Die Sektion Generation der 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2015

von Holger Twele

Die in Kplus und 14plus unterteilte Sektion Generation der Berlinale ist dafür bekannt, mit ihrer Filmauswahl nicht den breiten Massengeschmack zu bedienen. Vielmehr geht es den Veranstaltern darum, die große Bandbreite an Themen und Gestaltungsmitteln im internationalen Vergleich aufzuzeigen, die Grenzen insbesondere des Kinderfilms stets neu auszuloten und das junge Publikum auf produktive Weise herauszufordern. Das macht die Sektion zu einer der interessantesten des ganzen Festivals. Um Herausforderungen ging es auch bei den jungen Protagonisten der Filme selbst. Sie hatten schwierige Aufgaben zu meistern und mussten Entscheidungen treffen, die ihnen in Anbetracht ihres Alters viel Mut, Kraft und Phantasie abverlangten.

Auch (Super-)Helden haben Probleme

Trotz der Initiative "Der besondere Kinderfilm" schaffte es diesmal keine rein deutsche Produktion in den Wettbewerb. Zum Ausgleich dafür stehen bei Kplus gleich zwei deutsche Koproduktionen für die Vielfalt der ausgewählten Beiträge: ein Genre-Fantasyfilm für die Jüngeren und ein anspruchsvolles Sozialdrama für junge Leute ab 12 Jahren, das am Ende von der Kinderfilmjury und der Fachjury ausgezeichnet worden ist. Die dänische Koproduktion Antboy: Die Rache der roten Furie von Ask Hasselbalch über einen unscheinbaren Jungen, der nach einem Ameisenbiss wie seine Comic-Vorbilder zum Superhelden wird, aber über eine von ihm zurückgewiesene Verehrerin und ihre Rache an ihm erst lernen muss, dass Helden stets für das Gute kämpfen sollen, ist technisch weitaus aufwändiger und actionreicher als der erste Teil umgesetzt, verliert allerdings etwas vom Charme und Witz des Vorgängers.

Anhand einer intensiven Geschwisterbeziehung nähert sich die schwedische Koproduktion Stella von Sanna Lenken dem schwierigen Thema Essstörung bzw. Magersucht. Die pummelige Stella hat sich ihre durchtrainierte ältere Schwester Katja zum Vorbild genommen, der eine glänzende Karriere als Eiskunstläuferin bevorsteht. Als Stella mitbekommt, dass Katja heimlich immer weniger Nahrung zu sich nimmt und schon einen Schwächeanfall erlitten hat, steht sie vor der schwierigen Entscheidung, das Geheimnis Katja zuliebe für sich zu behalten oder die Eltern und den Trainer einzuweihen und damit die Schwester zu enttäuschen. Am Ende erweist sich Katjas Erkrankung weitaus komplizierter, als die ganze Familie wahrhaben möchte.

Roadmovies oder: Der Weg ist das Ziel

Bei einem Roadmovie, das mit einem klassischen Entwicklungsroman vieles gemeinsam hat, zumal wenn es sich um junge Protagonisten handelt, muss die Reise keineswegs mit einem Auto oder einem fahrbaren Untersatz erfolgen. In einigen Ländern sind Kamele das weitaus bessere Fortbewegungsmittel, wie gleich drei Kplus-Filme sehr eindrucksvoll zeigen: In Der Weg zum Fluss von Li Ruijun (VR China) müssen sich zwei Brüder aus dem Nomadenvolk der Yuguren auf einer langen Reise durch die Steppe zusammenraufen. Weil das Geld der Familie nicht reichte, durfte nur einer von ihnen fernab der Heimat die Schule besuchen, während der andere die Schafe hütete. Als der Großvater stirbt, der für ihn gesorgt hatte, machen sich beide Brüder auf ihren Kamelen auf den Weg zu den Eltern. Dabei müssen sie nicht nur Neid und Konkurrenzdenken überwinden und ihre spezifischen Kenntnisse austauschen. Sie erleben auch hautnah mit, wie die ungehemmte Industrialisierung des Landes zu irreversiblen Umweltschäden geführt und die Lebensgrundlagen der Nomaden und ihrer Familie zerstört hat.

Verhalten systemkritisch gibt sich auch Das himmlische Kamel von Yury Feting aus der Russischen Föderation, in dem die alten Mythen, die schamanischen Riten und die Naturverbundenheit der mongolischen Steppenbewohner vor dem Ausverkauf stehen. Etwas plakativ steht die amerikanische Filmindustrie hierbei Pate. Denn nachdem bei einer US-Produktion ein Kamel zu Tode kam, wird dringend ein Ersatz gesucht und in einem jungen Kamel gefunden, das einer Nomadenfamilie gehörte und magische Fähigkeiten besitzen soll. Das verzweifelte Muttertier macht sich auf die Suche nach seinem Jungen, wie auch der Sohn des Vaters, der auf seiner abenteuerlichen und gefährlichen Reise Selbstlosigkeit und Freundschaft erfährt, aber auch Habsucht und Geldgier der Menschen kennenlernt.

Der märchenhafte und zugleich sehr realistische indische Film Dhanak (Regenbogen) von Nagesh Kukunoor, der wie Stella ebenfalls von beiden Jurys ausgezeichnet wurde, verbindet einige Hauptmotive der anderen Filme miteinander. Zwei Waisenkinder, die bei Onkel und Tante leben, reißen von zu Hause aus und begeben sich (ebenfalls auf einem Kamel) auf eine mitunter lebensbedrohliche Reise quer durch das Land, um einen Filmstar persönlich um Hilfe zu bitten. Denn der Junge ist blind, und seine ältere Schwester hofft, der Filmstar werde die Operation bezahlen, die ihrem Bruder das Augenlicht zurückgeben könnte.

Fehlverhalten der Erziehungsberechtigten

Bereits in Dhanak klingt ein weiteres Motiv an, das sich in zahlreichen anderen Wettbewerbsfilmen wiederfindet: der Egoismus, die Ignoranz oder einfach nur das Fehlen von Erziehungsberechtigten, die den Kindern Halt und Sicherheit geben könnten. Beispielsweise in Konfetti Ernte von Tallulah Hazekamp Schwab (Niederlande, Belgien). In dieser Coming-of-Age-Geschichte versucht sich eine Zwölfjährige als einzige Tochter unter lauter Söhnen gegen ihre christlich-fundamentalistisch orientierten Eltern zu behaupten, wobei nur einer der Brüder zu ihr steht, dann aber von den Eltern grausam abgestraft wird. Das weckt gängige Erwartungshaltungen über Sekten und religiöse Fanatiker, die der Film bewusst nicht erfüllen möchte. Es gibt nur wenige Dialoge und keine überdramatische Eskalation, dafür umso stärkere Bilder voller Poesie und Sensibilität über die innere Rebellion und Selbstbehauptung der Heldin, die von Hendrikje Nieuwerf mit geradezu umwerfender Präsenz verkörpert wird.

An dieser Stelle darf der deutsche Debütfilm Im Spinnwebhaus von Mara Eibl-Eibesfeldt nicht unerwähnt bleiben, obwohl er nur als Cross-Section-Film in der Reihe Perspektive Deutsches Kino programmiert war. Denn diese von Kameramann Jürgen Jürges in Schwarzweiß gedrehte märchenhafte Parabel besticht ebenfalls durch eine außergewöhnlich poetische Filmsprache, darüber hinaus durch die glänzend geführten Kinderdarsteller. Im Film übernimmt der 12-jährige Jonas die Verantwortung für seine beiden jüngeren Geschwister, nachdem die psychisch erkrankte Mutter ihre Kinder auf unbestimmte Zeit ihrem Schicksal überlassen hat. Niemand außer einem geheimnisvollen jungen Mann interessiert sich wirklich für diese Kinder, die sich immer mehr in ihre Phantasiewelt zurückziehen und es dabei auch mit der von Dämonen beherrschten Welt der Mutter aufnehmen müssen.

Äußere Bedrohung und inneres Gleichgewicht

Fast könnte man denken, die Filme der Sektion würden ausschließlich im Bereich der Familie angesiedelt sein, doch wie schon beim chinesischen Film taucht der gesellschaftliche Hintergrund dann doch unvermittelt auf. Besonders deutlich ist das bei Schneepiraten von Faruk Hacihafizoglu, der während der Militärdiktatur in der Osttürkei zu Beginn der 1980er-Jahre spielt. Es ist mitten im eiskalten Winter, die Kohlezuteilungen durch den Staat funktionieren nicht, es herrscht Ausgangssperre, in den Gefängnissen wird gefoltert, und die Kinder sind den Repressalien durch ihren Lehrer schutzlos ausgeliefert, dürfen auch kein Wort Kurdisch reden. Im Kampf ums tägliche Überleben und um ein paar Brocken Schlacke aus den Fabriköfen lassen sich die Kinder jedoch nicht unterkriegen. Ein paar Schlittschuhe sind der größte Wunsch, und gemeinsam versuchen die Kinder, Polizei und Militär an der Nase herumzuführen.

In dem amerikanischen Film Goldenes Königreich, den Brian Perkins in der ehemaligen Militärdiktatur Myanmar (Burma) im Goldenen Dreieck drehte, sind vier buddhistische Mönchsnovizen in einem abgelegenen Kloster plötzlich auf sich gestellt, nachdem ihr Mentor, ein alter Mönch, in die Stadt reisen musste. Schemenhaft zwischen Traum und Realität nehmen die Zehnjährigen den Krieg um sich herum wahr, es fallen Schüsse, Leichen sind auf einer Wiese verstreut, ein verwundeter Soldat stirbt im Kloster, der Horror ist inmitten der blühenden, unberührten Natur spürbar. Trotz dieser Herausforderungen gelingt es den Kindern, ihre Angst zu überwinden, ihre innere Ruhe zu bewahren und Verantwortung für sich zu übernehmen.

Goldenes Königreich

Sexualität und Erste Liebe

Großen Herausforderungen müssen sich auch die Jugendlichen in den Wettbewerbsfilmen von 14plus stellen, wobei ihrem Alter entsprechend drei weitere Themenbereiche in den Vordergrund rücken, allem voran die Entdeckung der Sexualität und die erste Liebe. Noch vergleichsweise harmlos, überaus originell und mit viel Situationskomik geht es in 14+ von Andrey Zaytsev aus der Russischen Föderation zur Sache. Darin möchte ein russischer Teenager seine Angebetete gegen den Widerstand einer kahlgeschorenen Gang erobern, während seine Mutter viel zu spät merkt, dass ihr Junge erwachsen geworden ist.

14+

In The Diary of a Teenage Girl von Marielle Heller entdeckt die 15-jährige Minnie aus Kalifornien ihre Sexualität und ihre Passion für Comic-Zeichnungen. Als Vorlage diente denn auch ein Comic aus den 1970er-Jahren zur Zeit der Flower-Power-Bewegung. Entsprechend bunt und überzeichnet ist der Film, direkt und tabulos. Ihren ersten Sex hat Minnie mit dem Freund ihrer Mutter, der vorübergehend beide Beziehungen unter einen Hut bringt. Je experimentierfreudiger Minnie in puncto Sexualpraktiken wird, desto einsamer fühlt sie sich, bis sie in den Schoß ihrer Familie zurückfindet.

 

Diary of a Teenage Girl

Ein völlig anderes Problem hat der Protagonist in Short Skin von Duccio Chiarini, nämlich eine zu enge Vorhaut, die seine ersten sexuellen Erlebnisse zur Qual macht. Auch bei dieser ungewöhnlichen Coming-of-Age-Geschichte aus Italien geht es zur Sache, zumal der Junge höllische Angst vor einer Operation hat und Tintenfische (!) sein Problem nun nicht wirklich lösen können.

Der eindrucksvollste Film in diesem Themenbereich kam jedoch aus den Niederlanden und wurde mit Deutschland koproduziert. Nena – Viel mehr geht nicht von Saskia Diesing spielt 1989, als DDR-Flüchtlinge sich in der ungarischen Botschaft aufhielten. Uwe Ochsenknecht brilliert hier als behinderter Literaturprofessor im Rollstuhl mit ausgeprägter Todessehnsucht, während seine Filmtochter Nena gerade das wahre Leben und die Liebe entdeckt. Ein Film, der noch viel Diskussionsstoff liefern wird, denn der Vater bittet seine Tochter am Ende um Sterbehilfe.

 

Nena – Viel mehr geht nicht

Berufswünsche

Wie sich die eigene (berufliche) Zukunft gestalten lässt, gerade wenn der familiäre Hintergrund dem entgegensteht, zeigten mehrere Filme mit jeweils unverwechselbarer Handschrift. In Cloro von Lamberto Sanfelice fühlt sich eine Synchronschwimmerin gezwungen, ihre Ausbildung in Ostia abzubrechen und zu ihrem Vater in die winterlichen Apenninen zu ziehen. Ihr kleiner Bruder braucht dringend Unterstützung, nachdem der Vater durch den Verlust von Job und Haus und nach dem Tod seiner Frau psychisch erkrankt ist. Während sie tagsüber als Hotelkraft arbeitet und nachts heimlich im Schwimmbecken trainiert, muss sie sich entscheiden, ob sie ihr eigenes Leben verfolgen oder sich in den Dienst ihrer Familie stellen soll.

In argentinischen El Gurí (The Kid) von Sergio Mazza kümmert sich der zehnjährige Gonzalo um seine kleine Schwester, nachdem die als Prostituierte arbeitende Mutter an Aids erkrankt ist und sich zum Sterben zurückgezogen hat. Gemeinsam mit einer jungen Frau, die auf der Durchreise zu einer neuen Arbeitsstelle im Ort strandete, überlegen sich einige Dorfbewohner, wie sie dem Jungen helfen können.

In The Beat Beneath my Feet von John Williams träumt der als Außenseiter geltende Tom davon, ein Rockstar zu werden, was seine streng gläubige konservative Mutter ihm jedoch nie erlauben würde. Als ein von der Justiz gesuchter ehemaliger Rockstar, der offiziell für tot erklärt wurde, inkognito in die Nachbarwohnung einzieht, sieht Tom endlich seine Chance gekommen, auch wenn er dadurch seine Mutter schwer enttäuschen muss.

Gewalterfahrungen

Was im Kinderfilm oft nur angedeutet wird, schlägt bei den Filmen von 14plus voll durch, selbst wenn die Protagonisten dem Kindesalter noch nicht ganz entwachsen sind. In der kanadisch-afghanischen Produktion Mina Walking von Yosef Baraki versucht sich die 12-jährige Mina aus Kabul in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu behaupten. Sie macht den Haushalt, sorgt für den senilen Großvater und verdient sich durch Straßenverkäufe den Lebensunterhalt für die Familie, während der Vater als Junkie nur zur Last geworden ist und sein Kind obendrein schlägt. Als der Großvater stirbt, versucht sie aus der drückenden Enge der Familie auszubrechen, begibt sich dadurch aber in neue Abhängigkeiten. Es ist die Momentaufnahme eines zerrissenen Landes zwischen Tradition und Moderne, bravourös gespielt von der jungen Hauptdarstellerin, die in ihrer Rolle geradezu Übermenschliches leistet. Schade nur, dass der Autor und Regisseur auch noch die Kamera selbst führte und mit nervigen Schwenks einen Teil der Authentizität zerstörte.

Im Kanada des Jahres 1966 ist das dialoglastige, spröde Drama Corbo von Mathieu Denis angesiedelt. Darin schließt sich ein italienischstämmiger Schüler aus der Oberschicht einer Gruppe von Widerstandskämpfern gegen die Unterdrückung der Ausländer und der frankophonen Kanadier durch die Engländer in Quebec an und wird später bei einem Bombenattentat getötet. Trotz des schwer zu vermittelnden historischen Hintergrunds ermöglicht der Film aktuelle Bezüge mit dem Missbrauch von Jugendlichen für angeblich höhere Ideale und Zwecke.

Einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterließ der schwedische Film Flocken von Beata Gårdeler, der überraschend, aber verdientermaßen von der Jugendjury ausgezeichnet wurde. In beklemmenden Bildern erzählt der Film die Leidensgeschichte einer 14-Jährigen, die von ihrem Klassenkameraden vergewaltigt wurde und mit ihrer Familie nach ihrer Anzeige von der ganzen Dorfgemeinschaft bedroht wird. Sie wird als Hure abgestempelt und zum Freiwild erklärt, da der Täter im Unterschied zu ihr sehr beliebt ist und dessen übermächtige Mutter ihren Sohn um jeden Preis schützen möchte. Gewalt gibt es nicht nur in fernen Krisengebieten, sie schlummert auch hinter der Fassade des Bürgerlichen.

 

Flocken

Einen Überblick über die Preisträger der Sektion "Generation" der Berlinale 2015 finden Sie hier.

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