustrationen von Roberto Innocenti erzählt die (wahre) Geschichte von Erika, die als Baby von ihrer Mutter aus einem Zug geworfen wurde, der in der NS-Zeit Hunderte von Juden in ein Konzentrationslager brachte, wo sie den Tod fanden.

Der Text entwirft eine fragende Grundhaltung. Erika weiß nicht, wer ihre Eltern waren, wie ihr richtiger Name lautete, wie ihre Mutter empfunden hat, als sie sie aus dem Zug warf. Text und Bilder nehmen durchgehend die Perspektive der Protagonistin ein. Diese stellt die Autorin im Vorwort als Erika vor, der sie im Jahr 1995 in Rothenburg ob der Tauber begegnete. Hier erzählte Erika ihre Geschichte, die sich im Folgenden als rückblickende Ich-Erzählung entfaltet. Erika wurde von einer Frau aufgenommen und groß gezogen. Wie die Beziehung des Kindes zu dieser Frau war, bleibt offen, da der Text bei der neutralen Darstellung des Handelns der Ziehmutter bleibt.

Erika überlebte den Holocaust, heiratete und bekam drei Kinder. Doch die Fragen und die Traurigkeit begleiten sie durch ihr ganzes Leben, denn am Ende bleibt die unsägliche Wahrheit bestehen: "Einst hieß es, mein Volk werde so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Zwischen 1933 und 1945 sind sechs Millionen von diesen Sternen ausgelöscht worden. Jeder Stern steht für einen Menschen aus meinem Volk, dessen Leben zerstört und dessen Familie auseinandergerissen wurde." (Vander Zee/Innocenti 2013, unpag.) So schließt der Text.

Kritik

Erikas Geschichte ist ein außergewöhnliches Bilderbuch, schon allein deshalb, weil es eines der wenigen ist, das den Versuch unternimmt, Grundschulkindern die schwierige Thematik "Holocaust" nahezubringen. Durch die einfachen, schlichten Sätze gewinnen Leser oder Zuhörer den Eindruck, als seien sie unmittelbar in die Erzählsituation hineingeworfen. Stockend scheint die Protagonistin Worte zu suchen für das Unfassbare, was ihrem Volk im Dritten Reich geschah: "Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren. Ich kenne mein Geburtsdatum nicht. Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde…"(Vander Zee/Innocenti  2013, unpag.)

Unterstrichen wird diese sprachliche Authentizität durch die an Dokumentarfotos erinnernden Bilder von Roberto Innocenti. Die Menschen werden hier nie mit ihren Gesichtern gezeigt, sie sind immer verdeckt.  Nur das Baby auf der Wiese, das aus dem Zug geworfen wurde, zeigt sein Gesicht und verweist somit auf das Leben, die lebendige Zukunft, die den anderen Menschen auf den Illustrationen verwehrt ist. Eine ähnliche Verweishaltung nimmt die Farbgestaltung in den Bildern ein. Sie sind überwiegend dunkel, Brauntöne überwiegen. Davon hebt sich schließlich das Rosa des Tuches ab, in das das Baby eingewickelt ist. Das allerletzte Bild, das Erika als junges Mädchen zeigt, wie sie einem dampfenden Zug hinterherschaut, ist ebenfalls bunt.

Vor diesem Hintergrund ist die Symbolkraft des Buches zu betonen, die sich aus dem Zusammenspiel der Text-Bild-Komposition ergibt. Durch die Gestaltung wirkt das Buch sehr eindringlich, persönlich, plastisch, authentisch und sehr nah am Leser und Betrachter. Gerade darum ist das Bilderbuch für den schulischen Einsatz besonders zu empfehlen (vgl. dazu die Unterrichtsanregungen von Richter/Plath 2007). Der Text bietet zahlreiche Gesprächsanlässe und die Bilder laden dazu ein, sie lange und intensiv zu betrachten. Auf diese Weise ist ein Ansatzpunkt geschaffen, um mit Kindern über dieses schwierige Thema zu sprechen, zu dem sie in der Regel von selbst viele Fragen haben (vgl. Deckert-Peaceman 2002). Lehrpersonen brauchen dafür bestimmt ein wenig Mut, denn es fällt nicht unbedingt leicht, mit Grundschulkindern über den Holocaust zu sprechen. Das Bilderbuch Erikas Geschichte ist eine Hilfestellung – die Autorin und der Illustrator waren so mutig, Texte und Bilder für unfassbare Ereignisse zu suchen und kindgerecht aufzubereiten.

Trauer und Sprachlosigkeit bleiben, wenn Erika fragt: "Hat meine Mutter gesagt 'Verzeihung, Verzeihung, Verzeihung'? Hat sie sich durch die vielen Menschen zur hölzernen Wagenwand durchgedrängt? Hat sie geweint? Hat sie gebetet?" (Vander Zee/Innocenti 2013, unpag.) Diese und viele andere Fragen werden immer offen bleiben.

Fazit

Ein beeindruckendes, sehr gelungenes Bilderbuch über ein schwieriges Thema.

Literatur

Deckert-Peaceman, Heike: Holocaust als Thema für Grundschulkinder? Ethnographische Feldforschung zur Holocaust Education am Beispiel einer Fallstudie aus dem amerikanischen Grundschulunterricht und ihre Relevanz für die Grundschulpädagogik in Deutschland. Frankfurt/M. 2002.

Richter, Karin/Plath, Monika: "Holocaust" in Bildgeschichten. Modelle und Materialien für den Literaturunterricht (Klasse 4 – Klasse 7). Hohengehren: Schneider 2007.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2